Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 25 (22.6.1917)
- Date
- 1917-06-22
- Page
- Seite 279 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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In seiner Broschüre „Das polnische Staatswesen und die Juden“ führt der bekannte polnische Neoassimilant, Herr Kasimir Sterling, einen tiefsinnigen Beweisgrund dafür an: dank der Verwandtschaft des Jüdischen mit dem Deutschen und der engeren Beziehungen zwischen Juden und Deutschen während der Besetzungszeit würden die polnischen Juden die deutsche Sprache gründlich erlernen, was ihnen die Auswanderung nach Deutschland erleichtern werde.3) Das wollen die „jüdischen Deutschen“ aber nicht hören, und sie lassen sich einreden, der Verzicht der polnischen Juden auf nationale Rechte würde die polnisch-jüdischen Beziehungen regelft und das Zusammenleben der Juden mit den Polen erleichtern, was nach sich ziehen werde, daß die polnischen Juden in Polen bleiben und nicht nach Deutschland gehen. Es erweckt wirklich den Anschein, als ob die „jüdischen Polen“, bei denen die „jüdischen Deutschen“ ihre Erkundigungen einziehen nicht genügend bona f i d e handelten. Es braucht dies übrigens gar nicht auf direkt schlechte Absicht zurückgeführt werden, sondern auf die natürliche Tatsache, daß die Interessen der polnischen A s sim i 1a nten sich mit denen der deutschen kreuzen. Die Losung „Assimilanten aller Länder vereinigt euch!“ wäre ganz sinnlos. So gut wie die deutschen Assimilanten daran interessiert sind, die Zahl der Juden in Deutschland zu vermindern, ist den polnischen Assimilanten daran gelegen, dasselbe in Polen zu sehen. Und da sowohl Deutschland wie Polen als Hort der polnischen Juden in Aussicht gestellt werden können, so liegt es im Interesse der polnischen Assimilanten, ihren deutschen „Gesinnungsgenossen“ gerade das Gegenteil dessen anzuraten, was für die letzteren nützlich ist. Die polnischen Juden der nationalen Rechte zu berauben, bedeutet für sie Rechtlosigkeit, und nur letztere kann sie zur Auswanderung überhaupt und zur Einwanderung nach Deutschland im besonderen veranlassen Es mutet deshalb ganz fremdartig an, wenn ein „jüdischer Deutscher“ vom Schlage eines Herrn Dr. Nathan nicht nur die Gerechtigkeit, sondern geradezu die Interessen seiner Gesinnungsgenossen in Deutschland durch seine Politik in Polen mit den Füßen tritt. Zugleich handelt er gegen das deutsche Interesse, das zu unterstützen er natürlich beabsichtigt. Seine „deutsche“ Politik wird bei uns folgendermaßen auf gef aßt: die Polen sind Antisemiten, und da Deutschland jetzt daran gelegen ist, sie zur Aktivität zu bewegen, muß man die Juden aufopfern. Man muß den Anschein erwecken, als ob die polnischen Juden in Hülle und Fülle lebten und als ob es nur ein Häuflein „Aufwiegler“ sei, die unbegründete Klagen führen, indessen die „überwiegende Mehrheit“ (die gezählten 22 000 „Orthodoxen“ von Kohn-Carlebachs Cheder) eine alleruntertänigste Adresse an den polnischen Staatsrat richten, der an nichts anderes denkt, als nur die Juden glücklich zu machen. Und das praktische Ergebnis dieser Politik? Trotzdem Dr. Nathan die Juden dem Polentum überantwortete, hat die polnische „Aktivität“ sich nach wie vor in keiner einzigen Tat offenbart. Hätte Dr. Nathan sich nicht durch leere Redensarten verführen lassen, sondern sich die Mühe gegeben, die Sachlage gründlich und 3) VergL meinen Artikel im Warschauer jüdischen „Volk“ Nr. 18, 1917, unter dem Titel „Das polnische Staatswesen und die Juden“. gewissenhaft zu studieren, so hätte er wirklich eine polnisch-jüdische Verständigung herbeiführen können, und zugleich die Sache gefördert, in der er als Mittler auftrete n wollte. Leider ist es jetzt nicht angängig, diese Angelegenheit ausführlicher zu behandeln ... Jeder, dem die polnisch-jüdischen Verhältnisse gründlich bekannt sind, weiß, daß die Polen prinzipiell gar nicht abgeneigt sind, mit den Juden einen modus vivendi zu finden, gerade auf Grund der Anerkennung der national-kulturellen Rechte der letzteren. So war es in den Jahren 1905/6, wo die hervorragenden polnischen Politiker sich dahin aussprachen,-es liege dies sogar direkt im Interesse der polnischen Nation, denn sonst würden /die Polen anderwärts dieselben Rechte für sich nicht beanspruchen können. Es geschah dies dann, als ihnen die damals in Rußland leitenden liberalen Kreise zu erkennen gaben, es müsse der Satz gelten: was dem einen recht ist, muß auch dem anderen billig sein. Und wenn nicht darob die Reaktion in Rußland wieder zur Herrschaft gelangt wäre, würden sich die polnisch-jüdischen Beziehungen ganz gut gestaltet haben. Dasselbe sehen wir jetzt in Rußland, wo sich Polen, Litauer, Ruthenen. Weißrussen und Juden zu einem Komitee zusammenschließen, um die betreffenden Gebiete auf Grund national-kultureller Autonomie einzuordnen. Es ist überhaupt eine Tatsache, die sich in der polnischen Geschichte immer bewahrheitet: der Antisemitismus wacht auf, sobald sich die polnischen Juden schutzlos fühlen und schläft ein, sobad die Polen wissen, daß die öffentliche Meinung dieser oder jener ausschlaggebenden Faktoren die Unterdrückung der Juden nicht gestattet. Wenn mithin die „jüdischen Deutschen“ wirklich vor der ostjüdischen Invasion Furcht haben, so mögen sie in der entgegengesetzten Richtung gehen, als in der, die sie bis jetzt eingeschlagen haben. Überhaupt mögen sie unsere Verhältnisse gründlicher studieren, sich allseitig die tatsächliche Lage vergegenwärtigen und sich nicht die Wirklichkeit durch abgelebte Phrasen verschleiern lassen. Eine-Streitschrift vom Glauben.*) Vor einiger Zeit erschien eine kleine Schrift von Gurt von Trützschler-Falkenstein: „Die Lösung der Judenfrage im Deutschen Reich“. In dieser Schrift wurde in höchst naiver, von keinerlei Kenntnis gewisser historischer, physiologscher, sozialer und religionsphilosophischer Voraussetzungen beschwerter Art die Judenfrage dadurch gelöst, daß der Verfasser den Juden den guten Rat erteilte, hinzugehen und Christen zu werden. Diese Schrift sandte Trützschler-Falkenstein an einen Mann aus jüdischem Blut, der ihm wohl deshalb von vornherein als Autorität galt, weil er sich dank seiner Tüchtigkeit zu einer einflußreichen Stellung im Deutschen Reich emporgeschwungen hat, nämlich an Walther Rathenau. Und Walther Rathenau, der gründlich Gebildete und scharf Denkende, schrieb dem Verfasser als Antwort nicht nur einen Brief, sondern gleich eine ganze Broschüre von größerem Umfang als die des Absenders. Freilich schrieb er nicht ein einziges Wort hinein, das diese merkwürdige „Lösung der Judenfrage“ prinzipiell ver- *) Eine Streitschrift vom Glauben von Walther Rathenau (S.. Fischer Verlag Berlin).