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Das jüdische Echo · 1917-06-08 · 23 (8.6.1917) · p. Seite 254

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
23 (8.6.1917)
Date
1917-06-08
Page
Seite 254 (sequence 2)
Language
German
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254 Das Jüdische Echo Nr. 23 güterten seiner Stadt gefunden, zur Erleichterung seines Berufes konnte er sich jüdischen Berufsverbänden anschließen, seine politischen Interessen wurden durch jüdische Vereine und Zeitungen verfochten, die ihn gleichzeitig in enge Berührung mit den Schicksalen des Landes brachten. In den Tempeln, jüdischen Schulen, Vereinen und Instituten, vor allem aber in dem engen Zusammenhalt der Gemeinde seiner Heimatstadt fand er den moralischen Halt. Dort wuchs er hinein in ein festumgrenztes System von Anschauungen über Gut und Böse. Schätzenswertes und Verächtliches, Erwünschtes und zu Verwerfendes, das der Eigenart seines — des jüdischen — Volkes entsprach und das er instinktiv verstand. Sittlich war dort, wer die Gebote der jüdischen Religion ehrte, unsittlich wer gegen sie verstieß. Aus der Geborgenheit der jüdischen Gemeinde kommt der Auswanderer nach Westeuropa und erkennt nach kurzer Zeit, daß man hier auf die Traditionen, die ihm bisher heilig waren, keinen Wert legt, ja. daß er selbst sie ablegen muß. um sich über Wasser zu halten. Der Einwanderer verstand wohl, daß er sich in vielen seiner Lebensgewohnheiten und Anschauungen dem neuen Lande anpassen müsse, aber er hoffte natürlich, daß er im Schoße der neuen jüdischen Gemeinde, in die er eintritt, die ihm heiligen jüdischen Gesetze weiter werde befolgen können. . Statt dessen findet er, daß diese jüdische Gemeinde ihm weder in materieller noch in religiöser noch in kultureller Beziehung etwas zu geben vermag, ja, daß sie eigentlich nur eine Fiktion ist und für ihn überhaupt nicht besteht. Freilich, solange er bettelarm ist, hilft ihm die Gemeindekasse mit einigen Mark aus. sobald er aber über das Empfangen von Almosen hinaus ist und .statt der Wohltätigkeit der sozialen Hilfe bedarf, versagt diese Gemeinde vollständig. Sie gewährt ihm keinen Rat in der Wahl seines Berufes, kein zeitweiliges Darlehen für die Einrichtung oder Erhaltung eines Geschäftes, keine Anleitung zur Anlage seines Kapitals. (Wer diese Angaben für übertrieben hält, erkundige sich in unseren Gemeindebureaus nach der Zahl der eingewanderten Familien, ihren Berufen, dem Grade ihrer Unterstützungsbedürftigkeit. ihren Organisationen usw. und er wird finden, daß man ihm auf keine dieser Fragen antworten kann.) Aber vielleicht gewähren die Gemeinden, die eigentlich die berufenen Stützer und Erzieher der kennen Sic bie „3ugettb" bieroeitotrfcreitcte 3Jtiind)ener iHuftriertc B3odjenfd)rtft? BJenn bann otrlangtn Sie koftenfrei eine ^robenumnter ober für 50 Pfennig einen ^ßrobebanb, bamit Sie fid) augenföeiniid) oon bem reichen 3nf)alt biefer $Bod)enf(f|rift für Äunft u. S)umor überzeugen. £>eeresangeljörigen können Sie keine größere £?reube bereiten, als tynen für OKk. 5.20 ein breimonatl. ^elbpoft^bonnement einroeifen ju laffen, benn bie „Sugenb" ift anerbanntermafjen bas beliebtere unb »er* breitetfte buntiüuftrierte 'Statt im Selbe. Bei (Ein)enbung biefes Betrages nebft genauer Selbabreffe besorgt aud) ber Berlag bie (Ein* roeifung beim fjelbpoftamt. Bezugspreis burcf) Budjljanbl. ober ^oftanftalt 2JUt. 4.60. j Verlag ber„3tigi’iib'‘, 33!im djen,£cningftr.l [) --- ii ii Einwanderer sein sollten, ihnen moralischen Halt, geistige Werte? Allerdings, es gibt Tempel — aber deren Gottesdienst ist häufig den Einwanderern so fremd, weil so entiudet, daß sie von ihm aus keine Brücke zu ihrem eigenen Judentum finden. Es gibt Religionsschulen — aber wie sollten diese mit ihren zwei Wochenstunden imstande sein, jüdischen Kindern, die im Osten den Grundstock zu ihrer gesamten Bildung in jüdischen Elementar- und Hochschulen erhielten, auch nur im entferntesten eine eigentlich jüdische Erziehung zu geben? In der deutschen Schule aber, auf die sich der Einwanderer angewiesen sieht, muß das Kind den Sabbath entheiligen und gegen eine Fülle von jüdischen Vorschriften verstoßen, wodurch es von vornherein von den Wurzeln des Judentums losgerissen wird. Und was soll man dazu sagen, daß es jüdische Religionslehrer gibt, die — anstatt wenigstens einen Rest von jüdischer Überlieferung in den Kindern zu erhalten — ihnen verbieten, mjifl b»e direktem Kopfe die hebräischen Gebete herzusagen? (Dies als einziges Beispiel für die „jüdische“ Jugenderziehung in gewissen Gemeinden.) Freilich, es gibt in fast jeder größeren Stadt Frauen- und Unterstützungsvereine, die Allerärmsten, Greisen und Kranken Hilfe leisten, und in allerjüngster Zeit haben sich eine Reihe von jüdischen Vereinen zusammengeschlossen, die — ein erster Anfang zu jüdisch-nationaler Selbsthilfe! — eine Berufsberatung gewähren, aber diese aus privater Initiative entstehenden Vereine sind unzulänglich und häufig so unjüdisch, daß die Einwanderer sie eher als eine Gefahr denn als eine moralische Hilfe für ihre Kinder ansehen. Warum sorgen die jüdischen Gemeinden nicht für Kindergärten, in denen die Kinder neben den deutschen Liedern, Spielen und Festen auch jüdische Lieder, Spiele und Feste kennen lernen? Warum sorgen die jüdischen Gemeinden nicht dafür, daß in größeren Städten jüdische Volksschulen eingerichtet werden? Warum sorgen die jüdischen Gemeinden nicht für Jugendvereine, in denen junge Leute jüdische Geschichte, Literatur, Kunst kennen lernen und sich mit Liebe und Interesse für ihre Religion erfüllen können? Warum lassen sie z. B. es geschehen, daß sich, wie es in München kürzlich geschehen ist, ganze Scharen von jüdischen jungen Einwanderern, mangels besserer Unterhaltung, mit nichtjüdischen jungen Leuten zu einem Verein „Frohsinn“ zusammenschließen, der, inmitten der furchtbar schweren Kriegszeit den plumpsten Vergnügungen fröhnt? Warum organisieren die jüdischen Gemeinden nicht ein geordnetes jüdisches Jugendfürsorgewesen? Alle Konfessionen haben z. B. Fürsorgeeinrichtungen für jugendliche Strafentlassene — weshalb macht sich kaum eine einzige jüdische Gemeinde über diese Frage Kopfzerbrechen? Warum veranstalten die jüdischen Gemeinden keine Elternabende, an denen die Eingewanderten über ihre Pflichten gegen die jüdische Volksgemeinschaft und über die Verhältnisse in Deutschland, mit denen sie zu rechnen haben, aufgeklärt werden? Warum gibt es sogar in den Gemeinden großer Städte nicht einmal eine Gemeindebibliothek, eine Lesehalle? In Amerika hat man längst verstanden, daß man die jüdischen Einwanderer zu nützlichen Bürgern des Staates nicht dadurch erzieht, daß man ihnen mit Gewalt alle Jüdischkeit zu entreißen sucht.

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