Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1917-06-22 · 25 (22.6.1917) · p. Seite 278

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
25 (22.6.1917)
Date
1917-06-22
Page
Seite 278 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9102967-9138106--01522-9074346
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

278 Das Jüdische Echo Nr. 25 überzeugen wird. Was ich ihnen Zutrauen darf, ist das, daß sie als Realpolitiker mit der Zweckmäßigkeit rechnen und durch ihre Aktion nicht gerade das Gegenteil erreichen von dem was sie anstreben. — Von dem Wunsch getragen, die Ostjuden um jeden Preis dem Deutschen Reiche fernzuhalten, haben sie eine unwesentliche Kleinigkeit übersehen. Sie haben sich gar nicht die Mühe gegeben, die Verhältnisse an dem Platze zu studieren, wo sie ihre politische Tätigkeit entfalten. Hätten sie einen, wenn auch nur oberflächlichen Begriff von den Bedürfnissen und Bestrebungen der polnischen Juden, so hätten sie gewußt, daß es durchaus falsch ist anzunehmen, die Ostjuden hegten die Absicht, nach Deutschland zu gehen, Wir wissen ganz gut, daß Deutschland kein Land für Einwanderer ist, umsoweniger für Leute, die mit der Tüchtigkeit und technischen Ausbildung der Deutschen nicht wetteifern können. : Die Schlußfolgerung drängt sich von selbst auf. Um uns an die polnische Scholle zu bindön, müßten die deutschen Juden uns helfen, uns in Polen sozial und wirtschaftlich gut einzurichten, worauf eben unsere Forderung, bürgerliche und nationale Rechte zu erhalten, hinzielt. Die Polen verstehen es ganz gut und sagen uns ganz offen: wir wissen, warum die deutschen Juden sich so bemühen, um für euch nationale Rechte zu erkämpfen, die sie in Deutschland gar nicht fordern — sie wollen euch ein bequemes Judäo-Polonien bauen, damit ihr sie mit euerer Anwesenheit in Deutschland nicht belästigt. Ich bin natürlich ganz davon entfernt, diejenigen Juden in Deutschland, die unserer nationalen Bewegung helfen, zu beschuldigen, sie täten dies aus Eigennutz. Ich führe nur diese Worte der Polen an, um zu beweisen, daß außer ideellen Motiven auch das Interesse der deutschen Juden es erheischt, die nationalen Rechte der Ostjuden zu unterstützen, ohne Rücksicht darauf, ob diese deutschen Juden bei sich Nationaljuden oder Assimilanten sind. Die deutschen Juden mögen schon einmal wissen, daß Kongreßpolen nicht ein Land der Auswanderung, sondern gerade im Gegenteil der Einwanderung sein könnte. Es ist doch eine bekannte Tatsache, daß seit jeher viele deutsche Juden nach Polen gekommen sind. Die Immigration hörte erst auf, als die russische Regierung den ausländischen Juden verbot, sich im russischen Staate niederzulassen. Die deutschen Juden haben, nebenbei gesagt, ein glänzendes Blatt in der Geschichte der Juden Polens. Sie haben uns die ersten geistigen Elemente gegeben und zu unserer Aufklärung sehr viel beigetragen. Umsomehr werden die deutschen Juden in Polen nach dem Krieg für sich eine Betätigung finden, sofern die rechtliche Lage der li!iiiiiiiiiiiiiiiiuiiiii!iiiiiii!iii!uiiiiiiiu!üiiiiiiiiiuiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiimiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiij| )) ES KR" I KLEINKUNST- I VERSRND | MÜNCHEN PS™r.1'' | Ausstellung aller Zweige | des Kleinkunst-Gewerbes »iliiuiinumiiiiiiiiiiiiinHiiiHiiiiuiiiiiiiiHiiiiiiiHiiiiiiimiimiiimiiuiimummittiuiiiumiimtiiiiiii polnischen Juden geregelt ist. Vor allem werden sie sich auf wirtschaftlichem Gebiet betätigen können. Die ökonomische Lage des Landes wird sich — kurz gefaßt — so gestalten, daß Polen einerseits auf seinen eigenen Markt angewiesen ist, und anderseits dieselben Märkte bedienen wird, die die Zentralmächte sich erkämpft haben werden, — jedoch nur mit Artikeln, die infolge billigerer Arbeit usw. in Polen vorteilhafter zu produzieren sind. Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß sich der russische Markt der polnischen Produktion erschließen wird. Dazu wird Polen Kapitalien und geistige Kräfte nötig haben, was eben die deutschen Juden uns liefern könnten.1) Ferner werden die deutschen Juden auf dem Gebiet des national-kulturellen Lebens in Polen Betätigung finden. Mit dem Aufblühen dieses Lebens werden wir Angehörige der gebildeten Berufe benötigen, die uns fehlen werden, umsomehr, als damit zu rechnen ist. daß ein Teil der polnisch-jüdischen Intelligenz, mit russischen Schulzeugnissen versehen, nach Rußland abfließen wird, um dort die Lücke einer russisch - diplomierten Intelligenz auszufüllen. Auch viele polnische Kapitalisten, die gewöhnt sind, ihr Geld mit einem hohen Prozentsatz zu bezinsen, werden genötigt sein, ihr Glück in Rußland zu versuchen und werden dadurch dem in dieser Hinsicht anspruchsloseren deutschen, bezw. deutsch-jüdischen Kapital Platz machen. Ich kann natürlich auf dieses Thema hier nicht näher eingehen. Es nimmt mich nur Wunder, daß die sprichwörtliche deutsche Gründlichkeit bei manchen „jüdischen Deutschen“ ganz versagt und daß sie sich in Bezug auf die Ostjudenfrage der Gemeinplätze bedienen, die nicht überall und nicht zu jeder Zeit anwendbar sind. Die deutschen Assimilanten wollen nicht begreifen, daß selbst die polnischen Assimilanten gar nicht behaupten, die Polonisierung wäre eine Lösung der Judenfrage in Polen. Immer aufrichtiger sprechen sich die „jüdischen Polen“ dahin aus, sie verständen ganz gut, daß es Unsinn wäre zu hoffen, die jüdische Bevölkerung in Polen, die 15 Prozent im Durchschnitt beträgt und in den für die Kultur ausschlaggebenden Städten 30, 50 bis 80 Prozent ausmacht, werde sich assimilieren können. Um die Polonisierung möglich zu machen, wollen *>ie daher das Gros der polnischen Judenschaft auswandern lassen, damit der winzige Überrest auf einen Prozentsatz herabgesetzt wird, wie er in Westeuropa besteht. Die Assimilation als Lösung der Judenfrage haben die „jüdischen Polen“ (wie Kempner, Lauer, Feldmann usw.) nur zum Export nach Deutschland auf Lager. Sollten sie den Polen diese „Lösung“ verraten, so würden sie die schroffe Antwort bekommen: einer derartigen Polonisierung ziehen wir Polen schon die Judaisierung der Juden vor, denn sonst droht uns die Gefahr, nicht die Juden zu polonisieren, sondern, von ihnen judaisiert zu werden.2) Interessant ist es dabei, daß unter den Ländern, wohin die „jüdischen Polen“ die Gesamtheit der polnischen Judenschaft zu verschicken beabsichtigen, auch Deutschland einen ansehnx) Über die wirtschaftliche Zukunft Polens im Zusammenhang mit der Judenfrage hat M. Frisch-' länder eine Reihe von Artikeln im Warschauer jidischen „Moment“ veröffentlicht. a) Vergl. meinen Artikel „Assimilation und Emigration in Polen“ im „Frankfurter Isr.' Familienblatt“ 1916.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.