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Das jüdische Echo · 1917-07-06 · 27 (6.7.1917) · p. Seite 301

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
27 (6.7.1917)
Date
1917-07-06
Page
Seite 301 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 27 Das Jüdische Echo 301 fen, zumal es höchstwahrscheinlich nötig sein wird, nicht nur in Deutschland und Österreich, sondern auch in der Fremde Kapital zu suchen. Auch zu kommerzieller Leitung der Fabriken sind die Juden besonders fähig: wer vermag es besser als der Jude, mit dem kleinsten Kapitalaufwand den größten Umsatz zu erzielen? In Bezug auf die technische Leitung sind hinwiederum die Deutschen und Polen tüchtig. Alle drei Nationalitäten insgesamt können schließlich Ingenieure, Beamte uncf Arbeiter liefern. Von der Fähigkeit der Juden als Kaufleute und Exporteure (besonders wenn es sich um den Export nach Rußland handelt) erübrigt es sich zu reden. Dergestalt wird sich eine natürliche Interessengemeinschaft zwischen Polen, Deutschen und Juden bilden, die den Chauvinismus im allgemeinen und den Antisemitismus im besonderen undenkbar macht. Weder jüdische noch deutsche Ware, noch der Jude oder Deutsche als Angestellter, Beamter oder Arbeiter werden boykottiert werden dürfen. Nicht minder wird sich die Lage der Juden in nationaler Beziehung dadurch bessern. Es ist zu hoffen, daß die deutschen Juden, die sich in Polen niederlassen werden, sich national als Juden fühlen werden. Das Erwachen des jüdisch-nationalen Gefühls in der deuschen Judenschaft ist ohnehin eine unleugbare Tatsache. Wenn in Deutschland viele gewichtige Hindernisse ihnen nicht gestatten, ihre „Jüdischheit“ geltend zu machen, so verhält es sich damit ganz anders in Polen. wo sie unter Millionen ihrer Volksgenossen leben werden und wo ihnen als gebildeten und politisch geschulten Leuten eine höchst ehrenhafte und verlockende Mission, zufällt, zusammen mit den aufgeklärten und national-bewußten polnischen Juden zugunsten der jüdischen Nation tätig zu sein. Es wird dabei ein Austausch von wechselseitigen Diensten stattfinden: die polnischen Juden werden die deutschen national beeinflussen und die Letzteren auf die Ersteren kulturell einwirken. Aus all diesem geht deutlich hervor, daß sowohl die Deutschen und die deutschen Juden, wie die Polen und die polnischen Juden daran interessiert sind, nicht den Chauvinismus bezw. den Antisemitismus zu schüren, sondern die bürgerlichen und nationalen Rechte aller Einwohner, darunter auch die Deutschen und Juden, gehörig zu sichern; anders gesagt, das Polenland nicht als Nationalstaat, sondern als Nationalitätenstaat einzurichten. Die wichtigste Grundlage des Gedeihens eines Landes ist seine ersprießliche wirtschaftliche Lage. Wollen die Zentralmächte dem Polenlande Nutzen bringen und von ihm Nutzen ziehen, müssen sie nur den obenbezeichneten Weg einschlagen. LUDWIG MURR Damenfriseur SPEZIRL-DRMEN -SRLON NUR FÜR DRMEN Residenzstrasse 17/1 SF1LON FÜR DRMEN UND HERREN Parkhotel Majdmilianspiatz 21 SPEZIALITÄT: Künstlerisch ausgeführte ERSHTZ- FRISURElL dem natürlichen Haaransatz Voll u. ganz angepaßt Die wirtschaftlichen Probleme Galiziens nach dem Kriege. („Lemberger Tagblatt“.) Die in den österreichischen Kronländern durch den Krieg hervorgerufene Notlage hat natürlich in Galizien als einem unmittelbaren Kriegsschauplatz ihr höchstes Stadium erreicht. Die furchtbarsten Kämpfe und Kriegsverwüstungen haben die wirtschaftlichen Kräfte der Bevölkerung äußerst geschwächt und somit auch einen entscheidenden Einfluß auf die Gesamtlage des Reiches ausgeübt. Schon beim Beginn der Massenwanderung ist mehr als eine Million Einwohner, d. i. ein Achtel der Bevölkerung, vor dem Feinde geflüchtet und fast ebensoviel sind über die Grenze gekommen, wo ein großer Teil des Volksvermögens und der Arbeitskräfte dem Lande entzogen wurde. Die russische Invasion in Galizien hatte für die Bevölkerung zweierlei Nachteile: Sie wurde vom Reichslande abgeschnitten, ohne mit den feindlichen Lande in wirtschaftlichen Austauschverkehr treten zu können, denn Rußland und Galizien sind beide reich an wirtschaftlichen und arm an industriellen Erzeugnissen. Das Land war somit auf sich selbst angewiesen, der Verkehr war wegen Mangel an Transportmitteln sehr beschränkt und die Bevölkerung lebte sozusagen von der Hand in den Mund. Die zweite verderbliche Wirkung der schrecklichen Verwüstung des Landes sind die schweren, auf mehrere Milliarden sich belaufenden Schäden, die ohne Kriegentschädigung oder sonstige Hilfe von außen die wirtschaftliche Entwicklung des Landes nach dem Kriege auf Jahrzehnte hinaus hintanhalten wird. Wohl hat Galizien als Agrarland weniger Schaden gelitten als z. B. die industriellen Länder Belgien und Nordfrankreich. Die wichtigste Grundlage der Volkswirtschaft, die Quelle des Reichtums, der Grund und Boden ist zwar vernachlässigt und verwahrlost, aber doch nicht ganz unbrauchbar geworden, dagegen sind viele Wälder verschwunden und verschwinden immer mehr. Viele Städte sind vernichtet und das Vermögen der Einwohner geraubt, die landwirtschaftlichen Maschinen sind verschwunden und die wirtschaftlichen Gebäude beim Großgrundbesitz zerstört. Die junge Industrie des Landes ist im Anfangsstadium ihrer Entwicklung untergraben worden. Straßen, Wege und Bahnen sind zerstört, die Steuerbevölkerung ist auf ein Minimum gesunken, kurzum es fehlen dem Lande alle Mittel, die zu einer Fortsetzung der durch den Krieg unterbrochenen produktiven Arbeit nötig sind. Diese Mittel kann die Bevölkerung in absehbarer Zeit mit eigenen Kräften und leeren Händen aus dem Boden nicht herbeischaffen. Rechnen wir noch die allgemeinen Wirkungen des Krieges hinzu, die Galizien ebenso wie andere kriegsführende Länder getroffen, die Witwen und Kriegswaisen, Kriegsinvaliden und viele Tausende vernichteter Mittelstands-Existenzen, dann bekommen wir ein annäherndes Bild des gegenwärtigen wirtschaftlichen Tiefstandes Galiziens. — Der Krieg hat zwar auch eine Kriegskonjunktur geschaffen: gewisse Mittel sind flüssig gemacht. Viele haben in der Rüstungsindustrie, im Provianthandel und dgl. eine reiche Erwerbsquelle gefunden. Aber leider sind die Verhältnisse dergestalt, daß gerade die vom Kriege am meisten Betroffenen von der Kriegskonjunktur am wenigsten gewonnen haben. Im übrigen bildet der Kriegsgewinn nur einen winzigen Bruchteil

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