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Das jüdische Echo · 1917-07-06 · 27 (6.7.1917) · p. Seite 299

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
27 (6.7.1917)
Date
1917-07-06
Page
Seite 299 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 27 Das jüdische Echo 293 sich der durchschnittliche polnische Jude überhaupt mit ökonomischen Problemen kaum befaßt und deshalb geneigt ist, oberflächliche Urteile zu fällen. Ihre düsteren Ansichten begründen die Schwarzseher etwa wie folgt: einmal habe uns Einwohner des Königreichs Polen bislang vorzugsweise der Export nach Rußland ernährt, der unter den neuen Umständen aufhören werde: zweitens werde die polnische Industrie mit der deutschen nicht wetteifern können, so daß uns auch der innere Markt entgehen werde. Die Gestaltung der gegenseitigen Beziehungen zwischen Polen und Deutschland stellen sich die Pessimisten derart vor, daß Deutschland aus Polen ein Agrarland machen wird: Die Polen werden nach Deutschland landwirtschaftliche Produkte ausführen und zum Ersatz fertige Erzeugnisse der Industrie beziehen, die dort billiger sind. Mithin werde die polnische Industrie zu Grunde gehen, da sie bei Ausbleiben der Zollgrenze — oder selbst bei geringen Zollsätzen — mit der deutschen nicht wird konkurrieren können. Am härtesten würden darunter die Juden leiden, denn durch Boykott würden sie auch aus dem inneren Markt verdrängt werden, den in gewissem Umfang die inländische polnische Industrie bedienen wird .... Glücklicherweise halten alle diese Ausführungen keiner ernstlichen Kritik stand. Aus all dem Obigem ist nur das wahr, daß die Zollgrenze zwischen Polen und Deutschland (bezw. östereich) wirklich aufgehoben werden muß, und zwar liegt das sowohl im Interesse der Polen wie der Deutschen. Alle übrigen vorerwähnten Beweisgründe sind haltlos. Erstens ist Kongreßpolen gar kein Agrarland in dem Sinne, daß es etwas zum Exportieren übrig haben sollte. Selbst bei der Verstärkung der Ergiebigkeit der polnischen Landwirtschaft — wovon später die Rede sein wird — kann zur Ausfuhr kaum etwas Beträchtliches übrig bleiben. Im Gegenteil, Polen hatte bisher nicht einmal soviel Getreide, um seine eigenen Bedürfnisse zu decken und war gezwungen, einen großenTesl seines Gebrauches aus Rußland zu importieren. Demzufolge fällt auch die zweite Vermutung, die Deutschen hätten ein Interesse daran, die polnische Industrie totzuschlagen, um der Bevölkerung Polens deutsche Fabrikate aufzuzwingen. Um etwas zu kaufen, muß man entweder Ersatzprodukte oder bares Geld besitzen. Ersatzprodukte hat Polen, wie bereits gesagt, nicht, und im Falle der Vernichtung der polnischen Industrie (was bei der Konkurrenz Deutschlands der Fall sein muß) wird der vorwiegend in Betracht kommende Massenverbraucher, der polnische Bauer und Arbeiter so verarmt werden, daß seine Kampffähigkeit nahezu ganz aufhört. Allerdings hat Polen noch eine „Ware“ zum Export: Menschenkraft, Arbeiterkraft, namentlich landwirtschaftliche und industrielle Arbeiter. Die Auswanderung der ipolnischen landwirtschaftlichen Arbeiter nach Deutschland fand auch früher statt, aber es handelte sich bislang lediglich um zeitweilige Arbeiter, um Saisonarbeiter, um die sogenannten „Sachsengänger“. Die Einfuhr von polnischer Arbeitskraft, besonders der industriellen Arbeiter zum ständigen Aufenthalt, liegt gar nicht im Interesse Deutschlands, und zwar weder der deutschen Bürgerschaft noch des deutschen Proletariats. Die Bürgerschaft wird sich einen Zustrom von großen Scharen Menschen fremder Nationalität gar nicht gefallen lassen, und das deutsche Proletariat wird ebenfalls nicht dul- Das „Jüdische Fürsorgekomitee für die Evakuierten“ arbeitet mit Hochdruck. Um die von Hunger und Krankheiten Gepeinigten zu retten, brauchen wir monatlich 50 000 Frcs. in Goldwährung. Hiervon kann der Einzelne 20 Cts. pro Tag erhalten. Um ihnen mehr zu gewähren als bloßen Schutz vor dem Verhungern, ist der doppelte Betrag notwendig! Gedenket der Notleidenden in Palästina! Geldspenden aus Bayern sind zu richten an das Bankhaus .1. L. Feuchtwanger, München (Postscheck-Konto 552). Das Münchener Lokalkomitee setzt sich aus folgenden Namen zusammen: Prof. Dr. Benno Becker, Prof. Dr. Arthur Cohen, Helene Hanna Cohn, Justizrat Dr. Emil Fränkel, Jacob Fränkel, Dr. Elias Straus, Dr. Karl Süßheim, Dr. Ludwig Wassermann. den wollen, daß ihm gefährliche Konkurrenten entstehen, die angesichts ihrer kleineren Ansprüche als Lohndrücker ausgenützt werden könnten. Tatsächlich sehen wir, daß alle Richtungen in Deutschland sich gegen die Invasion einer fremdstämmigen Bevölkerung wehren wollen: die Konservativen fordern schlechthin Grenzschluß, und die Fortschrittlichen sagen, die Einwohner Polens würden nach Deutschland nicht eindringen, sobald sie Betätigung in Polen finden. Aus all diesen Gründen liegt es im Interesse Deutschlands, nicht nur die Entwicklung der polnischen Industrie nicht zu verhindern sondern sogar dieselbe tunlichst zu fördern. Die Begünstigung Deutschlands ist für die Bevölkerung Polens von großer Bedeutung. Die Industrie Polens ist jetzt vollständig vernichtet; um sie wieder aufzurichten sind große Kapitalien unentbehrlich, die wir polnische Bürger nicht besitzen. Zudem muß man unsere Industrie vervollkommnen — wie wir ferner sehen werden —, sie fähig zu machen, neue Märkte zu bedienen. In dieser Richtung könnten uns zunächst deutsche Kapitalisten und Fachmänner Hilfe leisten. Dies wird hoffentlich auch geschehen. Man darf sich jedoch nicht betrügen in Bezug auf die Form, in der diese Hilfe stattfinden wird. Man darf sich nicht einbilden, die deutschen Banken würden sich darauf beschränken, uns nur Geld zu leihen. Teilweise wird allerdings auch dies der Fall sein, am häufigsten aber werden die deutschen Kapitalisten und Fachmänner sich anschicken, in unsere Fabriken als Teilhaber einzutreten oder zuweilen dieselben zum Eigentum zu erwerben. Dies soll jedoch uns Einwohner Polens gar nicht abschrecken, denn — wie wir im weiteren ausführen werden — wird auch dies nicht gegen unser Interesse sein. Wie dem auch sei, muß man damit rechnen, daß sich nach dem Kriege viele Deutsche in Polen in der Industrie betätigen werden. Und da, wie bekannt, auch vor dem Kriege die Industrie Polens sich größtenteils in den Händen von Ausländern, vorwiegend Deutschen, befand, werden jetzt die Deutschen im wirtschaftlichen Leben des

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