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Das jüdische Echo · 1917-06-08 · 23 (8.6.1917) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
23 (8.6.1917)
Date
1917-06-08
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Viertel]. M. I.—, Halbj. M. 2.—, üanzj. M.4.—, Einzelnummer 10 Pi.—V erlag des „Jüdischen Echo“: München, Herzog Maxstr 4 - Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, ft n z e i g.e n : Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 40 PI. — Bei Wiederholungen Rabatt— '* . Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 23 München / 4. Jahrgang 8. Juni 1917 Die Furcht vor den Ostjuden. Wenn man sich mit Christen und mit Juden über die Möglichkeit einer stärkeren Einwanderung von Ostjuden unterhält, so wird man in der Kegel finden, daß die Juden viel größere Angst vor der „Invasion“ haben, als die Christen. Der Christ ist — von gewissen Ausnahmen abgesehen — davon durchdrungen, daß deutsche Art stark genug ist, um sich einen größeren Zufluß ostjüdischer Kultur gegenüber zu behaupten, ja in vielen Fällen erscheint ihm der von jüdischem Wesen ausgehende Stimulus gar nicht erwünscht. Den meisten Juden dagegen schlottern bei der Möglichkeit einer lebhafteren Einwanderung vor Angst die Glieder. Diese Angst hat zwei Gründe: Erstens wünscht man ja, daß das Judentum immer mehr im Deutschtum aufgehe; dazu hat man sich seit Jahren verkrochen, hat jede Spur von „Fremdheit“ in sich auszutilgen oder zu verbergen gesucht und hat sein Judentum den Blicken der Wielt so gut verborgen wie die in Papier eingewiekelten Gebetbücher an den hohen Feiertagen. Und mit Freude hat man festgestellt, daß der Typus der Kinder oder Enkel sich immer mehr dem Hermann und Thusnelda-Typ zu nähern begann. Der Gedanke, daß man eine Schar von Leuten ins Land bekommen soll, die das Gebetbuch ganz schamlos zur Schau tragen, die mit Vornamen Jjzchok oder Riwka heißen und in ihrem ganzen Äußern und Innern die Welt an das Vorhandensein eines besonderen jüdischen Volkes, zu dem man— Gott behüte! — selbst hinzugerechnet werden könnte, erinnern, ist ihnen unerträglich. Eine weitere Quelle ihrer Furcht vor den Ostjuden ist die Überzeugung, daß diese Menschen von minderwertigen Qualitäten seien. Es kann hier nicht im einzelnen untersucht werden, inwiefern sich die Moral der aus Osteuropa Eingewanderten Von derjenigen der in Westeuropa Lebenden unterscheidet. Nur dies sei festgestellt, daß im Durchschnitt der in Deutschland lebende Jude moralisch und geistig hinter dem im Osten lebenden Juden zurücksteht. Und dies ist das Wesentliche und zugleich höchst Bedenkliche, das der deutsche Jude sich jeden Augenblick vergegenwärtigen sollte: nicht bringt der Einwanderer aus dem Osten eine minderwertigeKultur mit nach Deutschland, sondern in Deutschland entwickelt er häufig minderwertige Eigenschaften. Beweis hierfür ist, daß im allgemeinen die Kinder der eingewanderten Ostjuden den im Osten herrschenden jüdischen Idealen von Geist und Sittlichkeit weniger entsprechen als die Eltern. Der Westjude, der diese Erscheinung mit Besorgnis sieht (weniger aus „Mitleid“ mit der degenerierenden Art als aus „Furcht“ für sich selbst, einer Furcht vor den Antisemiten) sollte sich ernsthaft fragen, wer oder was an dieser Entartung schuld ist. Sofern er das Problem zu Ende denkt, wird er sich an die Brust schlagen und sagen müssen: „mea culpa, mea maxima culpa!“ In der Tat: wenn der Ostjude in Deutschland entartet, so trifft die Schuld hierfür den Westjuden. Mehr als je zuvor hat man heutzutage begriffen, daß die Menschen nicht mit allgemeinen blassen Menschheitsidealen, sondern nur durch eine Sittenlehre, die aus dem Temperament, dem Gemüt, der Geschichte ihres eigenen Volkes heraus entstanden, ist, höherentwickelt werden können. Nie zuvor hat man den Unterricht in den Schulen und Erziehungsanstalten jedes Landes auf eine so starke nationale Basis gestellt, wie heutzutage, niemals hat man so sehr auf die Stärkung nationaler Kultur hingearbeitet wie jetzt. Ob diese Abgrenzung der Kulturen gegen einander ewig bestehen wird und soll, ist eine hier nicht zu entscheidende Frage; Tatsache ist jedenfalls, daß sie im Augenblick notwendig ist. Was für die Angehörigen des deutschen, des französischen oder irgendeines andren Volkes gilt, muß natürlich auch für den Juden gellten. Will man ihn sich zu höherem Menschentum entwickeln lassen, so muß man ihn auf der Basis der Kultur, der er entstammt, höherbilden. Man muß dafür sorgen, daß der in Deutschland) Einwandernde, der ja selbstverständlich zu typisch deutscher Kultur noch keinerlei Beziehung haben kann, hier eine Reihe von jüdischen Werten vorfindet und empfängt, daß er durch eine jüdische Erziehung für das Leben in der deutschen Volksgemeinschaft vorbereitet wird. Dem ostjüdischen Einwanderer diese jüdischen Werte zu vermitteln, sollte die Aufgabe derer sein, die schon in Deutschland Fuß gefaßt und sich der deutschen Kultur angepaßt haben. Sorgen die Westjuden in keiner oder doch nur höchst unzulänglicher Weise für ihre neu hinzukommenden Brüder, tuen sie nichts, diesen das Einleben in Deutschland zu ermöglichen, ja, versuchen sie geradezu — wie es in der Mehrzahl der Fälle geschieht — den Ostjuden mit Gewalt von seiner jüdischen Kultur loszureißen, in dem irrigen Glauben, dieser könne dadurch umso schneller ein „Deutscher4* werden, so sind sie es, die für die Folgen verantwortlich gemacht werden müssen. Der einwandernde Ostjude kommt aus Zentren jüdischer Kultur und sozialer Selbsthilfe. In materieller Not hat er Hilfe bei den Familien und1 Be-

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