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Das jüdische Echo · 1917-06-15 · 24 (15.6.1917) · p. Seite 273

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
24 (15.6.1917)
Date
1917-06-15
Page
Seite 273 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 24 Das Jüdische Echo 273 man doch fehlgehen, in dem religiösen Moment oder in diesem allein das Bewegende ihres Lebens zu suchen. Es ist vielmehr die Geistigkeit selbst, die das größte Ungemach des Lebens zu paralysieren und die Beherrschung desselben zu bewirken imstande ist, wie dies das Machtbewußtsein, das seiner Natur nach ein sehr intensives, aber nicht ebenso dauerhaftes ist, nicht vermag. Freilich darf auch nicht übersehen werden, daß dieses Wissen in ihren religiösen Vorstellungen seine Voraussetzung hatte. Der realistische, im Erwerbsleben geschulte Sinn konnte hier die größte Befriedigung erfahren. Alle diese Theoreme, praktische und unpraktische, nüchterne und ekstatische, die den draußen gequälten Geist beruhigten und erhoben, sind göttliche Wahrheiten von absoluter Giltigkeit. Demgemäß war auch die Freudigkeit nicht von dieser Welt. Man fürchtet, man hofft, man erwartet, man verliert, man hungert nach Neuigkeiten — in einer presselosen Zeit selbstverständlich, den Juden konnte aber auch jede politische Veränderung teuer zu stehen kommen — aber irgend etwas steckt in diesen Menschen, das ihnen einen besonderen Halt verleiht. Und so, und nur so kann es erklärt werden, daß Menschen, für die in der sie umgebenden Gemeinschaft kein Platz war. nicht nur ihr Ehrgefühl nicht verloren, sondern es vielmehr in ihrer Welt bis zur höchsten Potenz gesteigert haben, während sonst einer Minderheit das Bewußtsein des Eigenwertes durch allgemeine Mißachtung verloren zu gehen pflegt. Daher die Urbanität im gegenseitigen Verkehr, von der die Briefe reichlich Zeugnis ablegen, daher die vielfachen Würden und Titulaturen bei Menschen, die von der christlichen Gesellschaft nicht des geringsten ehrenden Beiwortes gewürdigt wurden. Es geschieht deshalb nicht mit Unrecht, wenn auf diese und ähnliche Zeugnisse als auf eine Ouelle hingewiesen wird, um das Seelenleben des mittelalterlichen Juden zu erfassen. Die reichhaltige jüdische Literatur bietet ja hiefiir Stoff genug, dem Forscher gebricht es jedoch an Mitteln, das seelische Gehaben des Volkes als solches zu erkennen. Man kann bei den vielen, auf Grund von rein literarischen Materialien aufgebauten Darstellungen des jüdischen Innenlebens die Empfindung nicht loswerden, daß hier etwas wesentliches fehlt — der Monolog des vormodernen Dramas, die unmittelbare Äußerungsweise des unliterarischen Menschen, das Verhältnis der Masse zu dem Vorstellungskreis, der als einem Volke eigentümlich angesehen wird. Wie stark das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb dieser engen Gemeinschaft war, zeigt die Häufigkeit der Unterstützungsansprüche, die nicht nur an die nächsten Familienmitglieder, sondern auch an entfernte gestellt werden. Der Ton einer gelinden Forderung, den diese Wünsche oft annehmen, beweist, daß die Schreiber mit Grund auf die Erfüllung, als auf etwas selbstverständliches, rechnen durften. Ja wir sehen sogar, daß in dringenden Fällen die Verwandten zu solchen Leistungen zwangsweise verhalten werden konnten. Zu einem bunten Mosaikbilde des äußeren Lebens fügen sich die in den Briefen verstreuten zahllosen kleinen Einzelheiten zusammen. Wir erhalten Einblick in das Gemeinde- und häusliche Leben, Erwerb und Hauswirtschaft, Geldverhältnisse und Unterrichtswesen; Eheschließungen und Familienfeste, Trachten, Speisen und manches andere kommen zur Sprache. Über diesem friedlich stillen, eng umgrenzten Leben grollen jedoch bereits die Donner des beginnenden Dreißigjährigen Krieges, dessen Schrecken ohne Ende die Schreiber allerdings noch nicht zu ahnen vermochten, obwohl sich auch ihnen schon seine Heimsuchungen fühlbar zu machen begannen, so in dem Auflaufe in den Prager Judengassen, in dem Abfangen von Reisenden und Boten und der Plünderung von Nikolsburg, unter der ihre Angehörigen zu leiden hatten. Trotz Blattern, Pest und anderen Seuchen, Teuerung und Steuerdruck, Geldknappheit und Einschnürung aller Erwerbsgelegenheiten bricht aber immer wieder der unverwüstliche jüdische Optimismus durch, und das allgemeine Urteil der durch jahrhundertlange Gewöhnung an Leiden Abgehärteten lautet schließlich: die Lage sei noch zu ertragen. Soviel über den Inhalt der Briefe. Besondere Beachtung verdient aber noch ihre Form. Wir lernen die Ausdrucksweise aller Stände. Alters¬ und Gesellschaftsklassen kennen; anders schreibt der Gelehrte, anders der Geschäftsmann, der arme Vater des Dieners, der seinem Sohne Rat erteilt, wie er sich in seiner Stellung zu verhalten habe, der Schüler, der sich ängstlich an die eben erlernten Formeln klammert, und die Frau, die. wenn sie auch nicht selbst die Feder führt, oder gerade da erst recht ihrer natürlichen Beredsamkeit freien Lauf läßt. Für den Briefstil charakteristisch ist das Überwuchern der formelhaften Elemente, die sich sowohl in den hebräischen als in den jüdischen Texten, und zwar zum großen Teil übereinstimmend finden. Es unterliegt keinem Zweifel,4 daß diese Formeln schon den Kindern beim Schreibunterrichte eingeprägt wurden, wie dies noch vor nicht langer Zeit bei den Juden des Ostens geschah und wohl hie und da noch geschieht. Einen deutlichen Beweis hiefür liefert der Knabenbrief Nr. 4. dessen Schreiber schon Kenntnis aller Formeln, sowie der schematischen Bestandteile eines Briefes zeigt, aus denen er nur ein leeres Gerüst zusammenzimmert, das er durch tatsächlichen Inhalt auszufüllen nicht imstande ist. Die jüdisch-deutschen Formeln zeigen aber außerdem eine auffällige Ähnlichkeit mit den im 16. Jahrhundert und in früherer Zeit in deutschen Briefen üblichen. Den ursächlichen Zusammenhang dieser Erscheinung aufzuhellen, wäre eine dankenswerte Aufgabe, für die es jedoch noch an den nötigen Vorarbeiten fehlt. Den Eingang bildet eine Formel wie: vil (oder tausent) guter seliger gebenschter freidiger jar (nicht jeder Schreiber gebraucht all diese Adjektive), die solen dir ale weren war; auf dein heipt un’ har. Diese Formel findet sich bereits in einem (von Güdemann III, 101 zitierten) Briefe Schondlins, der Frau Isserleins von Wiener-Neustadt (gest. 1460): gar vil guter jor, di musen dir werden war, wi du gut bist. (Jetzt gedruckt im Leqet joscher des Josef b. Mose, herausgegeben von J. Freimann, Berlin 1904, II, 19 f.) Wenn man aus diesem einen Beispiele schließen darf, sind die kürzeren Formeln die ältesten und hat erst die überschwängliche Zärtlichkeit der Schreiber, der die überlieferten Wer m schon zu nüchtern vorkamen, durch Häufung von Synonymen zur späteren Hypertrophie geführt. Dem steht noch entgegen, daß man, wenn Eile oder Raummangel dazu nötigte, auch ganz ohne Formeln auskommen konnte. Eine andere Formel ist: „vil freid un’ nimer mer kein leid“ mit vorausgehendem „vil guts“, erweitert

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