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Das jüdische Echo · 1917-06-22 · 25 (22.6.1917) · p. Seite 286

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
25 (22.6.1917)
Date
1917-06-22
Page
Seite 286 (sequence 10)
Language
German
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286 Das Jüdische Echo Nr. 25 Versiegelt waren die Briefe mit rotbraunem oder grünem Siegellack. Die Beförderung der Briefe hing vom Zufall ab, je nachdem sich Gelegenheit dazu fand. So hören wir, daß dem Vorbeter Chajirn, dem Fuhrmann, der die „Wiener“ nach Prag gebracht hat, oder „einer Kutsche“ Briefe nach Wien mitgegeben wurden. Löb CZ und Isak Greger nehmen Briefe und Waren nach Wien mit. Nach Prag hat ein Graf (?) einen Brief gebracht. Außerdem werden aber auch besondere Boten zur Briefbeförderung verwendet. Ein erhellendes Seitenlicht wirft auf das Schicksal unserer Briefe ein Brieffund der jüngsten Zeit, der von Sautter im Archiv für Post und Telegraphie (Beiheft zum Amtsblatt des Reichspostamtes vom Februar 1909) beschrieben worden ist. Dieser umfaßt mehrere hundert im Jahre 1889 in Frankfurt a. M. noch verschlossen aufgefundene, aus Italien nach Deutschland und den Niederlanden gerichtete Geschäfts-, Privat- und Familienbriefe aus dem Jahre 1585. Sie scheinen mehreren Postbriefpaketen zu entstammen, die in diesem Jahre durch Überfall der Reichspost mit Gewalt weggenommen wurden, vermutlich um sich politisch wichtiger Briefe zu bemächtigen. Ein ähnliches Schicksal läßt sich-auch für unsere Briefe annehmen; wahrscheinlich wurden sie dem Boten auf dem Wege von Prag nach Wien weggenommen, deutsch geschriebene Briefe als verdächtig ausgeschieden, während die unverständlichen jüdischen Briefe lange Jahre vergessen und uneröffnet liegen blieben. Daß sich solche deutsche, von Christen geschriebene Briefe darunter befanden, ist aus dem im Verzeichnis angeführten Briefe einer Gräfin (wenn das Wort so zu lesen ist) zu vermuten. Das Abfangen der Briefe war, wie auch Steinhausen bemerkt, in Kriegszeiten Regel, aber auch sonst nicht ungewöhnlich. Auch in unseren Briefen wird sehr oft über verlorene Briefe geklagt, ein Bote wird auf dem Wege von Wien nach Prag 10 Tage gefangen gehalten, und nicht selten entringt den Schreibern der Stoßseufzer: wer weiß ob der Brief ankommt! Ebenso bezeichnend ist das Unterdrücken irgendwie bedenklicher Mitteilungen aus Furcht vor dem Erbrechen der Briefe, gewöhnlich mit (den Worten begründet: * man könne nicht alles „über feld“ schreiben. Für die bereits eingangs erwähnte Ähnlichkeit der jüdisch-deutschen Formeln mit denen des älteren deutschen Briefstils lassen sich aus jeder Sammlung älterer deutscher Briefe Belege erbringen. Am deutlichsten zeigt sich diese Ähnlichkeit in dem Briefwechsel des Nürnberger Balthasar Paumgartner mit seiner Gattin (1582 bis 1598, herausgegeben von Steinhausen 1896). Dies erklärt sich sowohl aus dem Umfange dieses Briefwechsels, der ein besonders reiches Vergleichungsmaterial liefert, als aus dem Inhalte, der fast ausschließlich Gegenstände des Familien- und Geschäftslebens umfaßt, der Zeit, die nur etwa eine Generation gegen die unserer Briefe zurückliegt, und endlich der Heimat der Schreiber. Nicht bloß darum, weil Nünberg nicht allzuweit von Prag und Wien abliegt, sondern auch weil sich zahlreiche Fäden verwandtschaftlicher und geschäftlicher Beziehungen von den Schreibern unserer Briefe nach Süddeutschland hinüberspinnen. In den deutschen Männerbriefen des 14. bis 17. Jahrhunderts spielt das Lateinische, später das Französische, dieselbe Rolle wie das Hebäische in den jüdischen. Der deutsche Brief wurde von den lateinischen Eingangs- und Schlußformeln förmlich eingerahmt. (Steinh. 1. 26 f.; 2, 13.) Aber auch sonst sucht der Schreiber durch eingestreute lateinische Floskeln mit seiner Gelehrsamkeit zu prunken. Die Humanisten des 15. Jahrhunderts schrieben ganze Phrasen und Wendungen aus lateinischen Schriftstellern oder Briefen berühmter Persönlichkeiten einfach ab. (Richter in Zeitschrift für vergleichende Literaturgeschichte 7, 129 ff.; Joachimsohn, Vorrede zu Herrn. Schedels Briefwechsel, Bibliothek des Literarischen Vereins in Stuttgart, 196, VIII ff.) Dies gilt natürlich nicht von den Frauenbriefen, sowie den an Frauen gerichteten Männerbriefen, oder von Männern, die keine klassische Bildung besaßen. In den Frauenbriefen findet sich zwar auch ein Festhalten an einigen traditionellen Formeln, aber doch Wahrheit und Natürlichkeit, Fröhlichkeit und gesunder Mutterwitz. (Steinh. 2, 92 ff.) Die stehende Anrede im 14. bis 15. Jahrhundert war meist: Lieber, guter, holder Freund, an Verwandte: herziieber ... Steinh. 1, 44. Später unendlich weitschweifig auch an Verwandte: Edler, Ehrenvester, Fürsichtiger, Wohlweiser, Insbesonders Wohlgeneigter geliebter Herr Vetter (17. Jahrhundert) Paumg. 1582: Erbare, tugendreiche, gethreue, freundtliche herzliebe verthraute braud. Seine Frau schreibt: Erbarer, freindlicher, herzalerliebster. Paumgartner 95. Hierauf die Begrüßung: Hunderttusend guter seliger tag jar zit und stund, so sy din fruntliches herzlin begehren ist, wünschen ich dir uß grund mynes Herzen. Steinh. Priv. 2, 61. Einen guten seligen tag und ain fröhliche wuchen und alles das dich . . . kan und mag erfroen . . . wünschen ich dir, 60. Ähnlich die Neujahrswünsche von Klosterfrauen (15. Jahrhundert); . . . . vil gutter seliger gluckhafftiger gesonder fridlicher frolicher nuwer jar, 1, 296 u. öfter. Datum und Adresse war bis gegen Ende des 15. Jahrhunderts sehr häufig lateinisch, später F. Potocki u. L. H. Ballahene, München mm WJ Unterricht im Zeichnen, Maien und Modellieren, Kopf, Kostüm, Akt und Stilleben. Abend-Akt mit und ohne Korrektur* Vorbereitung zur Akademieprüfung. Anmeldung Dienstag und Donnerstag von 10—12 Uhr. 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