Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 20 (18.5.1917)
- Date
- 1917-05-18
- Page
- Seite 228 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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228 Das Jüdische Echo Nr, 20 Herr Dr. Paul Nathan hatte in seinem Briefe den polnischen Politiker um seine Ansicht über die polnische Judenfrage gebeten, und Graf Roniker erwiderte mit der Beteuerung der üblichen liberalen Phrasen von Toleranz und Humanität, mit der polnische Politiker ihren Standp'’"W in der Judenfrage stets zu umkleiden pflegen, und die in ihrer vagen Allgemeinheit und verklausulierten Unverbindlichkeit so gut wie nichts besagen. Der Briefwechsel als solcher enthält fast nichts des Neuen und Interessanten; denn sowohl die Ansichten des Herrn Dr. Paul Nathan, wie auch die des Grafen Roniker, der hier nur als Typus für fast alle anderen polnischen Politiker erscheint, sind seit langem bekannt und können kaum noch die jüdische Öffentlichkeit interessieren. Wichtig und näherer Betrachtung wert wird der Briefwechsel, dem Dr. Paul Nathan durch Versendung an Zeitungen möglichst starke Publizität zu geben versucht, lediglich durch seine symptomatische Bedeutung als Teil einer systematischen und wohlberechtigten Politik, die Herr Dr. Nathan in der polnisch-jüdischen Frage zu treiben sich bemüht. Daß er diese Absicht schon seit einiger Zeit hat, wissen wir sehr wohl, und mehrfache Reisen, die er nach Warschau unternommen, sowie verschiedene politische Aktionen, die er dort einzuleiten sich bemüht hat, gaben auch den maßgebenden politischen Kreisen des polnischen Judentums Kunde von dieser Absicht. Man darf heute ruhig sagen, daß alle Versuche, die Dr. Paul Nathan in Warschau unternommen hat, gescheitert sind. Angesichts seines bekannten Standpunktes, der sich mit der bürgerlichen Gleichberechtigung und religiösen Freiheit begnügt und auf alle nationalen und kulturellen Rechte Verzicht leistet, kann der Fehlschlag seiner Bemühungen ja auch nicht weiter wundernehmen. Dieser Fehlschlag hat ihn aber scheinbar nicht bewogen, von weiteren Versuchen, in der polnisch-jüdischen Frage aktiv aufzutreten, abzustehen, sondern ihn dazu verführt, sich bei seinem Vorgehen Bundesgenossen da zu suchen, wo er sie von vornherein zu finden hoffen durfte, und mit denen zusammen er nun die Politik machen will, deren Symptom sein Briefwechsel mit Graf Roniker darstellt. Da er sah, daß alle nationalen Kreise seine Mitwirkung und politische Hilfe ablehnten, richtete er sein Auge auf jene orthodoxe Gruppe, die von den Herren Rabbinern Dr. K o h n und Dr. Carlebach gegründet ward, in der Annahme wohl, daß diese beiden Herren als deutsche Juden seinem nationalen Standpunkt mehr Verständnis entgegenbringen würden, als dies von seiten der wirklich polnischen Juden, an die er vorher herangetreten, geschehen war. Seine Annahme war ganz richtig, und in der „Agudas hoortodoxim“ fand er den Bundesgenossen innerhalb des po!ni- (Kgl. ‘Bayer. ‘Porzeffan*! TJlanufaütur ‘Rympkenbarg I g (Kauptniederlage QJlünchen: Odeonsplafi 1 g % t gJ (Kunstu. ßuxusgegenstände, Tafel-, bessert», W (Kaffeeu. Teegeschirre, Figuren, Gruppen etc. £ §na<A alten ‘Rymp&enburger Original- TKodeflen. ff (Außerdem neue Formen und FKodelle nach Gnt- ® 5 würfen erster Tlünchner (Künstler. g 8®>^<5>re<5X©<sST®$<5Xc)S5C?Xc><5Xc><3,XSSXc><5>*c>S*®8 sehen Judentums, ohne den sein politisches Auftreten in der polnisch-jüdischen Frage von vornherein fundament- und wirkungslos erschienen wäre. Daß diese Bundesgenossenschaft besteht, dafür haben wir natürlich keine Dokumente und schriftliche Abmachungen zum Beweis; doch zeugen soviele eindeutige Symptome für ihren Bestand, daß ein Zweifel nicht möglich ist. Die Adresse der „Agudas hoorthodoxim“ an den provisorischen polnischen Staatsrat, die dieselben Forderungen aufstellte, die Herr Dr. Paul Nathan vertritt, die unwürdige Haltung, die das Organ der „Agudoh“, das „Jüdische Wort“, den Polen gegenüber einnimmt, das Schreiben des Herrn Dr. Nathan an den Grafen Roniker und — als bezeichnendstes Symptom — der sonst unverständliche Lobgesang, den er in seinem vor zwei Wochen im „Berliner Tageblatt“ veröffentlichten Artikel über die polnisch-jüdische Frage auf die „Agudas hoorthodoxim“ anstimmt, all dies sind ganz klare und sichere Beweise für diese Bundesgenossenschaft. Diese Bundesgenossenschaft aber ist das weitaus Interessanteste und Bedeutsamste an dem ganzen jüngsten Auftreten des Herrn Dr. Paul Nathan und an seiner Politik in der polnischen Judenfrage. Die Bundesgenossenschaft macht seine Politik erst wichtig und gefährlich. Träte er allein auf, sein Standpunkt müßte als der eines einzelnen deutschen Juden ohne jede Wirkung bleiben. So aber kann er jederzeit behaupten, daß die „stärkste jüdische Organisation“ in Polen, die Agudas hoorthodoxim. mit ihren 23 000 Mitgliedern seine Auffassung teile und unterstütze, und kann sich damit den Anschein geben, als spräche er wirklich im Namen der jüdischen Massen in Polen und als sei er in der Tat legitimiert, für sie und über ihren Kopf hinweg mit den polnischen Politikern über die Judenfrage zu verhandeln. Daß er dazu keinesfalls berechtigt ist, braucht jedem, der die Verhältnisse nur ein wenig kennt, nicht erst gesagt zu werden. Zunächst ist die Größe und Stärke der „Agudas hoorthodoxim“ eine Sache von sehr problematischem Charakter. Mag sogar sein, daß 23 000 Mitglieder in ihren Listen eingetragen sind; aber wer weiß, wie solche Eintragungen zustande kommen und was sie bedeuten, wird verstehen, daß diese Mitgliederzahl allein die „Agudah“ noch durchaus nicht zur stärksten oder gar einflußreichsten jüdischen Organisation in Polen macht. Und außerdem: auch die „Mitglieder“ der „Agudoh“ selbst würden sich in ihrer großen Majorität sehr! davor hüten, Herrn Dr. Paul Nathan mit ihrer Vertretung zu betrauen, würden sie über seinen Standpunkt richtig aufgeklärt und würden sie überhaupt um ihre Meinung befragt werden. Aber das ist ja das Gefährliche und Verwerfliche an dieser ganzen Angelegenheit: daß einige deutsche Juden sich hier zusammentun, um „im Namen“ des polnischen Judentums über seinen Kopf hinweg und gegen seinen Willen seine Rechte zu vertreten, richtiger gesagt, es preiszugeben. Denn daß die Polen ein solches Auftreten des Herrn Dr. Paul Nathan gemeinsam mit der „Agudas hoorthodoxim“ für ihre Zwecke weidlich ausnützen werden, um darauf hinzuweisen, daß die polnischen Juden selbst ja gar keine nationalen Rechte fordern, ist selbstverständlich. Wie unnatürlich und deswegen doppelt verwerflich dieses Bündnis zwischen Herrn Dr. Paul Nathan und der Gruppe der extremsten Orthodoxie ist, brauchen wir nicht erst aufzuzeigen. Der liberale Politiker und Freigeist in einer Front mit