Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1917-06-29 · 26 (29.6.1917) · p. Seite 293

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
26 (29.6.1917)
Date
1917-06-29
Page
Seite 293 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9102967-9138187--01538-9074362
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 26 Das Jüdische Echo 293 Licht bringen, was sich auf der jüdischen Seele in den vielen leidensvollen Jahren angesammelt hat, zum erstenmal werden allgemeine, auf die gesamte Judenheit sich beziehende Forderungen an die großen Völker der Erde gestellt werden, die mehr oder weniger befriedigt werden müssen. Doch sind beide Kongresse, der amerikanische und der Kongreß der russischen Juden wesentlich verschieden von einander. Während wir dem amerikanischen Kongreß mit Soannung und Neugier entgegensehen, sind unsere Bicke auf den russischen Kongreß mit einer Ungeduld und Sehnsucht gerichtet, die aus dem Innersten unserer Seele fließt. Wir suchen in ihm bereits die Entscheidung und die Antwort auf unsere eigenen Fragen, und wir fühlen, daß auf dem russischen Kongreß unsere Hoffnungen einigermaßen in Erfüllung gehen werden. Vom russischen Judentum haben wir seit dem Ausbruch der Revolution keinen richtigen Gruß empfangen. Wohl lasen wir die Berichte über die stattgefundenen Konferenzen, aber diese sind fast alle von den linksstehenden Parteien veranstaltet worden, von denjenigen, die durch den Sieg der Revolution von ihren „Sünden“ reingewtaschen wurden und die ihnen gewährte Freiheit für verschiedene Zusammenkünfte auszunützen suchen; wir können aber nicht behaupten, daß die große Masse der jüdischen Bevölkerung auf diesen Konferenzen zu Worte gekommen bezw. vertreten ist. Der Mittelstand, die Intelligenz, die Orthodoxie sind noch nicht genügend in die Öffentlichkeit getreten, aber gerade diese Elemente bilden die monumentalen Säulen des jüdisch-nationalen Gebäudes, und wenn wir vom jüdischen Volke sprechen, tauchen sie vor unseren Augen auf. Welche Umwälzungen sich bei den Juden durch die neue Lage in Rußland vollziehen werden, ist vorerst noch schwer zu übersehen. Wir können aber mit Sicherheit behaupten, daß die große jüdische Masse die erhaltene Freiheit anders auffaßt als die linksstehenden Parteien. Für diese ist die Freiheit eine selbstverständliche Notwendigkeit; in ihrem inneren Bewußtsein waren sie schon früher frei, und ihr ganzes Leben war lediglich ein Kampf gegen ihre Bedrücker gewesen. Für die breite jüdische Bevölkerung war die russische Freiheit eine angenehme Überraschung, eine Erlösung, eine wunderliche Erscheinung, auf die sie nicht vorbereitet gewesen und an die sie sich erst anpassen müssen. Auf dem allgemeinen jüdischen Kongreß werden nicht nur Vertreter der legalisierten Parteien, sondern auch solche der befreiten Juden, der erlösten Bevölkerung teilnehmen, und dies ist sehr wichtig und ausschlaggebend für die Zukunft. Das Wort der befreiten jüdischen Masse wird auch das Wort eines freien Judentums sein. Der jüdische Kongreß in Rußland wird still und ernst —- der ehrwürdigen jüdischen Traditioi? entsprechend — das Wort zu der jüdischen Lage, zu den Forderungen des Tages sprechen. Es werden natürlich auch äußere Forderungen gestellt werden, aber das Hauptprogramm wird die Behandlung der Fragen des inneren jüdischen Lebens bilden, der eigenen Organisierung, der eigenen Renaissance, der inneren Wege und Ziele. Wir wissen noch nicht, ja, wir können sagen, daß es noch überhaupt fraglich ist, ob dieser Kongreß schon auf alle Fragen Antwort geben wird. Die Juden in Rußland stehen ja erst am Beginn der Gleichberechtigung und Freiheit. Aber eines wissen wir schon jetzt: Die Antwort auf die große jüdische Frage, nicht auf die „Judenfrage“, sondern auf die Frage, welche die Juden an sich selbst richten, diese Antwort können wir von unseren Brüdern in Rußland erwarten. Die Judenfrage in Rumänien, Finnland usw. wird der jüdische Kongreß in Amerika behandeln und vielleicht auch lösen, die jüdische Frage im jüdischen Lager selbst muß, wenn auch teilweise, auf dem jüdischen Kongreß in Rußland gelöst werden. Ein Verband m Der Krieg hat die jüdischen Vereine Münchens schwer beeinträchtigt. Ein großer Teil der Leiter und Mitglieder der Vereine ist eingezogen, und den Zurückgebliebenen fällt es sehr schwer, die Arbeit in vollem Maße weiterzuführen. Besonders das was uns als die wichtigste Aufgabe erscheint: die Pflege jüdischen Geistes und Wissens muß zur Zeit stark vernachlässigt werden. Damit nun die einzelnen Vereine ihre Kräfte zu gemeinsamer Arbeit vereinen können, und damit gleichzeitig in der jüdisch-nationalen Arbeit in München eine gewisse Übereinstimmung erzielt wird, haben die folgenden Vereine: zionist. Ortsgruppe, Jiid. Turnu. Sport-Verein, Bne-Jehuda, Herzl-Verein sich zu einem Nationaljüdischen Verband zusammengeschlossen, der — unter voller Wahrung der Tätigkeit jedes einzelnen Vereins — deren Mitglieder enget miteinander verbinden will. Der Verband wird an jedem zweiten Dienstag einen gemeinsamen Vortrags- und Diskussionsabend veranstalten, und auch die Veranstaltung der jüdischen Feste und einer allgemeinen regeren Tätigkeit wird von der Vorstandschaft des Verbandes, in die jeder einzelne Verein einen Vertreter entsandt hat, besorgt werden. Am ersten Verbandsabend, der Dienstag, den 3. Juli in den Räumen des V. J. St. stattfindet, wird Herr Jakob Reich über: „Nationale Autonomie“ sprechen. (Gäste willkommen.) Für die folgenden Verbandsabende sind Vorträge von Herrn Lazar Abramson, Dr. Elias Straus, Helene Hanna Cohn und anderen Mitgliedern der verbundenen Vereine sowie ein Marie-Abschiedsabend in Aussicht genommen. Es ist zu hoffen, daß der neue Verband dazu beitragen wird, das jüdische Geistesleben in München zu heben. In den Vorstand des neuen Verbands, wurden gewählt: Helene Hanna Cohn, 1. Vorsitzende; Jacob Fränkel, 2. Vorsitzender; Rudolf Steinberg, Kassenwart; Frieda Scherr, Schriftführerin; Eli Steinberg, Beisitzer. B. Müllers SVfysskinstitut fVlünchen Fraunhoferstr. 29 :; Telephon 24540 Inhaber: Bruno Müller, Konzertmeister a. D. Schüler von: Prof. Dr. Joseph Joachim, Prof. Dr. Carl Reineoke Prof. Dr. Heinrich ßeilermann und Hofoperndirektor Gustav Mahler Unterricht in aiäers praktischen (Klavier, Violine, Orgel, Cello usw.) u. theoretischen Fächern (Harmonie, Kompositions- und Instrumentationslehre, Kontrapunkt, Fuge usw. einschließlich Musikwissenschaft) von den ersten Anfängen an bis zur künstlerischen Reife für Kinder und Erwachsene (Kinder werden vom 6. Lebensjahre an auigenommen) Prüfung, Auskunft und Einschreibung kostenlos. i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.