Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 21 (25.5.1917)
- Date
- 1917-05-25
- Page
- Seite 240 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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240 Jüdische Echo Nr. 21 zurückgestellt wird und daß jede Nummer Zeile um Zeile der Zensur in polnischer oder deutscher Übersetzung vorgelegt werden muß, weil die in Friedenszeiten geübte Gepflogenheit, einen vereidigten jüdischen Zensor anzustellen. plötzlich aufgegeben wurde, so würde wohl niemand glauben, daß solche Zustände mitten in Österreich möglich sind. Solche Ausnahmebestimmungen dürfen wir keinesfalls ruhig hinnehmen. Bis jetzt war keine Stelle vorhanden, bei der man sich beklagen konnte. Wir müssen die Regierung fragen, von wem die Vollmacht zu solchen „Maßregeln“ gegeben wurde, die sich zur Verfassungsmäßigkeit so verhalten wie die Schutzlosigkeit zur Konstitution. Die jüdischen Abgeordneten Straucher und Reizes werden das ganze Abgeordnetenhaus zum größten Staunen bringen durch solche Illustrationen. Niemand wird glauben, daß das in Österreich möglich gewesen ist. Unsere erste Forderung muß sein: die Anwendung der Verfassungsmäßigkeit auch auf die galizischen Juden...“ (Von hier ab ist der Aufsatz von der Zensur gestrichen.) Dr. Paul Nathans Aufsatz über die jüdische Lage in Polen im „Berliner Tageblatt“ (vergl. den Aufsatz von S. Hirschhorn in der vorletzten Nummer) und sein Briefwechsel mit Graf Adam Roniker haben in Warschau lebhaften Widerspruch hervorgerufen. Weitere jüdische Kreise — außer den frohlockenden AssAmifenten und den Politikern der Agudas hootodoxim — lehnen diese aufdringliche Einmischung in die jüdischen Verhältnisse Polens aufs schärfte ab. Man ist ungehalten darüber. daß Außenstehende sich Dinge anmaßen, die ihnen nicht zustehen, da dadurch nur Unheil und eine Verwirrung der Lage angrichtet werden können. Diese Stimmung spiegelt sich in den Betrachtungen der jüdischen Blätter wieder. „Haint“ wundert sich, wie Dr. Nathan nach einem Aufenthalt von einigen Tagen in Warschau, während dessen er mit Nathanson und noch einigen „guten Juden“ ähnlichen Schlages Unterredungen hatte, gleich darauf einen Artikel in einer deutschen Zeitung veröffentlicht — als Kenner der Ostjudenfrage. Das „Volk“ stellt sich ebenfalls solchem Verfahren entgegen, das nur Aufregung und Verdruß in jüdischen Kreisen verursacht hat. Vom Jüdischen Zeitungswesen in Polen. Laut deutschen Blättern erscheinen im Generalgouvernement Warschau 144 Zeitungen in verschiedenen Sprachen. Die jüdische Presse beteiligt sich an dieser Zahl mit 6 Tagefezeitungen: „Momtent“. „Haint“, „Das jüdische Wort“ in Warschau, „Lodzer Volksblatt“, „Lodzer Tageblatt“ und „Czenstochauer Tageblatt“ und 4 Wochenschriften: die hebräische „Hazefirah“. „Das jüdische Volk“. „Das Volk“, Organ der „Volksgruppe“ und endlich die vom „Bund“ herausgegebenen „Lebensfragen“ und das pädagogische Journal „Schule und Erziehung“, alle in Warschau erscheinend. Die englische Sozialistenkonferenz und die East-Ender Juden. Das jüdische Korrespondenzbureau im Haag meldet: Auf der Konferenz der englischen Sozialisten wurde die Verleumdungshetze gegen die Londoner East-End-Juden behandelt, die man beschuldigt, die Geschäfte der Engländer wegzunehmen. Die Beschuldigung wurde als unwahr nachgewiesen. Die Hetze habe den Zweck, die Aufmerksamkeit der Kriegsgegner auf die Juden abzulenken. Der Londoner Delegierte Alexander meinte, daß der einzige Weg zur Lösung der Judenfrage die Schaffung von Entwicklungsmöglichkeiten für die Juden in Palästina wäre. Wenn der Krieg dieses Resultat bringen sollte, würde nur die Pflicht des Schutzes der kleinen Völker durch die großen Nationen befriedigt werden. — Es wurde eine Resolution der jüdischen sozialdemokratischen Partei angenommen, dahingehend, den Kampf für die Freiheit der unterdrückten Völker als Hauptpflicht der internationalen und sozialistischen Politik aufzuerlegen und gegen die Deportation oder die erzwungene Dienstpflicht der Russen in England zu protestieren. Aus Kischlnew meldet die Petersburger Telegraphenagentur: Banditen drangen in das Haus eines an der Front befindlichen jüdischen Einwohners, ermordeten dessen Frau und zwei kleine Kinder sowie die Dienstmädchen und verstümmelten die Leichen. Der Kreiskommissär weigerte sich, Schritte zur Verhaftung der Mörder zu t"n. Diese wurden von Milizen in das Gefängnis gebracht, befanden sich jedoch am nächsten Tage wieder auf freiem Fuße. Die jüdische Bevölkerung die mit Massakres bedroht wurde, beginnt fluchtartig die Dörfer zu verlassen. — Nach einer Meldung aus Jassy eröffneten die rumänischen Antisemiten unter Führung des Professors Jorga eine Hetze gegen die Juden. Die traurige Lage der New Yorker Juden. Das „American Jewish Chronicle“ enthält einen Bericht über das traurige Los der Juden auf der Ostseite von New York. Es herrscht großes Elend, weil die Lebensmittelpreise enorm gestiegen sind, die Erhöhung der Arbeitslöhe jedoch damit keinen Schritt gehalten hat. Während die Löhne um 7 vom Hundert gestiegen sind, sind die Lebensmittel um 100 vom Hundert teuerer geworden. Hungerdemonstrationen sind an der Tagesorduung. Die Erbitterung unter den Arbeitermassen ist sehr groß, namentlich, weil man überzeugt ist, daß der Grund in den Preistreibereien und in den Mißbräuchen des Großhandels liegt. Tausende jüdischer Waren- und Lebensmittelkleinhändler wurden brotlos, weil der Boykott, den man einem Teil des Großhandels in Lebensmitteln erklärt hat, auch sie trifft. Die Erbitterung, die gegen den Großhandel herrscht, hat auf sehr eigenartige Weise Ausdruck gefunden. Sozialistische Kreise haben beschlossen, die Kinder solange nicht in die Schule zu schicken, bis die Regierung für niedrigere Lebensmittelpreise gesorgt hat. Diese traurigen Zustände haben, so fügt „Jewish Chronicle“ hinzu, auch einen politischen Hintergrund. Es sei jammerschade, sagt das Blatt, daß diese Lebensmittelaufstände zuerst im Eastend stattgefunden haben, da doch auch andere Kreise als die Juden unter der Lebensmitteiteuerung litten. Man sei natürlich gleich bei der Hand, zu behaupten, daß diese Aufstände durch Geheimagenten der Mittelmächte inszeniert seien. So grundlos als diese und andere Verdächtigungen seien, so könnten sie doch Verfolgungen hervor rufen und den jüdischen Auswanderern, nicht nur in New York, sondern auch in ganz Amerika, Schwierigkeiten bereiten. literarisches Echo Die Judenfrage glücklich gelöst! Die theoretische Lösung des jüdischen Problems, an dem sich die größten christlichen und jüdischen Gelehrten