Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1917-08-17 · 33 (17.8.1917) · p. Seite 360

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
33 (17.8.1917)
Date
1917-08-17
Page
Seite 360 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9102967-9138197--01612-9074436
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

360 Das Jüdische Echo Nr. 33 messungeil Vornahmen. Ebenso machten es 1905 englische Offiziere im südlichen Palästina. Als die türkische Regierung auf dieses Treiben aufmerksam wurde, war es wohl schon zu spät. Der englische Generalstab verfügt heute vermutlich über weit bessere topographische Aufnahmen von Mesopotamien und Süd-Palästina als der türkische. In den Bereich derselben Bestrebungen fallen die mit einem reichen Aufwande an Geld, diplomatischem Geschick und zäher Ausdauer verfolgten Bestrebungen, ein großes ägyptisch-arabisches Reich, einen —vorgeblich —selbständigen arabischen Khalifenstaat zu gründen, zu dem außer Arabien u. a. auch Mesopotamien gehören soll; so will England das Khalifat in die Hände bekommen als ein mächtiges politisches Werkzeug, das den Briten die volle Herrschaft über das ganze zwischen Ägypten und Indien liegende Ländergebiet sichern soll. Gegen ein Vordringen Rußlands und ein Eingreifen Afghanistans soll der schon erwähnte Vertrag von 1907 Schutz bieten. Es soll eine ganz unter englischer Herrschaft stehende Landverbindung zwischen Indien und Ägypten über Mesopotamien, Arabien und Palästina hinweg geschaffen werden. Zur Verwirklichung dieses strategisch-politischen Planes gehört die Etablierung des englischen Einflusses in Palästina. Auf rein militärischem Wege ist die Lösung dieser Aufgabe allzu schwierig. Die Erinnerung an Gallipoli, Kut-el-Amara wirkt abschreckend. England versucht nun auch hier mit der Ausnützung bereits vorhandener Strömungen für seine Zwecke zu operieren; und wenn es, in Analogie mit der geplanten Schaffung eines arabischen Khalifats, durch die Förderung der jüdischen Bewegung Palästina für sich gewinnen will, so ist das ein Beweis für die Wichtigkeit, die England dieser Bewegung beilegt. Daß es sich dabei um eine kolonisatorische Bewegung handelt, wurde schon oben ausgeführt. Von diesem Gesichtspunkt aus muß deshalb zu ihr Stellung genommen werden, wenn den englischen Plänen erfolgreich begegnet werden soll. Die Forderung des „Reichsboten“, Deutschland solle sich selbst an die Spitze dieser Bewegung stellen, enthält darum einen weltpolitisch richtigen Kern, wenn der „Reichsbote“ auch vermutlich die Sache anders gemeint hat. Man wird selbstverständlich, um in der für Deutschltnd wichtigen Palästinafrage klar zu sehen und richtig zu handeln, ihre Verquickung mit innerpolitischen Angelegenheiten ebenso vollständig vermeiden müssen, wie dies in England geschieht. Die angedeutete Palästinapolitik wird in England selbstverständlich nicht nur von solchen Juden vertreten, die selbst Zionisten sind, oder nur von solchen Nichtjuden, die Antisemiten sind. Immerhin muß gesagt werden, daß die eigentlich zionistische Auffassung der Palästinafrage den Interessen des Vierbundes ebenso entspricht, wie die englische Umdeutung diesen Interessen widerspricht. Die zionistischen Siedlungsbestrebungen bezwecken selbstredend keine Losreißung Palästinas vom türkischen Reich, sondern wollen sich im Rahmen dieses Reiches und auf Grund einer starken Interessengemeinschaft mit ihm entwickeln. Der Plan dagegen, den England und die Vereinigten Staaten in Palästina verfolgen, ist ein Teil des gegen das türkische Reich gerichteten Zerstörungsprogramms der beiden angelsächsischen Mächte. Sie werden sich dabei allerdings auch bei den eigenen Bundesgenossen auf erheblichen Widerstand gefaßt machen müssen. Es darf nicht vergessen werden, daß Frankreich. Rußland und Italien traditionelle Gegner aller britischen Bestrebungen sind, sich in Palästina politisch stark zu machen. Frankreich ist dort, wie in Syrien, der gegebene Feind solcher englischen Absichten. Es hält mit verbissener Zähigkeit an seinen Protektorats-Ansprüchen auf die Katholiken Syriens und Palästinas fest und an dem daraus abgeleiteten Anspruch auf eine bevorzugte Stellung in diesen Gebieten. Rußland ist dort ein scharfer Konkurrent Englands; es streckt die Hand aus nach dem eisfreien Hafen Alexandrette, den es, falls es nicht auf dem Wege über Armenien geht, auf dem Wege über Palästina zu erlangen hofft. Rußland durchsetzt seit vielen Jahren Jerusalem mit Kirchen, Klöstern, Hospizen und Geistlichen, und bedient sich auch der nach Palästina auswandernden Juden als russifizierender Kräfte. Alles das geschieht zielbewußt zu politischen Zwecken, die mit denen der Engländer unvereinbar sind. Auch in der Palästinafrage zeigt sich also — wie in fast allen weltpolitischen Fragen — der starke Interessengegensatz zwischen England-Amerika auf der einen, den europäischen Festlandsstaaten einschließlich Rußland auf der anderen Seite. Diese Tatsache wird sich, trotz der gegenwärtig unlogischen Gruppierung, schließlich Geltung verschaffen müssen, wenn das Interesse des europäischen Festlandes nicht unheilbar geschädigt werden soll. Auch Deutschland hat zu dieser Entwicklung noch seinen wesentlichen Teil beizutragen. Das Hilfswerk für Palästina. Die Notlage der evakuierten jüdischen Bevölkekerung in Palästina hat die Juden aller Länder zur Einleitung von Hilfsaktionen veranlaßt, die zum Teil von den zionistischen Organisationen allein, zum Teil in Verbindung mit anderen jüdischen Organisationen durchgeführt werden. Das Zionistische Zentralkomitee für Rußland hat bereits mehr als 300 000 Rubel für die Evakuierten erhalten, beim Zentral-Hilfskomitee in London sind aus England und den Kolonien ca. 20 000 Pfund für diesen Zweck eingegangen, in Deutschland hat das von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland organisierte „Hilfswerk für Palästina“ bisher 175 000 Mark für die Evakuierten eingenommen, vom Provisorischen Zionistischen Exekutiv- Komitee in New York wurden bisher 20 000 Dollar für diesen Zweck überwiesen, eine Sammlung unter den dänischen Juden ergab 23 000 Kronen, die schwedischen Juden überwiesen 20 000 Mk. in Holland sind bisher 10 000 Gulden aufgebracht worden, in der Schweiz 9000 Franken, in Italien 2000 Lire. Die Erlaubnis zur Rückkehr der Evakuierten ist bisher nicht erteilt worden. Die Regenzeit naht heran und bedroht, wie alle Nachrichten bestätigen, diesen Teil der palästinensichen Judenheit mit einer furchtbaren Katastrophe, da die, welche vorläufig in Zelten wohnen können, dann vollständig ohne Schutz gegen Sturm, Regen und Kälte bleiben. Auch die Erntearbeiten, bei denen viele der Evakuierten beschäftigt werden konnten, sind nun abgeschlossen und dadurch eine Quelle des Erwerbs versiegt. Die Zahl der an Malaria und Seuchen Leidenden wächst täglich und stündlich.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.