Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1917-08-03 · 31 (3.8.1917) · p. Seite 346

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
31 (3.8.1917)
Date
1917-08-03
Page
Seite 346 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/9072829-9102967-9138194--01596-9074420
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

346 Das Jüdische Echo Nr. 31 Judenverfolgungen in Deutschland von 1096 bis 1146 annehmen. Wie gräßlich der Schwarm von Fanatikern, der sich für den ersten Kreuzzug unter dem Priester Qottschalk von Emicho von Leiningen gesammelt hatte, gegen die Juden am Rhein bis zur Donau mit Raub und Mord wütete, wie die Juden selbst in Verzweiflung in Mainz und an vielen anderen Orten tausendweise erst ihre Frauen und Kinder, dann sich selbst gegenseitig erwürgten, um jenen Greuelmenschen zu entgehen, ist weltbekannt. Weniger Zeugnisse liefern uns die meist mönchischen Chronisten über die auch durch ihre Langwierigkeit weit schrecklichere zweite Hauptverfolgung kurz vor dem zweiten großen Kreuzzug (1147 bis 1149), wahrscheinlich aus einigem Schamgefühl über die aus den von ihnen als heilig gepredigten Kreuzzüge täglich schauderhafter entwickelte Entmenschung der deutschen Christenheit. Diese Verfolgung tobte am fürchterlichsten am ganzen Rheinstrom und schien die letzten Spuren dieser Unglücklichen vertilgen zu müssen. Selbst der sogen, heilige Bernhard, Abt zu Clairvaux, dessen Ruf der Heiligkeit Papst Eugen III. vornehmlich zur Aufreizung der deutschen Völkerschaften zu dem zweiten Kreuzzug benützte, tadelte in einem offenem Brief das grenzenlose Übermaß der Grausamkeit dieser Judenverfolgung. Nun ist es an sich nicht widersprechend, anzunehmen, daß schon bei der ersten Verfolgung Hunderte der furchtsamem und durch bürgerliche Bande weniger gebundenen Juden bis an die entgegengesetzten waldreichen östlichen Grenzen Deutschlands flohen. Sehr leicht konnte auf diesem Weg Kaiser Heinrich IV. manchem seiner treuen Kammerknechte und einträglichsten Steuerzahler sein eigentümliches kleines Nürnberg (oppidium gentilicium. Aventin.) als Zufluchtsort öffnen. Aber es ist sehr unwahrscheinlich, daß die sonst so geduldigen Rheinjuden ihre vielhundertjährigen gesegneten Wohnstätten sogleich nach der ersten Hauptverfolgung für eine damals so wüste Gegend sollten aufgegeben und nicht vielmehr von einem wirksameren Schutz des Kaisers und der Reichsfürsten (welche letztere die Kaiser durch Verleihung des Hoheitsrechtes, Juden zu halten, zur kräftigsten Mitbeschützung derselben berufen hatten) größere Sicherheit ihres Lebens und Eigentums für die Zukunft erwartet haben. Und wirklich finden wir bei der zweiten Hauptverfolgung nach 40 Jahren die Juden schon wieder so zahlreich am Rhein und in dessen Nachbarschaft, daß wir bei der ersten Hinmetzelung so vieler .Tausende kaum irgend eine Zerstreuung ihrer Überbleibsel in entfernte Gegenden annehmen können. Auch wäre schwerlich eine ehemals schon in Nürnberg ansässige Judengemeinde von dieser zweiten Verfolgung unberührt geblieben. Dies bestätigt Otto von Freisingen, als Zeitgenosse ein glaubwürdiger Zeuge, wenn er von dieser zweiten Verfolgung sagt: „unde factum est, ut non pauci ex ipsis (Judaeis) ejus modi immanitatem fugientes in oppido, quod Noricum seu Norenberg appellatur, ad conservandam vitam se reciperent.“ Auch konnten sie kaum irgendwo einen sicherem Wohnsitz in dem gegen sie aufgeregten Deutschland finden, als eben damals in Nürnberg unter des großen Staufen Konrad III. Regierung. Das fränkische Städtlein Nürnberg war nämlich durch Heinrichs V. Tod Erbeigentum seiner Schwestersöhne, der Staufen Friedrich und Konrad, geworden. Denn daß Nürnberg von 1125 an mit sehr kurzer Unterbrechung unter Lothar II. bis zu Konradins Tod im Jahre 1269 keine Landstadt der Hohenstaufen war und nicht erst im großen Interregnum, wie die meisten anderen Reichsstände, sich ihre Reichsunmittelbarkeit erwarb, könnte in unseren Tagen nur noch ein in seiner Vaterstadt vermeintes Altertum närrisch verliebter Nürnberger behaupten, welcher sich absichtlich den deutlichsten Aussagen der Geschichte verschlösse. Dieses heitern Erbes machten sich die beiden Staufen bald darauf in dem Thronfolgekrieg gegen Lothar III. und dessen übermächtigen Schwiegersohn, den Herzog von Bayern und Sachsen Heinrich den Stolzen, durch heldenwürdige Verteidigung würdig, wodurch ihnen Burg und Stadt unendlich teurer geworden sein mußten. Hier brachte Konrad III. einen großen Teil seiner Regierungszeit (1138—1152) zu und erweiterte und verschönerte den Ort nach dem Wunsch seiner Gemahlin Gertraud durch die Stiftung der St. Ägidienabtei mit der ältesten Pfarrkirche Nürnbergs im Jahre 1140. Von diesen mächtigen Kaiser als ihrem obersten Schutzherrn und zugleich als Eigenherrn der Stadt konnten sich daher die Hebräer auch für die Folgezeit eine ungekränkte Sicherheit versprechen. Dieses günstige Verhältnis dauerte unter der ganzen Regierungszeit Friedrichs I. (1152—1910) fort, welcher auch, wie sein Oheim Konrad III. durch häufigen Aufenthalt und eine Menge daselbst gehaltener Reichstage die Blüte der jungen Stadt ausnehmend mehrte. Um dieselbe Zeit begannen die von Oberitalien (Venedig, Pisa, Genua) aus nach dem Norden versendeten Erzeugnisse des Morgenlandes ihren Weg über Augsburg nach Regensburg zu nehmen. Was war natürlicher, als daß die bereits aus früherer Zeit an Handel im Großen gewöhnten jüdischen Ansiedler mit ihrer bekannten unermüdlichen Tätigkeit einen sehr bedeutenden Teil dieses Handels nach Nürnberg zogen und durch ihr Beispiel, auch die wohlhabenden christlichen Einwohner zu gleichen Unternehmungen ermunterten? Durch die sich aus wachsendem Handelsgewinn anhäufenden Kapitalien erhielt der Unternehmungsgeist der zu mechanischen Künsten wie geborenen Nürnberger neue Flügel, und zahlreiche Räderwerke an der die Stadt durchströmenden Pegnitz hoben in kurzer Zeit die Fabriken und Manufakturen mächtig empor. Von gleich glücklichem Einfluß auf diese Tätigkeit im Handel und in den Gewerben war auch die Rtegienung der fünf übrigen Staufen Heinrich VI. (1190—1197), Philipps (1198 bis 1208), Friedrichs II. (1215—1250), Konrads IV. (1250—1252) und Konradins (1254—1269), und obgleich der letzte nicht zur Kaiserwürde gelangte. Da die Juden bei ihren vielfachen Verbindungen durch ganz Europa und ihrem bekannten Wandergeist stets am ersten wußten, welche Handelsartikel für dieses oder jenes Land Bedürfnis wären, so nützten sie auch meisterhaft diese günstigen Umstände, und der Reiz der Neuheit vieler von den Nürnbergern selbst erfundenen Kunstwerkzeuge und Kunststücke sicherte diesen oft lange Zeit den allgemeinsten Begehr und die lohnendsten Preisäe. Kurz diese Juden führten durch die Macht des Reichtums und des unverdrossenen Fleißes zuerst in Nürnberg in jeder Beziehung das lebende Schauspiel auf, das ihre späten Enkel gegenwärtig in Fürth wiederholen. Und ebenso, wie diese nahrungsreiche Erwerbstätigkeit Fürths, durch den Handel geweckt, dessen Vorstände jetzt in den Stand setzt, die Stadt durch die großartigsten Gebäude zu verherrlichen, und zum Gegenstand der Bewunderung der Mit-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.