Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 29 (20.7.1917)
- Date
- 1917-07-20
- Page
- Seite 324 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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324 Das Jüdische Echo Nr. 29 wandertes Element“. Ja, und sind die Deutschen in Polen kein .zugewandertes Element“? Ganz davon abgesehen, daß ein Volk, das seit vielen Jahrhunderten sich in die polnische Scholle eingelebt hat, als zugewanderte Gäste zu behandeln, eine verrostete gehässige Auffassung ist... Es zwingt sich noch eine Bemerkung allgemeiner Natur auf. Die Tatsache an und für sich, daß der Staatsrat sich doch geneigt erklärte, gewisse nationale Rechte wenigstens für die Litauer, Weißrussen und Ruthenen anzuerkennen, ist gewissermaßen als ein Fortschritt zu verzeichnen. Diesem Fortschritt liegt jedoch keinesfalls Gerechtigkeitsgefühl zu Grunde. Es ist dies vielmehr eine politische Berechnung. Der Staatsrat, trotzdem er noch so jung und schwach ist, zeitigt bereits sehr hübsche imperialistische Triebe. Man hat schon auf Litauen, Weißrußland, Chelmer und W'olhyner Gebiet Lust — und da gedenkt man durch den erwähnten Beschluß einen Boden für die Verwirklichung dieser Ansprüche zu schaffen. Vielleicht ist es auch ein Zugeständnis zugunsten der jetzigen Stimmung in Rußland. Allererst muß man aber eingedenk sein, daß dies nicht ein Beschluß aus eigener Initiative, sondern eine Antwort auf einen Vorschlag aus Berlin ist. Am schwersten ist es natürlich dem Staatsrat gefallen, die Deutschen als solche Minderheit zu verzeichnen, die nationale Rechte in Polen genießen soll. Man darf natürlich nicht lange nachdenken, um zu vermuten, daß der Staatsrat die diesem Punkte nur deshalb nachgegeben hat, weil er damit rechnet, daß hinter den polnischen Deutschen der mächtige deutsche Staat steht .... Hinter den Juden, denkt der Staatsrat, steht niemand und folglich braucht man mit ihren gerechten Forderungen nicht zu rechnen. Das Prinzip der elementaren Gerechtigkeit existiert für den polnischen Staatsrat nicht. Alle die Staaten und Völker, die sich an dem jetzigen Kriege beteiligen, haben die Losung gestellt, es dürfe nach dem Kriege keine unterdrückten Nationalitäten geben. Das kleinste Völkchen soll die Möglichkeit ungestörter national-kultureller Entwicklung bekommen. Diese Losung wird tausendmal des Tages wiederholt, und so wie die Sachlage aussieht, ist wirklich zu hoffen, daß dies nach dem Kriege zur Erfüllung kommt. Und nur der polnische Staatsrat in Warschau will davon nichts wissen. Mag auch allenthalben nationale Freiheit herrschen — die Juden müssen verknechtet bleiben. Die reaktionäre Propaganda von allerhand Demagogen, die unter verschiedenen Masken dem Chauvinismus gedient haben, hat in der Seele der breiten Volksmassen in Polen viel Gift zurückgelassen. Dennoch ist es nicht ausgeschlossen, daß eine wahre demokratische Volksvertretung vielleicht die nötige moralische Kraft in sich finden würde, um die schlechten Instinkte zu besiegen: sie würden den auferstandenen polnischen Staat auf den Weg eines wahrhaftig freien und menschlichen Lebens führen, gestützt auf die Grundlagen wirklicher bürgerlicher, politischer und nationaler Gleichberechtigung für alle Teile der Bevölkerung ohne irgendwelche Ausnahmen . . . Die reaktionäre Stellungnahme des Staatsrats bietet noch einen Beweis, wie unnatürlich und überflüssig diesese totgeborene Einrichtung ist. Sie ist von niemandem gewählt. Sie ist auf Grund der Listen zusammengesetzt worden, die einzelne parteiische Führer vorgelegt haben. Die weiten Volksmassen sind in ihr nicht vertreten. Es sind in ihr auch die Juden und Ruthenen nicht vertreten. Es taucht mithin der Gedanke auf: wäre jetzt nicht die rechte Zeit gekommen, diese zeitweilige Einrichtung aufzulösen und an ihrer Stelle eine wahre Volksvertretung durch allgemeine, gleiche, direkte geheime und Proportion eile Wahlen mit besonderen Kurien für nationale Minderheiten e i n z u b e r u f e n? Die Macht, die sich entschließen würde, den zeitweiligen Staatsrat abzuschaffen und eine demokratische Volksvertretung ins Leben zu rufen, würde beweisen, daß sie auf der Höhe der großen Aufgaben steht, welche die Zeit gebietet und daß sie den Zeitgeist versteht. Volk und Sprache. Von Ch. N. B j a 1 i k. Aus der hebräischen Rede des bekannten Dichters, gehalten auf der Kulturkonferenz in Moskau, die von etwa 200 Delegaten hebräischer Sprachvereine, 60 Lehrern und Lehrerinnen hebräischer Schulen und Kindergärten und anderen Vorstehern hebräischer Institutionen beschickt war. Zwischen Volk und Sprache existiert der gleiche organische Zusammenhang wie zwischen der Pflanze und dem Prozeß des Wachstums. Das Wort (Logos) ist nicht nur der Anfang, sondern auch das Ende aller Dinge. Die Wirklichkeit verstummt in den letzten Akkorden des Wortes. Die Sprache ist der unaufhörlich wachsende und sich entwickelnde Schatz des Volksgedankens, der Volksexistenz und der Volkstradition. Alle seine Schätze kann ein Volk verlieren, sogar sein Land und seine Weltanschauung, aber stets bleibt ihm die Sprache, die ewige Form des beständigen Schaffens, Für das jüdische Volk ist die hebräische Sprache ein Wertschein, mitgenommen in die Fremde; nachdem er sein Barvermögen nicht mehr selbst verwalten konnte, verliert er das Gerechtsame, verliert auch seine Rechte. Die Kultur eines Volkes, die zu ihren Söhnen in einer übersetzten Sprache redet, ist wie eine Mutter, die ihre Kinder durch das Taschentuch küßt. Heutzutage vereinigt uns Kultur mehr als Abstammung. Kinder einer Nation, die verschiedene Sprachen reden, sind sich gegenseitig fremder als Menschen verschiedener Abstammung, die eine Sprache haben, daher beginnt der nationale Verrat mit dem Fallenlassen der nationalen Sprache. Das haben die Hellenisten bei den Juden der alexandrinischen Epoche bewiesen, die durch die griechische Sprache dem Judentum verloren gegangen sind. In Spanien ist der weitaus größte Teil derjenigen Juden zum Christentum übergetreten, die bereits die Sprache ihrer Väter verloren hatten. Nach Mendelsohn beginnt die gewaltige Assimilation der Juden im Westen mit dem Vertauschen der jüdischen Sprache gegen die deutsche. Mendelsohn und seine Schüler haben die Bibel ins Deutsche übersetzt, nicht um den Juden mehr Bibelkenntnisse zu verschaffen, sondern um die fremde Sprache in das jüdische Leben hineinzutragen. So hat uns die Vielsprachigkeit unter viele Völker versprengt. Jetzt, da die nationale Selbständigkeit aller Völker in Rußland der Verwirklichung nahe ist, kann unser Hang, uns an fremde Sprachen anzupassen,