Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 34 (24.8.1917)
- Date
- 1917-08-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. [Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: | Viertel). M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Qanzj. M. 4.—, Einzelnummer 10 PI.—Verlag des »Jüdischen Echo“: München, Herzog Mazstr 4 — Redaktion: Helene! Hanna Cohn, München, Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum •10 PI. — Bei Wiederholungen Rabatt.— ' T- *\. Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 34 München / 4. Jahrgang 24. August 1917 Zur polnischen Judenfrage. Von * * * Der nachfolgende Beitrag zur polnischen Judenfrage geht den „N. jüd. Monatsheften“ von der national-jüdischen Seite zu als Erwiderung auf einen gleichnamigen Aufsatz in der „Europäischen Staatsu. Wirtschaftszeitung. D. Red. In der Nummer 29 der „Europäischen Staats¬ und Wirtschaftszeitung“ erschien ein längerer Aufsatz „Ein Beitrag zur polnischen Judenfrage“. Der Artikel, der anonym erschien, gelangte zugleich in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“, im „Israelit“ und im Hamburger „Israelitischen Familienblatt“ zum Abdruck. Schon diese Form der Publikation in vier Organen erscheint etwas ungewöhnlich; doppelt merkwürdig muß aber die Publikationsform erscheinen, wenn man die Verschiedenartigkeit der Zeitungen bedenkt, die ihn zu gleicher Zeit veröffentlichen. Die „Allgemeine Zeitung des Judentums“ vertritt bekanntlich das liberale Judentum in radikalster Form, der „Israelit“ ist das Leiborgan des extremsten Flügels der Orthodoxie, und das Hamburger „Israelitische Familienblatt“ ist ein mittelparteiliches Blatt und steht auf dem Standpunkt der Durchschnittsanschauungen der großen Masse des deutschen Judentums. Daß diese drei Blätter von so entgegengesezten Tendenzen denselben Aufsatz in einer Form veröffentlichen, die zeigt, daß sie im wesentlichen mit den von ihm dargelegten Anschauungen übereinstimmen, ist auffallend und läßt eiinen strikten Schluß auf den Kreis zu, aus dem der Aufsatz stammt. Dieser Schluß wird sehr erleichtert, wenn man weiß, daß die offizielle deutsche Politik in der Judenfrage in Polen zurzeit hauptsächlich von den Vertretern der liberalen und streng-orthodoxen Richtung des deutschen Judentums geleitet resp. inspiriert wird. So bietet der Aufsatz auch inhaltlich eine merkwürdige Vereinigung assimilätorischer und orthodoxer Prinzipien. Er wünscht als künftig vorherrschende Strömungen innerhalb des jjolnischen Judentums „ein aufrechteres assimiliertes Judentum und eine durch die moderne Schule gekräftigte und durch ihre Organisation aktionsfähige Orthodoxie“; also auch sachlich dieselbe Vermengung orthodoxer und assimilatorischer Tendenzen. Die Erklärung dieser seltsamen Mischung findet sich in der ausgesprochenen Gegnerschaft zur nationaljüdischen Richtung in Polen, die der Aufsatz vertritt. Wer nun weiß, daß Orthodoxie und Assimilation beide Vertreter der statischen, aller inneren Regeneration des Judentums feindlichen Kräfte des jüdischen Lebens der Gegenwart sind, wer weiß, daß sie beide schon seit Jahren in der Bekämpfung der jungjüdischen nationalen Bewegung den eigentlichen Inhalt ihrer Existenz finden; wer weiß, daß in Polen das seltsame Bild eines Zusammengehens der radikalsten Assimilation und der fanatischsten chassidäschen Orthodoxie nichts Ungewöhnliches darstellt, — der wird sich über die Seltsamkeit der Publikationsform des Aufsatzes, über die Seltsamkeit seines inhaltlichen Standpunktes nicht weiter wundern, sondern ihn gerade wegen dieser Vereinigung der beiden heterogenen Prinzipien als eine sehr charakteristische Äußerung all der Elemente betrachten, die heute gegen die national-jüdischen Forderungen in de* polnisch-jüdischen Frage kämpfen. Daß der Aufsatz daneben noch den Zweck verfolgt, die amtliche Politik der deutschen Behörden zu verteidigen, erhöht nur seine Bedeutung und sichert ihm besondere Aufmerksamkeit. Man wird es deshalb verstehen, wenn wir es für notwendig erachten, seinen Darlegungen entgegenzutreten und ihre Unrichtigkeit in den einzelnen Punkten nach weisen. Vorher jedoch noch eine notwendige Bemerkung. Der Aufsatz knüpft an eine Reihe von Artikeln an, die als „Warschauer Briefe“ in den „Berliner Neuesten Nachrichten“ erschienen sind und wie in der allgemeinen Polenfrage, so auch speziell1 in der polnisch-jüdischen Frage die Politik der deutschen Behörden heftig angriffen, dabei die Forderungen der national-jüdischen Richtungen sich aneignend. Wir brauchen nicht zu betonen, daß. wenn wir uns hier gegen den Aufsatz der „Europäischen Staats- und Wirtschaftszeitung“ wenden, wir damit keinesfalls das Berliner Blatt verteidigen wollen. Daß es die national-jüdischen Forderungen als richtig anerkannt hat, freut uns, wie jede Anerkennung unserer Forderungen. Daraus aber den Schluß zu ziehen, wie es der Verfasser des Aufsatzes und vorher schon der „Israelit“ getan hat, daß die national-jüdischen Parteien ein Bündnis mit den Alldeutschen geschlossen haben, ist absolut falsch und ist als ungerechtfertigte Beschuldigung aufs schärfste zurückzuweisen. Wir hoffen, daß, wenn wir gegen den Artikel der „Europäischen Staats- und Wirtschaftszeitung“ polemisieren, wir nicht auch der Interessengemeinschaft mit den Alldeutschen bezichtigt werden. Von drei Gesichtspunkten sucht der Aufsatz den antinationalen Standpunkt in der polnisch-jüdischen Frage zu verteidigen: vom innerjüdischen, durch die Behauptung, die Majorität der polnischen Juden billlige gar nicht die national-jüdischen Bestrebungen; vom Gesichtspunkt der leitenden Interessen der deutschen Politik in Polen und von demjenigen des Verhältnisses zwischen Polen und Juden. Prü-