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Das jüdische Echo · 1917-06-08 · 23 (8.6.1917) · p. Seite 257

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
23 (8.6.1917)
Date
1917-06-08
Page
Seite 257 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 23 Das Jüdische Echo 257 späteren Weiterreise aus Petach-Tikwah standen Wagen nicht zur Verfügung, da Pferde requiriert waren, Bahnzüge aber waren nur mit großen Schwierigkeiten nach tagelangem Warten auf der Station unter freiem Himmel und bei unzureichender Verpflegung erreichbar. Die geschilderten Beschwerden des Weges verursachten Erkrankungen und einige Todesfälle. Die Räumung untergrub die wirtschaftliche Existenz der meisten Betroffenen, erschütterte das Kolonisationswerk, zerstörte die allgemeinen Einrichtungen. Die zur Verfügung stehenden Hilfsmittel sind unzureichend für die Flüchtlinge, unter denen Not und Krankheit herrschen. Erforderlich ist die Einrichtung umfangreicher Notstandsarbeiten, um arbeitsfähige Flüchtlinge nicht zu Almosenempfängern herabzumindern. Die vorhandenen Arbeitsmöglichkeiten können ausgenutzt werden durch Darlehen an Gesellschaften und Private, ferner durch Ameliorationsarbeiten auf den Besitzungen des Jüdischen Nationalfonds. Errichtung von Lehmhütten und Zelten ist ebenfalls notwendig. Rationelle Flüchtlingsfürsorge beansprucht wenigstens 12 000 Franken täglich. Für die Erhaltung der Pflanzungen sind für die nächsten fünf Monate bis zur Ernte außerdem 250 000 Franken notwendig. Eine Evakuierung Jerusalems ist nicht erfolgt. Von den Stadtratwahlen in Polen. In den meisten Städten und Städtchen Polens bilden die Juden einen sehr hohen Prozentsatz, in vielen Fällen auch die überwiegende Majorität der Bevölkerung. Fast nirgends jedoch ist es ihnen gelungen, eine im Verhältnis zur gesamten Bevölkerung entsprechende Vertretung zu erlangen. In Lodz führten die polnischen Parteien zum Schein Verhandlungen mit den Juden und versuchten diese solange hinzuhalten, bis sie den Termin für die Einreichung der Kandidatenlisten versäumten. Diese List wurde noch rechtzeitig erkannt und das Resultat der Wahlen war für die polnischen Parteien nicht sehr erfreulich. In den Provinzstädten brauchten die Polen nicht zu solchen Mitteln zu greifen. Die Juden wurden in vielen Fällen einfach derart terrorisiert und eingeschüchtert, daß sie um des lieben Friedens willen auf einen Teil der ihnen zustehenden Mandate zugunsten der Polen verzichteten. In mehreren Städten drohten die polnischen bürgerlichen Parteien den Juden mit der Wahlenthaltung, falls die letzteren ihnen nicht die Mehrheit der Mandate zusichern wollten, so in Tomaschow, Czenstochau und Bendzin. In dieser letzteren Stadt schrieb das Organ des polnischen Wahlkomitees die folgenden charakteristischen Sätze: „Das polnische Wahlkomitee stand seit seiner Gründung auf dem Standpunkt, daß die Stadträte in Polen, als einem durchaus polnischen Lande, eine Mehrheit von Polen, als den einzigen Besitzern des Landes, haben müssen. Diese Stellung nahm das Komitee ein nicht aus Antisemitismus oder aus dem Wunsche, einen Rassenkampf hervorzurufen, sondern in der Überzeugung, daß die polnischen Interessen in den Städten, in denen sie bedroht sind, verteidigt werden müssen.“ In den meisten Fällen gaben die Juden, wie gesagt, dieser Forderung der Polen nach anfänglicher Weigerung unter dem Druck der gegenwärtigen Verhältnisse nach. Die Juden in Bendzin dagegen, die 70 Prozent der Bevölkerung bilden, wollten den Polen „bloß“ die Hälfte der Mandate zugestehen. Die Polen wollten sich1 damit nicht zufrieden geben und boykottierten tatsächlich die Wahlen. Der Stadtrat von Bendzin besteht also aus lauter jüdischen Mitgliedern. Die polnische Presse ergeht sich deswegen in Ausbrüchen des Unwillens gegen die Juden. Der „Kurier Polski“ droht ihnen sogar, daß die Wahlen, von Bendzin „bittre Früchte bringen könnten, von denen die ganze Judenheit Polens genießen werde.“ So sieht in Wirklichkeit die polnische bürgerliche Gleichberechtigung aus. für welche die Juden zum Danke ihre nationale Existenz aufgeben sollten. Von den 24 Ratsmännern in Bendzin sind die vier Vertreter der sechsten Kurie Sozialisten und zwar ein Bundist und drei Poale-Zion. Bei der Eröffnung des Stadtrates gab die poale-zionistische Fraktion eine Erklärung ab, in welcher u. a. die Errichtung von Schulen mit jüdischer Unterrichtssprache, die Gleichberechtigung der jüdischen Sprache in den städtischen Ämtern, die Anstellung einer genügenden Anzahl von Beamten, die der jüdischen Sprache mächtig sind, die Beschäftigung jüdischer Arbeiter bei städtischen Unternehmungen, die gleichmäßige Zulassung jüdischer Beamter, die Sicherung der Samstags- und Feiertagsruhe für die Juden ohne wirtschaftlichen Schaden usw. gefordert wird. Die jüdischen Arbeiterparteien beteiligten sich außerdem in Siedlee, Czenstochau und Wloclawek am Wahlkampf, in Siedlee gelang es den jüdischen Sozialisten nicht, eine eigene Vertretung zu erlangen; in Wloclawek wurde ein Bundist in der dritten (Handwerker-) Kurie gewählt. Das Resultat von Czenstochau steht noch aus. Hier sei noch daran erinnert, daß in Lodz zwei Poale-Zion und ein Bundist gewählt wurden. (J.A.K.) Die Sonderstellung Galiziens. Die J.A.K. bringt Einzelheiten aus dem vom Polenklub ausgearbeiteten Projekt zur Verwirklichung der Sonderstellung Galiziens und bemerkt dazu: Viel schlimmer noch als mit den Ukrainern verfährt das Projekt mit der dritten Nation des Landes, den Juden. Diese existieren für die polnischen Gesetzgeber überhaupt nicht als Nation. Sie werden einfach nach bewährter Methode der polnischen Nation einverbeibt. Ob die Juden mit dieser nationalen Annexion einverstanden sind, darum bekümmern sich die Polen nicht. Juden soll nicht einmal die freie Entscheidung über ihre Zugehörigkeit zu einer der beiden anerkannten Nationen des Landes überlassen werden. Die jüdische Nation in Galizien, die ca. 11% der Bevölkerung bildet, soll einfach staatsgrundgesetzlich vollständig ignoriert und vergewaltigt werden. Die nationalen Forderungen der Juden sollen so ein für allemal aus der Welt geschafft, die nationale Bewegung endgültig untergraben werden. Von jüdischer Unterrichtssprache für die jüdischen Kinder, dieser ersten selbstverständlichen Forderung jeder demokratischen Staatseinrichtung, soll also keine Rede sein. Ebensowenig von einer Berücksichtigung der nationalen Bedürfnisse der Juden inbezug auf die Amtssprache der Behörden. Ein jüdischer Wahlkataster besteht nicht. Die Juden gehören dem polnischen Kataster an. Innerhalb dieses wird die bewährte Methode der Wahlgeometrie wie bis nun die Zahl der jüdischen Vertreter auf ein Minimum herabdrücken. Mit einem Worte, die Sonderstellung Galiziens soll das jüdische Volk vollständig der Willkür der polnischen Machthaber ausliefern und ihnen die

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