Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 26 (29.6.1917)
- Date
- 1917-06-29
- Page
- Seite 292 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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292 Das Jüdische Echo Nr. 26 tisch-philosophischer Verallgemeinerung eine derartige Funktion als der eigentliche Daseinszweck des jüdischen Volkes anerkannt werden. Es ist schon gewaltsam und lebensfremd, eine derartige Verpflichtung für eine große Masse von Menschen, nur auf Grund der Tatsache ihrer Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk, aufzustellen. Was soll dabei praktisch herauskommen? Entweder ist man „Weltbürger“ und eignet sich zu pazifistischer Wirksamkeit oder nicht. Die Missionskonstruktion schafft keinen einzigen „Mittler“ und jüdischen Pazifisten mehr. Ein ganzes Volk kann nicht die Frage: „Natonalismus oder Weltbürgertum“ einheitlich beantworten, auch nicht und gerade nicht das unter den verschiedenen Völkern eingesprengt lebende und von deren Geist und Geschichte mannigfach beeinfußte Judenvolk. Der Gedankengang einer derartigen „Sendung“ ist aber grundsätzlich verfehlt, ganz abgesehen von ihrem speziellen Inhalt und ihrer praktischen Bedeutung. Es ist eine Verkennung des wirklichen Lebens, den Daseinszweck eines ganzen Volkes in einer außer seiner selbst liegenden Aufgabe zu suchen. Die Frage nach dem Zwecke der Existenz des jüdischen Volkes kann nicht getrennt von der Frage nach dem Grund seiner Existenz beantwortet werden. Grund und Zweck liegen aber in dem Volksdasein selbst beschlossen. Das jüdische Volk ist, weil es ist, weil es, allen sein Dasein bedrohenden Gefahren zum Trotz, die Kraft hat, weiter zu sein; und sein Dasein ist Selbstzweck, es lebt, weil die jüdischen Individuen, die zusammen ein Volk bilden, das unauslöschliche Bedürfnis fühlen, ihre nationale Art zu erhalten. Damit ist auch das Daseins recht des jüdischen Volkes bejaht; das Daseinsrecht ist so stark wie die Daseinsfähigkeit. Um einer außer seiner selbst liegenden „Aufgabe“ willen würde das jüdische Volk keinen Tag länger leben, als seine eigene Lebenskraft es gestattet. Das gilt für das jüdische wie für jedes andere Volk, trotz alles Mangels realen nationaljüdischen Lebens, ja gerade o b dieses Mangels; denn die Lebenszähigkeit dieses Volks muß hervorragend sein, wenn es sich unter Umständen erhält, unter denen andere Völker längst erloschen sind. Was das hohe Ideal des Völkerfriedens betrifft, so ist dies keine Aufgabe, an der zu arbeiten den Juden als Juden obliegt, sondern sie obliegt den jüdischen Individuen, genau wie denjenigen nichtjüdischen, die ihrer seelischen Veranlagung und äußeren Lebensstellung nach in sich die Ver- ZIGARREN-IMPORT BERNHARD OSTERMAI ER MÜNCHEN PROMENADE!!* Mi pflichtung zu derartigem Wirken fühlen, mag auch Bernstein vielleicht darin recht haben, daß die Juden mehr als andere nach ihrer Geschichte hierfür geeignet und „berufen“ sind („berufen“ aber nicht im ethischen Sinne!). Wenn überhaupt von Aufgaben der Juden als Juden die Rede sein soll, so können es nur auf das jüdische Leben selbst bezügliche Aufgaben sein, Aufgaben, die die Befriedigung des Bedürfnisses nach Erhaltung der nationalen Art und nach Pflege der jüdischen Gemeinschaft betreffen. Die ethische Verbindlichkeit dieser Aufgaben für den Einzelnen setzt freilich, voraus, daß er dieses Bedürfnis selbst fühlt. Über Gefühle ist nicht zu rechten. Man hat sie oder man hat sie nicht... Wer vor sich selber oder vor den anderen das Bedürfnis fühlt, die Bewahrung seiner jüdischen Individualität durch außerjüdische Zwecke zu legitimieren, beweist dadurch nur, daß sein eigenes national-jüdisches Gefühl geschwächt ist. Die Missionsideologen verdienen keinen Vorwurf ob dieses geschwächten nationalen Gefühls, das eine unausbleibliche Assimilationserscheinung ist, wohl aber weil sie ihren persönlichen seelischen Zustand2) als Norm für die jüdische Allgemeinheit setzen wollen. Wer noch lebendig jüdisch fühlt, der sollte übrigens gerade aus diesem Weltkrieg, aus dem Bernstein neue Beweisgründe für die Richtigkeit seiner Missionsideologie geschöpft hat, und aus den wenig erfreulichen Kriegserfahrungen (in Ost und West, bei Entente und Vierverband!) gelernt haben, daß es für uns Juden Aufgaben gibt, die greifbarer sind und uns näher angehen, als die doch etwas vage und nicht recht hoffnungsvolle Bernsteinsche Arbeit für Völkerglück und die Zukunft der Menschheit: nämlich die Arbeit am Glück und an der Zukunft unseres eigenen Volkes. Nur oberflächliche Betrachtungsweise sieht hier Gegensätze. In Wahrheit sind die wertvollen Leistungen des jüdischen Volkes für die Menschheit auf dem Boden seiner nationalen Eigenart erwachsen. Wer daher künftig Mitarbeit der Juden am Wohl der Menschheit erwartet und wünscht, muß die Erhaltung des jüdischen Volkes wollen. Die Missionsideologie aber ist das philosophisch verkleidete Todesurteil der Juden. 2) Daß Bernstein selbst die Subjektivität seiner Mittleridee mindestens ahnt, beweist sein Hinweis im Vorwort (S. 11) auf einen anderwärts veröffentlichten Ausschnitt aus seinem eigenen Leben: „Ich verzichte darauf, liier aus ihm zu ziteren, so sehr ich mir bewußt bin, daß zuletzt es doch immer das menschliche Dokument ist, das selbst die anscheinend abstrakteste Theorie völlig verständlich macht und ihr Blutwärme verleiht.“ Der jüdische Kongreß in Rußland. Ein mit E m a n u e 1 Unterzeichneter Aufsatz im „Moment“ schreibt hierzu: Wir stehen am Vorabend durchaus wichtiger und verheißungsvoller Ereignisse: Auf den zwei Halbkugeln der Erde sind zwei jüdische Kongresse einberufen worden, einer in Europa und einer in Amerika. Diese beiden Versammlungen, die den Charakter jüdischer Parlamente aufweisen, werden das erstemal in der langen Exilzeit alles ans 1 t i 1t r I