Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 27 (6.7.1917)
- Date
- 1917-07-06
- Page
- Seite 298 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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298 Das Jüdische Echo N r. 27 werden könnte. Ein fachmännisches Urteil kann ich nicht abgeben, aber als Laie erscheint mir die Entfernung der Nichtkombattanten aus der Kriegszone von zwei Übeln das geringere zu sein. Daß Dschjemal Pascha einen Qewaltstreich gegen die Juden geplant hätte, erachte ich als eine durch keinerlei Tatsachen bewiesene, auf Stimmungsmache berechnete Behauptung. Halten wir uns an die Tatsachen. Es ist erwiesen, daß nicht nur die Juden, sondern auch Araber und Deutsche evakuiert worden sind. Möglich ist es, daß die Araber es besser verstanden haben, der Evakuierungsorder passiven Widerstand entgegenzusetzen; immerhin ist auch eine erhebliche Anzahl von ihnen ausgesiedelt worden. In Jaffa ist eine genügende Zahl jüdischer Wächter zur Bewachung des verlassenen Eigentums zurückgelassen worden. In den jüdischen Kolonien in der Nähe der Stadt sollte allen wirtschaftlichen Arbeitern mit ihren Familien und den Pflanzungsbesitzern ohne Familien das Bleiben gestattet werden. Tatsächlich ist die Maßnahme so angewandt worden, daß so gut wie niemand hat die Kolonien verlassen brauchen. Einen Vernichtungskampf gegen die Juden kann ich also in diesem Vorgehen nicht erblicken, um so weniger, wenn ich mir die Modalitäten der Evakuierung in Erinnerung rufe. Und die türkische Zentralregierung? Wer immer mit den türkischen Ministern, mit Talaat Pascha, Enver Pascha, Halil Bei, Ahmed Nessimy, Schükri Bei, oder auch mit den Führern des Jungtürkischen Komitees, wie Mitha Schükri Bei, Dr. Nasirri Bei, Dr. Behaeddin, Schakir Bei, in Berührung gekommen ist, berichtet, daß alle diese Persönlichkeiten und ihre ganze Umgebung durchaus judenfreundlich gesinnt sind. Die Türkei fußt in dieser Hinsicht auf jahrhundertelangen Überlieferungen, denen sie nicht von heute auf morgen untreu werden wird. Wenn ich noch als Anwalt meiner Glaubensgenossen in Palästina ein Wort sagen könnte, möchte ich den türkischen Behörden nahelegen, die Evakuierten, so bald es die Kriegslage nur gestattet, an ihre alten Wohnstätten zurückzuversetzen.“ Rückkehr der Evakuierten. Das Kopenhagener Bureau der Zionistischen Organisation erhielt folgendes Telegramm vom 20. Juni aus Madrid: „Nachdem die spanische Regierung und der König von Spanien persönlich zugunsten der evakuierten jüdischen Bevölkerung in Palästina wiederholt interveniert haben, erhielt die spanische Regierung eine offizielle Mitteilung der türkischen Regierung, daß sie Order gegeben habe, der evakuierten jüdischen Bevölkerung die sofortige Rückkehr in ihre Heimstätten zu gestatten.“ Demgegenüber berichtet das Organ der Zionistischen Organisation, Idle „Jüd. Rundschau“, daß ihr eine entsprechende Mitteilung bisher nicht zugegangen ist. Älldeutsch und alljüdisch. Wie sehr es einen anständigen Menschen auch vor dem Tone der antisemitischen Presse ekeln mag, so ist es doch ganz nützlich ihn von Zeit zu Zeit anzuhören, um zu erkennen, mit welchen Mitteln unsere Gegner uns bekämpfen. Sehr lehrreich in dieser Beziehung ist ein Aufsatz des Generals der Kavallerie z. D. K. von Gebsattel, der in der „Deutschen Zeitung“ erschien. Diesem Artikel zufolge hat das gesamte Judentum, mit Haase, Scheidemann, dem Berliner Tageblatt und der Frankfurter Zeitung an der Spitze, sich verbunden, um „diejenigen Kreise politisch außer Gefecht zu setzen oder einzuschüchtern, die vor dem Kriege Kaiser und Reich als den Inhalt ihrer Bestrebungen bekannt haben. (Und i m Kriege? Anfrage der Red.) Und zwar tuen die Juden das, indem sie diesen Kreisen den Stempel „alldeutsch“ aufdrücken, und die Beziehungen der alldeutschen Kriegshetzer zur Schwerindustrie aufdecken. Dem Begriff „alldeutsch“ setzt Herr v. Gebsattel nun denjenigen „alljüdisch“ gegenüber, und charakterisiert diesen als einen Kreis, der „rein materialistisch denkt, allein der Gegenwart lebt, für die Zukunft des deutschen Volkes nichts übrig hat, der zudem großhändlerisch und kapitalistisch — beides in üblem Sinne — bestimmt ist.“ Und nun kommt Herr v. Gebsattel zu der Fragestellung: „für wen mühen die sog. Alldeutschen sich ab, für wen aber die Alljüdischen?“ Selbstverständlich kommt er zu dem Ergebnis: die Alldeutschen für Kaiser und Reich, die sie „vor dem Kriege“ als Inhalt ihrer Bestrebungen bekannt haben. Die Alljüdischen dagegen selbstverständlich für das alljüdische Kapital. Und dann endet Herr v. Gebsattel folgendermaßen: „Man sieht — der Fragestellung „alldeutsch — alljüdisch“ lassen sich sehr bedeutsame Seiten abgewinnen, aber auch sehr wertvolle Erkenntnisse, die von rechtswegen, wenn wir Deutsche noch nicht Hirn und Mark verloren haben, zu Entschlüssen treiben müßten. Dabei lasse ich mit voller Absicht heute nur die politischen und wirtschaftlichen Saiten anklingen — ganz leise vorläufig — und mache die kulturelle alljüdische Macht gar nicht zum Gegenstand dieser kurzen Erörterung. Aber ich denke, es wäre, nachdem die Überhebung der Gegner den Alldeutschen den Kampf aufzuzwingen scheint, doch auch an der Zeit, daß die Untersuchungen, die vor dem Kriege über die Herrschaft der Juden im Theaterwesen (oder Unwesen), im Kunsthandel, in den Wissenschaften stattfanden, von Eingeweihten wieder aufgenommen und gleichfalls zu bestimmten Entschlüssen verdichtet werden. Beide Seiten müssen sich meines Erachtens darüber klar sein, wenn die Frage „alldeutsch—alljüdisch“ erst einmal im vollen Ernste aufgeworfen wird, muß sie im vollen Ernste behandelt und gelöst werden.“ % Die wirtschaftliche Zukunft der Juden in Polen. Von M. Frischländer, Warschau. Nachdem die Selbständigkeit Polens mit Anlehnung an die Zentralmächte proklamiert worden ist, taucht für uns Juden eine sehr wichtige Frage auf: wie wird sich unter diesen Bedingungen die wirtschaftliche Lage der Juden gestalten? Diese Frage ist, besonders für uns Ostjuden, die allerwichtigste, denn die größten Rechte (sowohl die bürgerlichen, wie die nationalen) würden uns nichts nützen, wenn der künftige freie Jude hungern müßte. Es darf zugegeben werden, daß in dieser Beziehung sowohl bei den polnischen wie bei den deutschen Juden Pessimismus herrscht. Dies ist darauf zurückzuführen, daß die deutschen Juden unsere Verhältnisse wenig kennen und daß