Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 20 (18.5.1917)
- Date
- 1917-05-18
- Page
- Seite 229 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 Das Jüdische Echo 229 dem „Gerer Rebbe“ und den Vertretern der „Freien Vereinigung“ ist wirklich ein Bild, das zum Lachen reizte, wäre es nicht so traurig infolge der gefährlichen Folgen, die dieses Bündnis nach sich ziehen kann. Im Grunde wiederholt sich hier das typische Bild, das man schon seit langen Jahren innerrhalb des polnischen Judentums beobachten konnte: das Bündnis von der extremsten Assimilation und extremsten Orthodoxie, der Dickstein und Nathanson mit dem „Gerer Rebbe“ und seinen Gefolgsleuten. Diesmal sind es nun deutsche Juden, die die Leitung bei dieser Komödie übernommen haben; zur Entschuldigung der polnisch-jüdischen Orthodoxie, soweit sie an diesem unwürdigen Spiel beteiligt ist, sei dies gesagt. Gegen diese ganze „Politik“ aber bei Zeiten energisch Front zu machen, ist Pflicht der jüdischen Öffentlichkeit, vor allem in Polen selbst. Denn andernfalls kann sie, trotz aller Erfolglosigkeit im Positiven, zu der sie von vornherein verurteilt ist, doch negativ sehr unheilvoll und gefährlich wirken. Dreitausend Jahre jüdische Poesie. Zum Vortragsabend von Lilly Freud und Arnold Marie. Man denke sich einen Vortragsabend, betitelt „Achthundert Jahre deutsche Poesie“, dessen Programm wie folgt zusammengesetzt wäre: Nibelungenlied, Peter Altenberg, Rilke, Ganghofer und das Tendenzgedicht irgendeines obskuren Dichterlings. Minnesänger, Goethe, Schiller, die Romantiker fehlten ganz. Ein solches Programm wäre doch gelinde gesagt, skandalös zu nennen. Nicht viel besser war das Programm des Vortragsabends, den Lilly Freud und Arnold Marie von den Münchner Kammerspielen letzten Montag im Bayerischen Hof veranstaltet haben. Es begann mit der Bibel und sprang dann unmittelbar in die Moderne über. Die ganze Sagenpoesie des Talmuds und der Midraschim war nur mit einem belanglosen Stück vertreten, und die mittelalterlicheDichtung fehlte ganz, als ob die Juden zwischen der Bibel und Herrn Hugo Salus keine Dichtung gehabt hätten. Und wie ist es mit den „großen Namen aus dem großen Goldzeitalter der arabisch-althispanisch jüdischen Poetenschule“? Vergeblich fragt man sich „nach dem Dreigestirn, nach Jehuda bei Halevy, nach dem Salomon Gabirol und dem Moses Iben Esra“. Wer kennt die Verse Heines nicht und wer wird über das Fehlen dieser erlauchtesten Namen im Programm nicht den Kopf schütteln? Der Einwand, daß es von diesen Dichtern keine guten Verdeutschungen gäbe, ist nicht stichhaltig: Winter und Wünsche haben uns hervorragende Übertragungen gegeben. Und die talmudische Sagenliteratur liegt in den musterhaften Übertragungen Ben-Gorions vor. Aber auch der zweite Teil des Programms, das die „Neuzeit“ repräsentieren sollte, war ganz unmöglich zusammengestellt: neben zwei Erzählungen von Scholem Asch und dem herrlichen „Wiegenlied an Mirjam“ von Beer-Hofmann, die sehr üblen Reimereien von Mathias Acher (dessen Bedeutung als Denker und Politiker wir nicht verkennen, der aber alles andere als ein Lyriker ist); das schöne Wiegenlied von Scholem-Alejchem in der kitschigsüßen Übersetzung Feiwels (während der Schatz der jüdischen Volkslieder in den meisterhaften Übertragungen Arnold Nadels vorliegt); von Perez „Im Mondenschein“ — das uncharakteristischste und schwächste, was Perez je geschrieben hat; ein vollkommen überflüssiges und durchaus unjüdisches Gedicht von Tschernichowsky. Der gröbste Mißgriff und die ärgste Geschmacklosigkeit war aber der Vortrag des „Ghettoliedchens“ von Hugo Salus: obwohl der Dichter Jude ist und das Gedicht von einem Judenmädel handelt, wirkt doch seine Einreihung in die „Dreitausend Jahre jüdischer Poesie“ auf jeden Juden wie ein Faustschag ins Gesicht. Unverständich ist es uns, wie die Veranstalter des Abends so wenig Taktgefühl haben konnten: ein Lied, in dem ein Mädchen besungen wird, das ihr Judentum einem christlichen Ritter zuliebe verleugnet, hat doch wirklich nichts mit jüdischer Poesie zu tun! Und dabei gibt es bei Salus einige wirklich hübsche jüdische Gedichte. Der größte der lebenden jüdischen Dichter, Bjalik, war im Programm natürlich nicht vertreten, ebenso wenig wie Max Brod, Arnold Zweig, Else Lasker-Schüler und andere Dichter, auf die wir Juden stolz sein können. Das Publikum, das zum großen Teil aus Nichtjuden bestand, die sich über die Dreitausend Jahre jüdischer Poesie orientieren wollten, war sichtlich enttäuscht und verließ zum Teil den Saal vor Schluß des Abends, wodurch es wahrlich keinen Mangel an Geschmack bekundete. Alles Obengesagte bezieht sich auf das Programm und nicht auf die Leistungen der Vortragenden. Die Mißstimmung, die das Programm hervorrief, blieb aber nicht ohne Wirkung auf die Beurteilung dieser Leistungen. Es soll nicht verschwiegen werden, daß Arnold Marie, das Buch Esther, das seine Glanznummer ist, ganz hervorragend gut rezitierte. Lilly Freud las ebenso glänzend Scholem Asch’s „Verrückte Mutter“, womit sie das Publikum sichtlich hinriß. Ihre Vorträge aus der Bibel gefielen uns dagegen gar nicht; das Siegeslied Mosis kann von einer Frauenstimme wohl nie richtig gesprochen werden. Beer-Hofmanns „Wiegenlied“ sprach sie für unser Empfinden viel zu süßlich. Mit dem Vortrag der übrigen Gedichte konnte sie auch beim besten Willen keinen Erfolg erzielen. Das Bedauerlichste an der Veranstaltung ist, daß das Thema „Jüdische Poesie“ für das Münchener Publikum jetzt für längere Zeit kompromittiert ist, und das ist gar nicht bitter genug zu beklagen. Welt-Echo Jüdische Berufsberatung. Die Hauptstelle für Berufsberatung der deutschen Juden in Berlin, die bereits umfangreiche Vorarbeiten in der Durchforschung ihres Tätigkeitsgebietes und der Herbeischaffung zuverlässigen Auskunftsmaterials unternommen und schon drei aufklärende Schriften über die Aussichten verschiedener Berufsarbeiten herausgegeben hat, wird nunmehr in gemeinsamer Tätigkeit mit den großen jüdischen Organisationen Deutschlands ihre praktische Tätigkeit aufnehmen. Die Arbeit der Hauptstelle wird gefördert durch den Zentralverein deutscher Staatsbürgr jüdischen Glaubens, den Verband der deutschen Ju-' den, die Logen U.O. B.B., das Kartell der jüdischen Arbeitsnachweise und anderer Verbände. In Berlin wird die Berufsberatung für männliche Personen in dem von den U. 0. B. B. Logen begründeten Verein für Arbeitsnachweise erfolgen, während die Berufsberatung für Frauen und Mädchen den getroffenen Vereinbarungen entsprechend durch den jüdischen Frauenbund ausgeübt wird. Beide