Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 30 (27.7.1917)
- Date
- 1917-07-27
- Page
- Seite 332 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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332 Das Jüdische Echo Nr. 30 Verwaltung sich in die „inneren Angelegenheiten“ des Landes nicht einmischt, d. h. wenn sie die Juden den Polen, preisgibt. Von den Deutschen nicht geschützt, und der Willkür der polnischen Reaktion ausgeliefert, haben die polnischen Juden in Wirklichkeit nicht nur keine nationalen sondern auch keine bürgerlichen Rechte genossen. Die Einzelheiten sind allzu bekannt, um ihre Wiederholung nötig zu machen. Es blieb den Juden nur übrig, sich mit dem alten jüdischen Sprichwort zu trösten: „Auch dies zum Guten“. Denn trotz des ganzen Unheils, das die Juden durch die bisherigen Zustände zu erdulden hatten, kann hierin auch eine gewisse günstige Erscheinung nicht übersehen werden. Sowohl die Juden, wie die deutsche Verwaltung haben sich jetzt nicht vorzuwerfen, daß durch die Begünstigung der Juden die Aktivität der Polen gefährdet worden sei. Im entgegengesetzten Fall würden die Polen die Schuld der Nichteinhaltung ihrer Versprechungen den Juden in die Schuhe schieben.... Wie auch dem sei, was geschehen ist. ist nicht mehr zu ändern. In der nächsten Zukunft steht nichts mehr im Wege, um den Inhalt der Proklamation auch im Generalgouvernement Warschau in die Tat umzusetzen. Vor allem ist es notwendig, durch eine amtliche Kundgebung bekannt zu geben, daß die Ausnahmegesetze der ehemaligen russischen Regierung nicht mehr Anwendung finden dürfen, denn die polnischen kommunalen Obrigkeiten bedienen sich derselben in Bezug auf die Juden auf Schritt und Tritt. Man läßt die Juden für Heilung ihrer Kranken in allgemeinen Spitälern abermals zahlen, obwohl sie gleich den anderen Bürgern Spitalsteuer zahlen. Man duldet, daß sich der Warschauer Magistrat auf russische Polizeiverordnungen beruft, um die Juden in Stadtgärten nicht hereinzulassen, obwohl dieselbe Verordnung auch polnische nationale Tracht verbietet, was natürlich die Polen nicht berücksichtigen. Man duldet, daß in manchen Orten Juden aus den Dörfern vertrieben werden. Es sind dies übrigens lediglich Beispiele — alles aufzuzeichnen würde uns zu weit führen. Vor allem aber harrt das Schulwesen einer Lösung, umsomehr da dasselbe in kurzem den Polen übergeben werden soll. Schließlich muß dafür gesorgt werden, daß im Staatsrat auch die anderen Nationalitäten vertreten sind, darunter auch die Juden. Überdies muß die Aufsichtsbehörde, die jetzt die Rolle der Staatsbehörde ausübt und die Tätigkeit der kommunalen Obrigkeiten überwacht, dafür sorgen, daß auch die Juden in ihren bürgerlichen und nationalen Rechten nicht zurückgesetzt werden. Mit der Ansicht des Staatsrates vorbe- B. Müllers Musikinstitut München Fraunhoferstr. 29 :: Telephon 24540 Inhaber: Bruno Müller, Konzertmeister a. D. Schüler von: Prof. Dr. Joseph Joachim, Prof. Dr. Carl Reinecke Prof. Dr. Heinrich Bellermann und Hofoperndirektor Gustav Mahler Unterricht in allen praktischen (Klavier, Violine, Orgel, Cello usw.) u. theoretischen Fächern (Harmonie, Kompositions- und Instrumentationslehre, Kontrapunkt, Fuge usw. einschließlich Musikwissenschaft) von den ersten Anfängen an bis zur künstlerischen Reife für Kinder und Erwachsene (Kinder werden vom 6. Lebensjahre an aufgenommen) Prüfung, Auskunft und Einschreibung kostenlos. haltlos zu rechnen, würde bedeuten, das Schicksal der Juden einer Körperschaft auszuliefern, in welcher die Juden nicht repräsentiert sind und welche durch Wort und Taten genügend bewiesen hat, daß sie die Rechte der Juden vollkommen geringschätzt .... Es ist dabei zu betonen, daß es sich im oben Gesagten nur um zeitweilige Regelung der Judenfrage handelt, nämlich für die Übergangszeit im Kriege. Die endgültige Lösung der Judenfrage in Polen kann erst gleichzeitig mit der Lösung der Polenfrage erfolgen... Beobachter. Die Flüchtlingsfürsorge im österreichischen Hbgeordnetenhause. Am 12. Juli wurde über die Fürsorge für die Flüchtlinge verhandelt. Der Abg. Dr. Krek hatte beantragt, daß man den durch den Krieg Geschädigten nicht nur Armenunterstützung, sondern auch Rechtsansprüche gewähren solle. Nach ihm ergriff der Minister des Innern Graf Toggenburg das Wort und gab zu, daß sich die „bedauerlichsten Vorkommnisse“ ergeben hätten besonders durch Transporte in offenen Viehwagen und „katastrophale“ Kindersterblichkeit. Die Zahl der Flüchtlinge in den Lagern betrage 110 000. in den Gemeinden etwa 330 000. Die Verhandlung wurde von einigen Abgeordneten, besonders Dr. F r e i ß 1 e r und Teufel für unerhörte Beschimpfungen der jüdischen Flüchtlinge ausgebeutet. Dem trat der rumänische Sozialdemokrat Grigarovici entgegen. Er sagte „er müsse die Flüchtlinge jüdischer Nationalität in Schutz nehmen, unter denen sich namentlich viele jüdische Handwerker und Arbeiter befänden. Diese Leute haben sich nicht nur nicht geweigert, zu arbeiten, es wurden ihnen vielmehr vom Handelsministerium bis zum Wiener Magistrat alle möglichen Schwierigkeiten bereitet, wenn sie einer Arbeit oder einem Erwerb nachgehen wollten. Sie bekamen keinen Gewerbeschein, kein Arbeitsbuch unter Hinweis darauf, daß sie keine Dokumente hätten, obzwar sich jeder der Flüchtlinge auf einen militärischen Meldenachweis, viele aber auch auf Bescheinigungen von Handelskammern berufen konnten. Dagegen sei es niemals vorgekommen, daß Gin christlicher Arbeiter ohne Dokumente nicht aufgenommen worden wäre.“ In Ungarn sei ihnen nur die Hälfte der normalen Brotration gegeben worden. Der Abgeordnete Reizes wies auf die schrecklichen Erfahrungen hin, die er bei seinem Besuch in Flüchtlingslagern gemacht und deren Veröffentlichung ihm die Zensur unterdrückt hat. Auch der italienische Sozialdemokrat Pittoni wandte sich gegen das Böse, das aus Mutwillen und Unverständnis den Flüchtlingen zugefügt worden ist. Das Flüchtlingsgesetz wurde in 2. Lesung angenommen und erhielt in 3. Lesung Gesetzeskraft. Jüdischkeit und Frömmigkeit. Wir hören in orthodoxen Kreisen vielfach die Behauptung, die jüdischen Nationalisten seien nicht fromm genug, befolgen nicht gebührend die Gesetze der jüdischen Religion, wären demnach keine vollwertigen Juden. Im Folgenden wollen wir die Beziehung zwischen Nationalismus und Religion oder Jüdischkeit und Frömmigkeit einer kurzen Betrachtung unterziehen. Gewiß ist unter der allgemeinen Bezeichnung „Jude“ noch nicht „frommer Jude“ zu verstehen,