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Das jüdische Echo · 1917-08-10 · 32 (10.8.1917) · p. Seite 350

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
32 (10.8.1917)
Date
1917-08-10
Page
Seite 350 (sequence 2)
Language
German
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350 Das Jüdische Echo Nr. 32 Gedenket des Hilfswerk für Palästina! polnischer Abgeordneter, forderte die Regierung auf, eine Statistik vorzulegen, in welcher länderweise sowohl die Kriegsleistungen als der Ertrag aus den Kriegslieferungen der jüdischen Bevölkerung im Verhältnis zu anderen Bekenntnissen angeführt werden solle. Ob dies geschehen wird oder nicht, steht dahin. Aber der Abgeordnete Reizes hat schon in seiner Rede vom 15. Juni, dem Empfinden der österreichischen Judenschaft gemäß, sich folgendermaßen über die auf derartige Erhebungen hinzielende Bestrebungen geäußert: „Bekanntermaßen hat man in Deutschland den Versuch gemacht, eine konfessionelle Zählung in der Armee vorzunehmen. Dieser Versuch wurde dank gesunder Einsicht — die Juden hatten wahrlich keinen Anlaß, vor ihr zurückzutreten, denn die ungefähr 70 000 jüdischen Soldaten im Reiche haben über 8000 Tapferkeitsauszeichnungen erhalten — im Keime erstickt. Was in Deutschland aufgegeben wurde, ist bei uns seit einigen Monaten in Durchführung begriffen. Seit April 1917 tauchte plötzlich in verschiedenen militärischen Meldungsbögen die Rubrik „Religion“ auf. Daß diese Maßnahme die Judenzählung ist, die Judenzählung in der Armee, die in Deutschland aufgegeben wurde, ist ganz klar. Aber man zähle ruhig weiter. Vor dem Ergebnis kann uns gar nicht bange sein! Man zähle aber auch den Prozentsatz der jüdischen Soldaten in den Marschbataillonen, die an die Front abgehen, und man zähle auch die jüdischen Todesopfer . . .“ Übrigens sind die österreichischen Juden gewillt, dieses Stück Arbeit der Regierung abzunehmen. „Das jüdische Kriegsarchiv“ in Wien ist geschaffen worden, um alle Daten zu sammeln, und wir wollen hoffen, daß es damit wird rechtzeitig dienen können. Das wird notwendig sein. Denn in allen Lagern gewinnt die antisemitische Strömung die Oberhand. So lassen sich die Deutsch-Radikalen Mährens, die sich wegen ihrer jüdischen Wählerschaft auf dem Lande bisher noch einigen Zwang auferlegten, dazu verleiten, vor der deutsch geschriebenem nicht nationalen, deutlich vor der sogenannten Judenpresse zu warnen. Und auch die Sozialdemokraten beginnen, was geradezu unglaublich ist, wenn man der Entwicklung des demokratischen und nationalen Gedankens in den letzten Monaten gedenkt, in dasselbe Horn zu stoßen. Daß die „Arbeiterzeitun g“, die den „Sozialismus des dummen Kerls“ verspottete und aus kleinlich taktischen Gründen doch übernahm, eifrig schürt, ist nicht zu verwundern. Die deutsche Sozialdemokratie Österreichs will sich wohl bündnisfähig machen, wenn sie schreibt, daß Ungarn von vier, fünf Juden in die Tasche gesteckt sei. Solche tiefe Erkenntnisse könnten ebenso gut in dem Wiener alldeutschen Blättchen „Ostdeutsche Rundschau“ stehen. Denn dort finden sich fast in jeder Nummer die Kapriolen jenes gewissen Teut, die stets bei den Juden endigen, wenn ihm die nötige Einsicht in die Dinge versagt bleibt. j Sogar die Regierung, deren Verhältnis zu f den Juden schon der Umstand erhellt, daß sie den 'j Treibereien nachgebend, den Präsidenten der i Wiener israelitischen Kultusgemeinde, Dr. Alfred Stern, von der Liste der zu ernennenden Pairs strich, was die gesamte Judenschaft als Affront aufnahm, selbst die Regierung, die ihre eige-. i nen jüdischen, staatstreuen Bürger als Menschen « zweiter Klasse behandelte, die ihre Versprechunj gen beim Einzuge der österreichischen Truppen j nach Russisch-Polen so wenig hielt, die eine krasse; Zurücksetzung der Juden im Heere erduldet, selbst eine solche Regierung bleibt nicht von dem Verdachte der Judenfreundschaft befreit. Der tschechische Abgeordnete K o r o s e c fühlte sich bemüßigt, um Bekanntgabe des „Konkordats“ zu ersuchen, das die k. k. Regierung mit der „Alliance Israelite“ geschlossen habe. Aber er erhielt auf diese nur zu demagogischen Zwecken getane Rede eine schlagfertige Antwort von dem Abgeordneten Straucher, der ihn an das im Hause anwesende Vorstandsmitglied der Alliance verwies, an Dr. K u r a n d a, dem ein Sohn gefallen ist, während sein zweiter im Felde steht. Diese Bilder aus dem Parlamente dürfen nicht gleichgültig gewertet werden. Und es wäre ein großer Fehler, sollten sich nicht die Juden aller Schattierungen rechtzeitig auf Maßnahmen besinnen, die sie zur Eindämmung der antisemitischen Flut zu ergreifen hätten. Die Auseinandersetzungen werden sich nicht auf Hetzreden im Parlament, auf Anrempelungen iin der Presse, auf Beschimpfungen in der Gasse beschränken. Sie werden sehr unangfcnehm empfundene Benachteiligungen der Juden im wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Leben zur Folge haben. Mehr noch als das: Die zum Fenster hinausgesprochenen Reden der antisemitischen Abgeordneten wiegeln bereits das Volk auf, so daß Leben und Gut von Juden aufs Spiel gesetzt werden. Das Wetterleuchten hat schon begonnen. Aus Mähren und Schliesien kommen beunruhigende Nachrichten von schweren Verstößen gegen die öffentliche Ordnung.... N. W. Die Gebrüder Herrnfeld. Es gibt Menschen, deren Zynismus so weit gediehen ist, daß sie mit Vorliebe von ihren eigenen Erbärmlichkeiten reden und sich an dem peinlichen Gefühl, das ihre Schilderungen bei den Zuhörern weckt, weiden. Ein ähnlicher Trieb scheint in den Gebrüdern Herrnfeld zu leben, die demnächst zu einem Gastspiel am Deutschen Theater nach München kommen sollen. Selbst dem jüdischen Volk entstammt, suchen sie sich mit Vorliebe das Kranke und Unschöne am jüdischen Volkskörper aus: den durchtriebenen, schwindelnden Händler, den selbstgefälligen Protz, die aufdringliche Klette und ähnliche Erscheinungen eines verelendeten und verkommenen Judentums und machen daraus ein „fröhliches“ Theaterstück, über das eine große Schale klebriger Sentimentalität ausgegossen wird. Mit einem verblüffenden Zynismus stellen sie dieses Bild des heruntergekommenen Judentums allabendlich den christlichen und jüdischen „Kunstfreunden“ Berlins zur Schau.

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