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Das jüdische Echo · 1917-06-15 · 24 (15.6.1917) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
24 (15.6.1917)
Date
1917-06-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Ängelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Viertel). M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Ganzj. M. 4.—, Einzelnummer 10 Pi. — Verlag des „Jüdischen Echo“ : München, Herzog Maxstr 4 - Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 40 Pi. — Bei Wiederholungen Rabatt.— “ " T - Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 24 München / 4. Jahrgang 15. Juni 1917 Polen. Der Polenkurs. Die „Berliner Neuesten Nachrichten“ enthalten in ihren Ausgaben vom 7. Juni von offenbar sehr gut unterrichteter Seite zwei Warschauer Briefe. Einer derselben enthält die folgenden Ausführungen: Nun noch einige Worte über die Juden Polens. Den in Deutschland lebenden Deutschen wie Juden sind sie trotz der gewaltig angeschwollenen Literatur nur wenig bekannt. Ob sie an sich den Deutschen in Polen ganz oder teilweise gleichgültig, persönlich angenehm oder das Gegenteil sind, tut hier nichts zur Sache; auch die Gründe der verschiedenen Beurteilung müssen hier unerörtert bleiben. Denn es kommt hier nicht auf Gefühle an, sondern auf das, was den Deutschen ersprießlich ist. Es genügt hier festzustel'len, daß das „Königreich Polen“ (immer ohne Suwalki) entgegen den Redereien der Polen nicht ein rein polnisches Land ist, sondern etwa 28 v. H., nationaler Minderheiten in sich hat, davon 5 v. H. Deutsche und etwa 15 v. H. Juden. Großenteils seit acht Jahrhunderten in Polen ansässig, haben die Juden, obwohl vielfach unterdrückt, doch das Land als solches lieb gewonnen, betrachten es, unbeschadet des Gedankens an Palästina, als ihr Heimatland. Andererseits haben sie zumeist mit großer Treue die mitgebrachte deutsche Sprache bewahrt, nur daß diese, weil ohne Zusammenhang mit Deutschland gesprochen, in mancher Hinsicht stehen blieb, in anderer sich eigenartig entwickelte. Durch Veränderung der Aussprache und Aufnahme weiterer fremder Bestandteile (Hebräisch, Polnisch, außerdem Russisch, Litauisch usw.) ist dann die „Jidische“ Sprache, der „Jargon“, entstanden. Diese Sprache wolle man ja nicht (Unwissenheit und Haß tun das ja freilich oft) für gleich mit der Gaunersprache halten. Sie ist ein besonderer Dialekt oder eine Sprache (wie man will), von fünf bis sechs Millionen namentlich östlich von Deutschland und in New York gesprochen, von einer noch größeren Anzahl verstanden. Durch diese Sprache, aber auch durch Religion, Lebensgewohnheiten und Abstammung unterscheiden die Juden in Polen sich scharf von den Polen, schärfer als von den Deutschen. Sie sind, wie sie selbst oft ausgesprochen haben und immer wieder sagen, eine von den Polen und von den Deutschen verschiedene Nationalität; sie wollen nicht germanisiert werden, aber noch weniger polonisiert. Es war und ist ein schwerer Fehler auf Seiten der „Deutschen Macht“, daß sie die Eigenart, den völkischen Charakter der Juden Polens verkannt hat. Als Berater in jüdischen Angelegenheiten hat man einen der freisinnigen Volkspartei angehörigen deutschen Reichtagsabgeordneten ausgesucht, der allerdings durch persönliche Freundlichkeit und durch Linderung mancher materiellen Not sich nicht wenige Herzen gewonnen hat, der aber religiös dem gesetzestreuen Judentum fern steht und keine Kenntnis der Juden Polens nach Warschau mitgebracht hat. Unter seinem Einfluß und dem zweier auch aus Deutschland gekommener Rabbiner hat man am 1. November 1916 eine „Verordnung über die Organisation der jüdischen Religionsgesellschaft im Generalgouvernement Warschau“ gegeben. Diese Verordnung bedeutet zwar einen Fortschritt gegenüber den bisherigen Zuständen, insofern der jüdischen Religion eine gesetzliche Vertretung gegeben, der übergroße Einfluß der dem Judentum fast ganz entfremdeten wenigen großen Steuerzahler vermindert und die Stellung der Rabbiner verbessert wird; aber sie verkennt, daß bei den Juden Polens Religion und Nationalität aufs innigste Zusammenhängen, daß ihnen der Begriff „Religionsgesellschaft“ völlig fremd ist, und sie gibt für jüdische Schulen keine Daseinssicherheit. Die Polen sind als Slawen und Katholiken Gegner der Juden. Diese Gegnerschaft hat sich, nachdem die Juden in Warschau bei einer Wahl zur Duma einem Sozialdemokraten gegen einen antisemitischen Polen zum Siege verholfen hatten, zu grimmigem Hasse gesteigert. Das zeigte sich in diesem Kriege z. B. darin, daß die Polen da, wo die Deutschen vor den Russen zeitweilig wieder hatten zurückgehen müssen (so zweimal in Lodz) die Juden bei den Russen der Verräterei beschuldigten und dadurch, ohne daß sie selbst ihre Hände mit Blut befleckten. Grausamkeiten schwerster Art gegen die Juden veranlaßten. Die deutsche Verwaltung hätte diese Gesinnung kennen und benutzen müssen: es war sehr leicht, 15 v. H. der Bevölkerung Polens zu zuverlässigen Freunden Deutschlands zu machen und so eine Summe von nationalen Minderheiten, 28 v. H„ zu bilden, die durch dauernd gültige Satzungen gegen Polonisierung undVergewaltigung geschützt werden konnte. (Man denke an Hindenburg-Ludendorffs Wirken im Gebiete Ober-Ost!) Statt dessen verweigerte man den Juden nationale Rechte und schützte sie nur teilweise und erst nach lange dauernden lauten Beschwerden gegen Zurücksetzungen, Bedrückungen und Beschimpfungen seitens des antisemitischen Magistrats in Warschau und des dortigen in seiner überwiegenden Mehrheit ebenso gesinnten Stadtrats. Sogar in den „polnischen Staatsrat“ wurde, wie kein Deutscher, so auch kein Jude ernannt, obwohl dort nach der Zahl der Juden Polens zwei hätten sein sollen. (K. Nathansohn ist nur dem Namen nach Jude; er ist einer der fanatischsten

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