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Das jüdische Echo · 1917-06-01 · 22 (1.6.1917) · p. Seite 248

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
22 (1.6.1917)
Date
1917-06-01
Page
Seite 248 (sequence 4)
Language
German
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248 Nr. 22 Das Jüdische Echo Deutsch schreiben. Beim großen Gott, sie kann es. Herr Fischer z. B., Kritiker des Bayerischen Kuriers und auch sonst von guter Gesinnung, hat die Welt (bei Rezensionen über Bruno Walter) mit folgenden Sätzen beglückt: „Da man indeß alle deutschen Komponisten, durchweg mindestens gleich starke Talente, wie Korngold z. B., Waltershausen, Courvoisier, Kaskel und andere, von der Tafel des hiesigen Hoftheaters mit eiserner Konsequenz als minderwertig fernhielt und sie nur einem einzigen wie zu einem intimen Liebesmahl mit derselben Exklusität huldvoll gewährte, wie einst das Volk Israel unter den Völkern ausgezeichnet war, so wird aus dieser Episode Symptom.“ Und weiter: „In diesem Zwiespalt und Konflikt liegt nun ein prächtiger Kern von tragischer Verkettung und Verfinsterung, den man sogar im Weberschen Sinne zum Licht hätte führen können, wenn nur mehr Fähigkeiten in jener Dame gesteckt wären, an die Weber grade in diesem Moment geraten mußte, indem ihm der Theaterkönig seiner Zeit, Barbaja, Wiens Bühnenleiter, das so lockende Angebot machte, eine Oper im Stil des Freischütz zu komponieren.“ Welcher Satz schöner ist, mag jeder Leser für sich entscheiden. Und wenn nur in jenem Herrn mehr Fähigkeiten gesteckt wären, mit diesem Gallimathias einen noch entschiedeneren Antisemitismus zu verbinden, als er in dem ersten Satz bescheidentlich andeutet, könnte er, wofern er seine Perioden bis zum Mindestmaß von fünfundzwanzig Zeilen ausdehnte und sich der entsprechenden teutschen Gesinnung befleißigte, den Herrn von Graefe erreireichen, der ähnliche Sätze in die Kreuzzeitung hineinschreibt, wofern nicht ein prächtiger Kern von tragischer Verkettung und Verfinsterung ihn zu einem jener Reformatoren der deutschen Sprache machen sollte, die in dieser großen Zeit mit Recht nach der Erlösung aus den Fesseln schreit, welche ihr durch das unter allen Völkern ausgezeichnete Volk Israel und andere Parasiten geschlagen worden sind. * * # Was war es nun eigentlich mit der Hetze gegen Bruno Walter? Daß die Kritiken von versteckten Bosheiten wimmelten, hat mehr als ein Sachverständiger in diesem Prozeß zugegeben. Daß doch neulich, als Walter die Matthäus-Passion dirigierte, Herr Paul Ehlers „auch Angehörigen anderer Konfessionen als der christlichen das Recht und die Fähigkeit zur Leitung dieses Werkes“ zugestand — ein einziges Beispiel nur. Und aus der Fülle nicht einmal das prägnanteste. Herr August Mayer hatte in seinem Artikel von einem „kleinen persönlichen Opfer“ gesprochen, das diese Kritiker verlangt, und zu dem Walter sich nicht verstanden habe. Was ist ein „kleines persönliches Opfer“? Nach meiner Auffassung: Herrn Mauke, dem Rezensenten der Münchner Zeitung, der sich auch einen „Tonsetzer“ heißt — diesem selben Herrn Mauke zu sagen: „Es liegt nicht an mir, Herr Mauke, wenn Ihre Opern nicht aufgeführt werden. Glauben Sie. wenn es nach mir ginge . . .“. Oder Herrn Paul Ehlers zu sagen, er beherrsche die deutsche Sprache. Oder Herrn Dillmann zu versichern, daß er sich noch niemals mit seinen (auch in Berlin rühmlich bekannten) Wagner-Konzerten und Enthusiasmen ein wenig lächerlich gemacht habe. Das freilich wäre ein persönliches Opfer. Was aber verstanden diese sieben oder acht Kritiker (von denen vier oder fünf als herzlich gleichgültig aus dieser Erörterung auszuscheiden sind) — was verstanden sie unter einem persönlichen Opfer? Bestechlichkeit, Empfänglichkeit für klingend Geld. Obwohl ich es nicht für möglich halte, daß ein Mensch, der heutzutage auf solch primitive Weise sich eine gute Kritik zu verschaffen suchte, ohne Ring durch die Nase über den Asphalt wandeln dürfte. Sie aber, gewiß, sie waren so zart, diese Seelchen. „Ein solch ein Mensch bin ich!“ So rein war ihr Gewissen, so urwüchsig ihre sittliche Entrüstung. So untadelig ihre Vergangenheit. Herr Mauke, zum Beispiel, der seine Kritiken in die Münchner Zeitung sezerniert, hat (das wurde im Prozeß festgestellt) vor Jahren „in unbegreiflicher Begriffsverwirrung“ ein Konzert rezensiert, das niemals stattgefunden hat. Nicht, ohne sich genau über die Armbewegungen des Herrn Felix von Weingartner auszulassen, der gar nicht dirigiert hatte. Herr Mauke hat außerdem die löbliche Gewohnheit, den von ihm kritisierten Bühnen seine Opern unentwegt einzureichen. Und es traten auch in diesem Prozeß etliche Zeugen auf, Direktoren und Regisseure, die sich über Maukes Kritiken nach der Ablehnung der Opern äußerten. Sanfter war der Löwe nicht geworden. Sanfter wahrhaftig nicht . . . Immer mehr von diesem Makellosen. Eine Zeugin (an deren Wahrhaftigkeit das Gericht nicht zweifelte, und in deren Wesensart vergeblich nach der mit Recht so beließen Hysterie gefahndet wurde) — diese Mauke befreundete Zeugin wußte unter ihrem Eid allerlei über den Cato ohne Furcht, Tadel und Voreingenommenheit zu berichten. „Weißt Du,“ sagte er eines Tages, kurz bevor im Münchener Hoftheater die Frage über Walters Bleiben oder Gehen akut geworden war, „weißt Du, wer neuerdings Kritiker der Münchner Neuesten Nachrichten geworden ist? Herr Paul Ehlers. Das ist des Itzigs Tod . . .“ Wobei von keiner Seite angezweifelt wurde, daß Bruno Walter der Itzig war. „Die Presse“, fuhr Herr Mauke damals fort, „hat den Juden hierher gebracht, die Presse wird ihn wieder entfernen. Und wenn ihn der Intendant hält, muß eben auch der Intendant fort.“ Der Intendant wird diesen Bemühungen der Presse mit Interesse zugesehen haben. Der Jude, der Itzig, Isidor Citronengesäusel ficht trotz den Bemühungen des teutschen Wagnerhüters Wilhelm Mauke noch immer einen braven Kampf gegen die Münchner Wagner-Tradition. Und der Kritik, die den Juden nach München gebracht hatte, und die ihn wieder abzuschieben gedachte, haben ihre Natschalniki bescheinigt, daß sie die hochstehende, objektivste und vornehmste der Welt sei. In erster Instanz . . . * * * Es ist menschlich in Hatz, in Übermüdung, „in unbegreiflicher Begriffsverwirrung“ Konzerte zu kritisieren, die niemals stattgefunden haben. Es ist menschlich, einem Theater, dessen Aufführungen man rezensiert, einem Kapellmeister, den man einen Itzig heißt, die eigenen Opern einzureichen. Es ist höchst menschlich, verschnupft und grantig zu werden, wenn diese Opern abgelehnt werden. Jeder Dreißigjährige hat mindestens Einen dunkeln Punkt in seinem Vorleben und müßte von Rechtswegen im Durchschnitt zwei Jahre und drei Monate im Zuchthaus gesessen haben. Wir alle, sehr richtig, Herr Oberlandesgerichtsrat Mayer, wir alle sind allzumal Sünder und auch

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