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Das jüdische Echo · 1917-06-15 · 24 (15.6.1917) · p. Seite 268

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
24 (15.6.1917)
Date
1917-06-15
Page
Seite 268 (sequence 4)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nr. 24 268 bildeten Schülern entlassen. Die Werkstätten an der jüdischen Gemeinde in Warschau werden musterhaft geführt.“ Darauf sprach der antisemitische Ratmann Ilski: „Ihr kommt stets zu uns — sagte er — mit Klagen über Ungerechtigkeit und Intoleranz. Das ist nicht richtig. Wir sind bisher zu tolerant und zu gerecht gewesen gegen unsere „Eroberer“. Der jüdische Nationalismus wächst uns über den Kopf, er will unser Land in Besitz nehmen. Alle Eroberer Polens haben sich stets der Juden bedient, um das Polentum in Polen zu ersticken. Sie. die fremden Eroberer, haben den jüdischen Nationalismus unterstützt und gepflegt. Er ist nicht durch Rußland groß geworden, sondern schon früher, unter der Wirkung des Westens . . . Nicht als Antisemit und nicht als Reaktionär bekämpfe ich den jüdischen Nationalismus, sondern als echter Pole, der die ganze Gefahr erkennt ... Ich habe gar nichts gegen das jüdische Volksbewußtsein, ich verstehe ein solches Bewußtsein im eigenen Land, aber nicht hier auf unserer Erde. Der „Moment“ schreibt, daß die Juden in Polen stets eine eigene Kultur gehabt hätten. Wir wollen das weiterhin nicht mehr dulden . . . Wir können nur die Rechte derer anerkennen, die auf dem Boden des Polentums, der polnischen Kultur stehen, aber nicht derer, die hier ein Judäo-Polonien schaffen wollen. Diese Herren arbeiten stets gegen uns in der Presse der andern Länder. Das können wir nicht mehr dulden. Wir sind stark genug gegen das kleine jüdische Häuflein ... Ich verstehe: jedes Volk strebt nach einem eigenen Staatsleben und für Palästina sind alle diese Ideale ganz berechtigt. Aber nicht hier in Polen, wohin ihr nichts mitgebracht und wo ihr nichts geschaffen habt. Ich selbst würde bereit sein, mit euch für Palästina zu kämpfen — das wäre ein Glück für euch und für uns (Gelächter bei den jüdischen Ratsmännern). Das heißt aber nicht, daß ich Zionist geworden bin. Ich verstehe die Juden und begreife ihre Psychologie. Aber ihr, Polen, seht, was aus unserem Lande wird! Die Juden bauen sich hier Festungen, und wenn es so weitergeht, werden wir untergehen. Fremde wollen uns verschlingen Unsere Pflicht ist es daher zu warnen: Laßt nicht den inneren Feind in die Tore, er wird sich befestigen und sich auf uns werfen“. (Beifall bei allen polnischen Parteien.) Auf diese Drohrede Ilskis antwortete der jüdische Ratmann Berensohn: „Wißt ihr“ — fragte er — „woran uns Juden eure Reden und Gesten erinnern? Sie erinnern uns an jene Leute von Ki- ZIGARREN-IMPORT BERNHARD OSTERMAI ER &0 MÜNCHEN PROMENADEPL* S£hinew, an getötete Greise und Kinder, aufgeschlitzte Leiber und von Nägeln durchbohrte Köpfe! Das ist die Herrschaft des Henkers, der hier seine Herrschaft hatte. Er hatte euch die Juden als Knochen zum Fraß hingeworfen, um euch von der Wirklichkeit abzulenken. Und Sie und Ihresgleichen, Herr Ilski, knabbern noch immer daran. Darauf wollen Sie das künftige polnische Leben aufbauen. Jede Frage, die von Ihnen berührt wird, hat den Zweck, den Juden auszustoßen und wir müssen ständig die Verteidigung führen. Das hundertjährige Jubiläum der polnischen Zünfte, das man vor kurzem gefeiert hat, war ein hundertjähriges Jubiläum der Rechtlosigkeit des jüdischen Handwerks in Polen. Schon vor 126 Jahren, als der polnische Staat seinem Untergange nahe war und die besten polnischen Männer alle Mittel anwendeten, um ihn zu halten, hatten sich so „schlechte“, „unpatriotische“ Polen gefunden, die der Sejm-Kommission erklärten, daß zur Stärkung des polnischen Handwerks und der Kleinindustrie die Juden zu den Zünften zugelassen werden müßten. Im Jahre 1863 hat eine Versammlung polnischer Handwerker eine Resolution gefaßt, in der erklärt wurde, daß die Nichtzulassung der Juden zu den Zünften eine Schande für das polnische Volk sei und gegen den polnischen Geist verstoße. Selbst in der Russenzeit haben sich 30 Prozent der Zunftmitglieder für eine Zulassung der Juden ausgesprochen. (Zuruf: Polen haben eine Menge Fehler gemacht!) Die Judenfrage — schloß der Redner ist eine Landesfrage und glücklicherweise werden wir sie nicht lösen, sondern die Vertreter von ganz Polen. Und wie einst werden sich dann auch wahre Freiheitsstimmen vernehmen lassen, die verstehen, daß der Wohlstand des Landes eine Konzentrierung aller Bürger des Landes ohne Unterschied der Nation und des Glaubens um die Staatsmaschine verlangt. Sie, Herr Ilski, werden das neue Polen nicht aufbauen. Der große Staatsgedanke wird Sie und Ihresgleichen hinwegfegen“. Als letzter jüdischer Redner nahm Ratmann Prilutzki das Wort. Er erklärte, daß er gerne die Beschuldigung auf sich nehme, daß die „Jüdische Volksgruppe“ zu oft die Debatte über die polnische Judenfrage herausfordere. Er sagte, die offenherzige Rede des Herrn Ilski sei ihm lieber als das Schweigen der Herren auf den linken Bänken. „Herrn Ilskis Rede werden die jüdischen Zeitungen zum Abdruck bringen, damit die Welt wisse, daß kein einziger Ratmann mit polnischem Familiennamen gegen eine solche Rede opponiert hat. Die Judenfrage gehört zu den Fragen, die jedes moderne Land zu lösen hat. Ein Land, das jetzt seinen Aufbau beginnt, muß mit der Judenfrage den Anfang machen. Nicht mit Drohungen und nicht durch Terror kann hier etwas erreicht werden. Wir haben 2000 Jahre gegen Stärkere kämpfen müssen und sie haben uns nichts anhaben können. Wir haben mit der polnischen Kultur so wenig gemeinsam wie mit der römisch-katholischen Kirche. Kultur ist die eigene Angelegenheit eines jeden Volkes. Anders verhält es sich bezüglich des Staates, d. h. politisch sind wir Polen. Wir erkennen den polnischen Charakter des Landes an. Kulturell und national aber sind wir Juden. Diese Erde ist unsere Erde wie die eure (Großer Tumult im Saal). Nicht Gäste sind wir hier, sondern Bürger, die schon 800 Jahre auf dem gleichen Boden wohnen und für das Land so gut arbeiten wie ihr. In Amerika genügen fünf Jahre, um das Bürger¬ und Stimmrecht zu erhalten und soziale und Regierungsämter zu bekleiden. Kein Judäo-Polonien

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