Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 23 (8.6.1917)
- Date
- 1917-06-08
- Page
- Seite 261 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 261 Das Jüdische Echo nacht; versuche nicht, jetzt zum Rabbi zu gehen, da es draußen finster ist. Morgen werde ich dich aber hinführen und deine Bitte unterstützen, denn ich bin beim Rabbi sehr angesehen.“ Nun eilte der Rabbi in die Küche, brachte eine ordentliche Mahlzeit und nötigte ihn zum Essen; dann wies er ihm ein Nachtlager an. Der Mann war müde und schlief bald ein. Als er am Morgen erwachte. Kränkte er sich, daß er die Zeit verschlafen hatte. Der Sassower sprach aber zu ihm: „Sei ganz ruhig, ich war schon beim Rabbi, und er sagte mir, daß die Frau schon einen Sohn geboren hat. Gehe daher zu den Verwandten der Frau und benachrichtigte sie davon.“ Einige Stunden später erfuhr er, daß er die Nacht beim Rabbi verbracht hatte. 2. Wie der Sassower einen Juden rettete. Einmal als der Sassower am Freitag abend in weißen Gewändern undi im Gebetmantel daran ging, das Minchahgebet zu verrichten und den Psalm „Lobet Gott, denn seine Gnade ist ewig“ anstimmte, warf er plötzlich den Gebetmantel und die Sabbatkleider von sich, zog die Werktagskleider an und lief hastig hinaus. Das befremdete die Chassidim, und einige von ihnen eilten ihm nach, um zu sehen, was geschehen werde. Nun sahen sie, daß er aus der Stadt ging und draußen den Gutsherrn eines Dorfes traf, der einen Juden entsetzlich strafte, weil er die Pachtrate für das Wirtshaus nicht bezahlt hatte. Die Strafe bestand darin, daß der Jude an die Kutsche des Gutsherrn, in der er mit Frau und Kindern spazieren fuhr, angebunden war. Die Pferde wurden in Galopp getrieben, und der Jude lief dem Wagen nach und war schon halb tot. Als der Gutsherr den Sassower, den alle Edelleute der Umgebung kannten und wegen seines sympathischen Wesens gerne mochten, sah, ließ er den Wagen halten. Der Rabbi begann nun mit dem Edelmann und seiner Gemahlin zu sprechen, und bewunderte die Schönheit und Anmut ihrer kleinen Kinder. Seine sanften und ehrerbietigen Worte gefielen dem herrschaftlichen Paar außerordentlich. Auf einmal fragte der Sassower: „Was hat es zu bedeuten, daß ein Jude dem herrschaftlichen Wagen nachrennt?“ Er flehte nun den Edelmann an, den Juden frei zu lassen, und seine Bitte wurde erfüllt. Nun eilte der Rabbi nach Hause, kleidete sich wieder um und fuhr in seinem Gebet fort. 3. Immer der Grüßende. Der Sassower hatte die Gewohnheit, jeden Menschen, sei es Jude oder Nichtjude, dem er begegnete, zu begrüßen: „Guten Morgen“, „Guten Tag“ usw. Er achtete darauf, immer der Grüßende und nicht der Begrüßte zu sein. Die Chassidim rühmten diesen Brauch, der ihnen gut gefiel. Als der reiche und ebenso gelehrte Rabbiner Jehuda Natansohn von Brody davon hörte, lachte er und sagte, er könnte beweisen, daß der Sassower doch einmal der Begrüßte sein werde. Einst kam der Sassower nach Brody, um den Sabbat unter seinen Chassidim zu verbringen. Da dachte sich Natansohn, jezt wäre die Zeit, seine Worte zu beweisen. Ohne jemandem etwas davon zu sagen, gab er zwei seiner Vertrauten den Auftrag, dem Sassower, wenn er aus der Mikwe gehen würde, leise nachzugehen und ihm plötzlich „Guten Morgen“ ins Ohr zu rufen. So geschah es auch — bis auf die Begrüßung: denn gerade in dem Augenblick, als die beiden sich anschickten, ihm die Worte zuzurufen, wandte sich der Sassower nach ihnen um und begrüßte sie. 4. Mitternachtsklage. Noch eine andere Gepflogenheit des Sassowers wurde von Natansohn bezweifelt. Der Sassower pflegte nämlich allnächtlich um die Mitternachtsstunde aufzustehen, um die Mitternachtsklage um Jerusalem und die Verbannung der göttlichen Majestät in den Golus anzustimmen. Noch nie hatte er den Augenblick der Mitternacht verschlafen, und wenn er auch noch so müde zu Bette ging. Seine Anhänger sagten, daß sich an ihm das Wort des „Hoheliedes“ bewähre: „Die Stimme meines Freundes pocht“, denn die Stimme der trauernden göttlichen Majestät pochte in ihm und weckte ihn auf. Als der Sassower ein anderesmal in Brody weilte, lud ihn Natansohn zu einem Abendessen zu sich ein und gab ihm bei dieser Gelegenheit alten Wein zu trinken. Der Sassower bemerkte die Absicht, trank aber doch und begab sich erst um elf Uhr nachts zu Bett. Als es einige Minuten vor Mitternacht war, sagte Natansohn zu den Leuten, die bei ihm waren, sie werden sich nun überzeugen können, daß die Anwendung des Wortes „Die Stimme meines Freundes pocht“ unrichtig sei, der Sassower sei jetzt in der Gewalt des Freundes Wein. Aber als die Uhr zwölf schlug, erwachte der Sassower. Er zitterte, stöhnte und ächzte und begann die Klage zu sprechen. 5. Vorbereitung zur Buße. Man erzählte einmal dem Sassower, daß einige Juden fast jede Nacht bei Kartenspiel verbrächten. Er aber, der große Freund der jüdischen Seelen, sprach: „Diese Leute wollen sicher dem Herrn dienen und nachts vor seinem Angesicht stehen. Darum gewöhnen sie sich, die Nächte durchzuwachen, wenn sie das gelernt haben, werden sie Gott dienen und Buße tun.“ 6. Freigeistigkeit. Der Sassower äußerte einmal: „Es gibt keine Eigenschaft im Menschen, die unnütz wäre. Selbst die niedrigsten und verabscheuungswürdigsten Eigenschaften haben einen Zweck und können zu Gott führen. Auch der Hochmut kann auf Gottes Wegen auf eine hohe Stufe führen. Aber wozu wurde die Freigeistigkeit geschaffen? Auch sie hat ihren Wert. Denn wenn einer zu dir kommt und dich um Hilfe bittet, so sollst du ihn nicht mit den Worten abweisen: .Habe Vertrauen zu Gott, laß ihn für dich sorgen', sondern handle so als ob es gar keinen Gott gäbe, sondern ein einziges Wesen auf der ganzen Welt zu helfen vermöchte, nämlich du allein.“ 7. Furcht und Liebe. Der Sassower sagte: „Wer ist ein Chossid? Wer die Eigenschatfen eines Kindes hat. So wie ein Kind ist, das im gleichen Augenblick weint und sich freut, so soll auch der Mensch sein, wenn er zur wahren Frömmigkeit gelangen will. Er muß weinen, bei der Erinnerung an seine Sünden und seine Niedrigkeit, da er sich gegen Gott verging. Und er muß sich freuen, bei der Erinnerung, daß er dazu geschaffen wurde, dem Herrn des Himmels zu dienen und seine Gebote, die er uns in seiner Lehre gab, zu befolgen. Eine von diesen Eigenschaften allein ist dem Menschen schädlich. Denn immer traurig sein führt zur Melancholie und Zweifeln. Wer aber immer freudig ist, kann sich dem Dienste Gottes und der Bell I# A ■■ 3 be* den Inserenten Ü s ■Mil des Jüdischen Echos §§