Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 28 (13.7.1917)
- Date
- 1917-07-13
- Page
- Seite 311 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9102967-9138189--01558-9074382- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 28 Das Jüdische Echo 311 Zur Konferenz erschienen etwa 40 Rabbiner und viele Vertreter orthodoxer Organisationen verschiedener polnischer Städte. Die Tagung wurde eröffnet durch ein Referat des Qombiner Rabbiners über Religion, Nationalismus und Zionismus. Der Redner wies u. a. auf den gegenwärtigen Zwiespalt zwischen dem alten und jüdischen Geschlecht hin, bemängelte das geringe Verständnis der frommen Juden in nationalen Angelegenheiten, daß die Jugend vielfach zur Assimilation treibt, betonte die Wichtigeit der zionistischen Forderungen und verlangte, daß die Gemeinde-Organisationen durchaus national sein sollen. Es folgte ein Referat des Vertreters der Lodzer Jung-Misrachisten H. Riwkin über die Erziehung und die Bedeutung der orthdoxen Strömungen für die jüdische Jugend. Nach einer Aussprache wurde die Stellung des Misrachi zu dem Verband der Orthodoxen erörtert, der im „Jüdischen Wort“ die Zionisten stark angriffen hat, worauf folgende Protest-Resolution eingereicht wurde: „Das Präsidium des Misrachi hat von dem Inhalt der letzten Nummer des „Jüdischen Wortes“ Kenntnis genommen und erachtet es unter der Würde der Konferenz, gegen das ungerechte und unlautere Auftreten des Blattes gegen die zionistische Organisation zu protestieren, z. B. gegen die Behauptungen, daß der ganze neue Jischub der zionistischen Organisation nur ein paar Groschen gekostet hätte; 2. daß solange die Juden kein rechtlich gesichertes Heim in Palästina besitzen, die dortige Kolonisation unrechtmäßig betrieben werde. Wir protestieren dagegp’r daß sich ein solches Blatt „Das jüdische Wort“ und der Artikelschreiber „Ein jüdischer Mann“ nennt. Die jüdische Überlieferung lautet: Ihr übriggebliebenen in Israel, tuet nichts Unrechtes und redet nichts Unwahres.“ Der Judenpogrom in Leeds. Die aus England eingetroffenen jüdischen Zeitungen bringen die Einzelheiten dieses Vorfalls. Sonntag um 9 Uhr 30 abends versammelten sich ein paar Tausend junge englische Hooligans in dem jüdischen Stadtviertel von Leeds, darunter auch einige Erwachsene und eine ganze Anzahl Frauen, und: begannen die jüdischen Läden zu plündern. Im Verlauf, des Abends wurden sämtliche Schaufenster der jüdischen Geschäfte des Stadtviertels zerschlagen und das jüdische Eigentum auf den Straßen vernichtet. Drei Stunden lang nwmnninf n f »T! vr.)Tt i / »T V/ »T V/ \/7 SV»“ V/ V/TYrTW TSYSV!f V ZIG ARR EN-IMPORT BERNHARD OSTERMAIER aO MÜNCHEN PRQMENADEPL* dauerte dieser Krawall. Eine Panik ergriff die jüdische Bevölkerung des Stadtviertels. Die Polizisten, die in der Nähe waren, waren nicht imstande, den Mob zu beruhigen. Montag früh begannen die Plünderungen von neuem. Hie und da vereinigten sich jüdische junge Leute, um das jüdische Vermögen zu schützen. Mehrere Hooligans und einige jüdische junge Leute wurden noch am selben Tage verhaftet. Der Polizeichef, bei welchem die Führer der jüdischen Gemeinde intervenierten, veröffentlichte eine Warnung an die christliche Bevölkerung und eine Verordnung an die Polizei, die Unruhen sofort zu unterdrücken. Falls die Unruhen noch einen Tag dauern würden — erklärte der Polizeichef — wird die Stadtverwaltung den Schaden der Juden ersetzen müssen. In ihrer Eingabe an den Polizeichef erklärten die Juden, daß sie eine Selbstwehr der jüdischen Jugend organisieren würden, wenn die Behörden nicht sofort energisch einschreiten. Montag abend und Dienstag früh wurden einige der Beschuldigten vor Gericht gestellt; ungefähr 20 junge Leute, darunter auch einige Juden, die an dem Selbstschutz beteiligt waren, wurden mit einer Geldstrafe von 20 bis 40 Schilling belegt und einige für eine Woche in Haft genommen. Eine direkte Veranlassung hatte dieses Judenpogrom nicht. Die von der antisemitischen Presse verbreitete Nachricht, daß die Juden einen verwundeten Soldaten ermordet haben, stellte sich bald als völlig erfunden heraus. Als ebenso unbegründet bezeichnen die jüdischen Zeitungen auch die von derselben Presse vielfach wiederholte Beschuldigung, daß die russischen Juden, die in Leeds wohnen, sich geweigert hätten, sich der Armee anzuschließen. Von den 21 000 Juden, die in Leeds wohnen, sind 2500 junge russische Juden eimgezogen worden. Bis 200 junge russische Juden haben sich freiwillig gemeldet. Dazu gehören die von dem Mob geplünderten Geschäfte nicht gerade ausschließlich den aus Rußland eingewanderten Juden, sondern heimischen englischen Juden und den aus Österreich und Deutschland zugewanderten, die bereits längst englische Staatsangehörige geworden sind. Die Leedser Presse war aber sehr antisemitisch und während des Krieges wurden wiederholt Hetzartikel gegen die Juden in ausgedehntem Maße verbreitet. Diese Nachrichten bedürfen noch dringend der Aufklärung. Es erscheint doch undenkbar, daß die englische Judenheit und die Regierung* die Tatsachen einfach hinnehmen werden, ohne sich energisch gegen die eigentümliche Machtlosigkeit der Polizei und gegen einen Polizeichef, der droht: „falls die Unruhen noch einen Tag dauern würden, werde die Stadtverwaltung den Juden den Schaden ersetzen müssen“, aufzulehnen. Renegaten in den Gemeinden. Die aus den Vertretern aller jüdischen Parteien, Organisationen und Synagogen zusammengesetzte Organisation zur Festlegung der Grundprinzipien für die Schaffung einer einheitlichen Gemeindeorganisation in Petersburg hielt ihre erste Sitzung ab. Das einleitende Referat hielt der Vertreter der Zionisten, S. K. Gepstein. Der Redner gab der allgemeinen Überzeugung Ausdruck, daß die neu zu schaffende Gemeindeorganisation nicht einen konfessionellen Charakter tragen dürfe, sämtliche Angelegenheiten der jüdischen Bevölkerung der Stadt umfassen und jeden Juden als Mit-