Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 24 (15.6.1917)
- Date
- 1917-06-15
- Page
- Seite 266 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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266 Das Jüdische Echo Nr. 24 „Assimilatoren“ und hat seine drei Kinder taufen lassen.) * Statt die großen Massen der nationalgesinnten Juden (die „Volksgruppe“ und die „Zionisten“) durch kluges Erfüllen berechtigter Wünsche zufrieden und in deutschfreundlicher Gesinnung zu erhalten, legt man ihnen Schwierigkeiten in den Weg. Das gut geleitete (in jidischer Sprache gedruckte) Warschauer Tageblatt hat man sein Erscheinen einzustellen genötigt, und man fördert statt dessen das seit dem 1. Februar d. J. erscheinende „Jüdische Wort“. Durch dieses suchen die beiden vorhin erwähnten Rabbiner, die für Deutschlands Interessen offenbar des rechten „Verständnisses“ ermangeln, die Juden Polens gegen deren Willen zu polonisieren und vermehren und vertiefen nur die zwischen den dortigen Juden vorhandenen Gegensätze. Die Deutschen und die Juden Polens blicken mit ernster Besorgnis in die Zukunft. Beide sind speziell überzeugt, daß nach dem Kriege, sobald die deutsche Macht sich zurückgezogen habe. Judenverfolgungen schlimmster Art (Boykott, Rechtsverweigerungen usw.) ausbrechen werden. Möchten diese Zeilen dazu beitragen, daß diesen Besorgnissen gewehrt werde! Die Juden Polens — ein ..zugewandertes Element“. In dem letzten Heft der Berliner „Neuen Jüdischen Monatshefte“ vom 10./25. Mai d. J„ das dem jüdischen Sozialisten und der Revolution in Rußland gewidmet ist, erschien u. a. ein Bericht aus Warschau, der über das Vorgehen des polnischen Staatsrates sehr interessante Informationen bringt. Gegenüber dem Verlangen des Staatsrates, sofort das gesamte Schul- und Justizwesen zu übernehmen, hat die deutsche Regierung auf einen Schutz der Minoritäten gedrungen. Insbesondere die deutsche Minorität in Lodz vertritt ja das große wirtschaftliche und kulturelle Interesse des Deutschtums, so daß ihre Erhaltungdringend notwendig erscheint, aber auch die fast 15 Prozent der Gesamtbevölkerung betragende jüdische Minorität beansprucht die Erhaltung ihrer kulturellen und nationalen Eigenart mit immer wachsendem Nachdruck. Auf ein dementsprechendes Ersuchen der deutschen Verwaltung hat sich nun der Staatsrat dahin ausgesprochen, daß er als Minoritäten lediglich die Litauer, Ruthenen, Weißrussen und Deutschen, keineswegs aber die Juden, anzuerkennen gedenkt, die nur „Zugewanderte“, also Fremde, seien. Er leugnet deshalb ihr Recht auf eigene Schulen ab. Mit dieser Klassifizierung stellte sich der Staatsrat genau auf den Standpunkt Rumäniens. Darüber, wie der Staatsrat überhaupt dazu kam, Minderheitsrechte zu proklamieren, teilt der Bericht folgendes mit: „Der Staatsrat tut es nicht aus eigenem Willen. Erstens ist die ganze Behandlung der Nationalitätenfrage auf Anregung aus Berlin erfolgt. Sodann haben die Ruthenen, Litauer und Weißrussen ihre Unzufriedenheit mit der polnischen Politik in schärfster Weise zum Ausdruck gebracht. Erst dieser Umstand hat die polnischen Führer gezwungen, eine neue Politik einzuschlagen. Sie tun nun so, als wollten sie den Ruthenen, Litauern und Weißrussen etwas schenken, während sie ihnen doch in Wirklichkeit zugunsten der polnischen Nationalität viel nehmen wollen. Handelt es sich doch nicht um die Rechte dieser Nationalitäten auf polnischem historisch-ethnographischen Gebiet, sondern auf eigenem nationalen Boden. In diesen Gebieten bilden aber nicht die erwähnten drei Nationalitäten, sondern eben die Polen die Minorität! Minderheitsrechte kommen lediglich in Bezug auf die Deutschen in Betracht, und deshalb hat man sie auch bei der Aufzählung an die vierte Stelle gesetzt. Man gibt ihnen dadurch zu erkennen, daß man ihnen die Rechte auf national-kulturelle Eigenart deshalb nicht zuspricht, weil es das Gewissen befiehlt, sondern w’eil man nicht anders handeln kann. Haben doch die Deutschen immerhin ein klein wenig zur Befreiung Polens beigetragen, haben sie doch die Möglichkeit, ein Wörtchen in die Verhältnisse hineinzureden! ...Und den Juden will man keine Rechte gewähren, weil die polnischen Führer wähnen, es würde sich für die Juden niemand einsetzen. ... Die neuliche Zusage des Staatsrats, die Juden als gleichberechtigte Bürger in der Zukunft zu betrachten, erweist sich als nichtig. Recht bald nach diesem Versprechen erfahren wir, daß die öffentlich anerkannten .Bürger* im geheimen Protokoll als .Zugewanderte“ und .Ankömmlinge* figurieren.“ Die erste Handlung des befreiten neuen Polens geht dahin, andere zu unterdrücken und sie ihrer kulturellen Rechte zu berauben. Die Haltung des Staatsrates ist um so unverständlicher, als die preußischen Polen mit Zustimmung ihrer Landsleute im Königreich für die Provinz Posen die kulturellen Rechte fordern, die die Polen in ihrem eigenen Lande andern verweigern. Von den Warschauer Gemeindewahlen. Angesichts der bevorstehenden Wahlen zur Jüdischen Gemeinde in Warschau haben die Assimilanten Beratungen abgehalten und als ersten Punkt ihres Wahlprogramms eine Verständigung mit einem Teil, der Orthodoxie aufgestellt. Die Hauptlosung der Assimilanten bei den kommenden Wahlen wird der Kampf gegen die Nationalisten sein. Auch die sogenannten „Unparteiischen“ haben bereits über ihre Stellung zu den kommenden Wahlen beraten. Es wurde beschlossen, eine neue Partei zu gründen, die alle jene an sich ziehen soll, die weder zu den Nationalisten, noch zu der „Aguda hoorthodoxim“ gehören. Der neuen Partei will sich auch ein Teil der „Neoassimilanten“ anschließen. Es wurde auch beschlossen, ein Organ in polnischer Sprache herauszugeben. Antisemitismus in Polen. Die jüdischen Studenten der Universität und des Polytechnikums in Warschau verlangten Vertretung in den studentischen Ausschüssen der genannten Hochschulen. Dieses Verlangen wurde von den polnischen Studenten brüsk abgelehnt. In einem von der Studentenschaft veranstalteten Meeting hielt der Rektor des Warschauer Polytechnikums, Plaschke, eine schafe antisemitische Rede, die in der jüdischen Studentenschaft und in weiten jüdischen Kreisen die größte Empörung hervorgerufen hat. Die jüdischen Studenten hielten Protestversammlungen ab und beschlossen, in einen Streik einzutreten, der nun schon seit längerer Zeit anhält. Wie „Gloss Radomski“ vom 3. Maf schreibt, hat der Stadtrat in Dombrowa im österreichischen Okkupationsgebiet beschlossen, daß in Zukunft Juden in der Stadt Dombrowa nur mit ausdrücklicher Erlaubnis des Stadtrates wohnen dürfen. Durch derartige Bestimmungen wird ein neuer polnischer Ansiedlungsrayon geschaffen. Auf der letzten Sitzung des Petrikauer Stadtrates wurde durch den zionistischen Ratmann Feinkind eine Interpellation eingebracht, die eine Beschwerde darüber enthielt, daß unter den Milizianten der Stadt sich kein einziger Jude befindet und daß auch zu den Vorbereitungskursen für Milizianten kein einziger jüdischer Kandidat zuge-