Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 31 (3.8.1917)
- Date
- 1917-08-03
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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338 Das Jüdische Echo Nr. 31 gerer Dauer des Krieges notgedrungen zur Abbürdung der Kriegslasten zurückgreifen müßten. Außerdem wäre dem Judentum aber auch ein ausgesprochener und im Frieden zum Ausdruck kommender Sieg des Vierbunds nicht angenehm, weil ein solcher notwendig die monarchische Autorität in Deutschland und Österreich stärken müßte. Mancher brave deutsche Spießer, der heute gedankenlos das Geschrei nach mehr Demokratie mitmacht, wird sich dereinst über die pliutokratischen Blüten wundern, die diese Demokratie treiben wird. Wir sehen das hier aus nächster Nähe. Das Schlimmste ist, daß in Österreich wie in Ungarn die jüdische Presse, die ja fast die einzige Stimme ist, die im Auslande zur Geltung kommt, auch die hier herrschende Stimmung arg verfälscht. Daß das österreichische Deutschtum von manchen schweren Sorgen auch materieller Natur schwer bedrückt wird, braucht man kaum zu versichern; aber so gottverlassen einsichtslos sind seine führenden Kreise doch nicht, daß sie nicht einsehen sollten, was ihr Schicksal im Falle eines Verzichtfriedens und einer von der Entente diktierten Neuordnung der inneren Zustände der Monarchie ist. Das Gleiche gilt auch von den Madjaren in Ungarn. Und schließlich steht doch noch der Feind an den Grenzen, greift an und kämpft, und selbst bescheidener Verstand sieht ein, daß man ihn. nicht durch Angebote zum Weichen bringt, die er nur als Bekenntnisse der Schwäche auslegt.“ Daß wir uns mit diesem Unrat, mit dem das alldeutsche Blatt das Judentum zu bewerfen sucht, im einzelnen befassen, kann niemand von uns verlangen. Wozu auch? Die Seite, von der dieser Anwurf ausgeht, ist mit Gründen der Wahrheit und Logik nicht zu überzeugen, sondern ihr kommt es nur auf eines an: die tiefe Erbitterung über die unseligen Folgen alldeutscher Kriegshetzerei, die in weiten Kreisen des Volkes Wurzel faßt, von sich abzulenken und dem erbitterten Volke einen Sündenbock zu geben. Und zwar den alten Sündenbock: die Juden. Mit den Einzelheiten dieses Aufsatzes mögen sich die Blätter befassen, die den Antisemitismus noch immer mit Gegenargumenten und Nachweisen seiner Lügentaktik zu bekämpfen hoffen. S i e mögen aufzeigen, inwiefern die Heranziehung ausländischen Geldes zu deutschen und österreichischen Unternehmungen den Frieden nicht nur nicht gestört, sondern befestigt hat. S i e mögen die alldeutschen Herren anfragen, wann und wo „die Wiener Bankjuden“ über das deutsch-österreichische Bündnis Stein und Bein klagten. S i e mögen darauf hinweisen, daß die Verwandtschaft des „Fremdenblatt“-Redakteurs Szeps mit der Familie Clömenceau ebensowenig einen Beweis für den Hochverrat des deutschen Judentums bilden kann wie die Verwandtschaft vieler Familien des deutschen Hochadels mit englischen Adelsfamilien einen Beweis für den Hochverrat der deutsch-konservativen Kreise bildet. S i e mögen es als durchaus nicht „zu weit führend“ betrachten, zu untersuchen, wer stärkere Schuld am Ausbruch des Weltkrieges trägt: das internationale Judentum, das vielfach deutscher Industrie und deutschem Handel im Auslande den Weg gebahnt hat, oder das alldeutsche Deutschtum, durch welches das Deutsche Reich zu völliger Isolierung getrieben wurde. S i e mögen prüfen, ob nicht sowohl die jüdischen wie auch die christlichen Kriegsgewinner — einschließlich der Schwerindustrie — trotz drohender Kriegsgewinnbesteuerung auch künftig auf ihre Kosten kommen. S i e mögen den alldeutschen Herren sagen, daß man zu einer Zeit, als der Krieg vielleicht noch abzuwenden gewesen wäre, leider Gottes im Auslande durchaus nicht nur die „jüdische Presse“ gehört hat, sondern auch die Presse der Herren, die so bedrohlich mit dem Säbel rasselten. W i r begnügen uns damit, aus dem Wust der Verleumdungen den Wunderstein heraufzuholen, der in alldeutscher Hand zu Unrat wurde, in der Hand des Reinen aber sich zu lauterem Golde verwandelt. Wir meinen den in dem Artikel enthaltenen Hinweis auf den Eindruck, den das zusammenbrechende Zarenreich auf das Judentum gemacht hat. Daß die Zertrümmerung der Zarenherrschaft und damit die Befreiung der russischen und wohl1 auch der rumänischen Juden ein „Kriegsziel“ der internationalen Judenheit gewesen ist. ein wohldurchdachter Plan, um dessentwillen der Krieg entfacht wurde, ist natürlich eine so dumme und gemeine Lüge, daß man sich durch den Versuch ihrer Widerlegung nur entwürdigen könnte. Daß aber das gesamte Judentum aufgejubelt hat, als die erste Kunde von dem Sturze des Tyrannentums über die Welt brauste, das wollen wir den alldeutschen Herren gern zugestehen. Und nicht nur weil dadurch Millionen von versklavten Juden zu freien Menschen wurden, sondern weil ein ganzes Volk von unterdrückten Sklaven zur Entwicklung eines höheren Menschentums emporgehoben wurde. Daß die Juden aller Länder in dem Augenblick dieser Befreiung den Blick nicht nur ängstlich auf die Generalstabskarte geheftet hielten, sondern in ihm einen Wendepunkt im Leben der Menschheit, einen Sieg des Menschentums fühlten — wir gestehen es gerne ein. Ja, wir sind sogar so kühn zu glauben, daß sich hierin das internationale Judentum sehr vorteilhaft von gewissen deutschen Patrioten unterschied. H. H. C. * Camille Huysmans über ein jüdisches Palästina. Die „Globe“ in New York bringt ein Interview ihres Stockholmer Korrespondenten mit dem Sekretär des Internationalen sozialistischen Bureaus Camille Huysmans über die Judenfrage. Camille Huysmans erklärte, daß er die Gründung eines Judenstaates in Palästina für wünschenswert und möglich erachte. Er glaube an die Möglichkeit, durch Vermittlung Deutschlands mit der Türkei zu einem Übereinkommen zu gelangen und sie zu veranlassen, Palästina selbst als ein unabhängiges jüdisches Gemeinwesen zu erklären, damit das ewig wandernde Volk im eigenen Lande endlich Ruhe finde. Auf die Bemerkung des Korrespondenten, daß er daran zweifle, daß die Juden nach Palästina zurückverlangen, antwortete Huysmans: „Eine große Anzahl von Juden wünscht sicherlich in den Ländern zu bleiben, wo sie jetzt wohnen. Aber eine weit größere Anzahl wird Freudentränen vergießen, wenn die Kunde kommt, daß sie in ihre Heimat zurückkehren können.“ Wegen Beiträgen für das Hilfswerk in Palästina s. 3. Umschlagseite. Weitere Spenden nimmt das Bankhaus .1. L. Feuchtwanger München (Postscheckkonto 552) entgegen.