Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 19 (11.5.1917)
- Date
- 1917-05-11
- Page
- Seite 218 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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218 Das Jüdische Echo Nr. 19 Bevölkerung zu entwickeln. Das Arbeitsp-rogramm dieser Komitees muß in folgendem bestehen: a) Im Kampfe für die tasächliche Durchführung der jüdischen Gleichberechtigung und in Vertretung der jüdischen Interessen bei den höheren Verwaltungsorganen, den Kommunen und Lokal-Behörden. b) In vorsichtigem und vernünftigem Regulieren des Auftretens der jüdischen Gesellschaft in allgemeinen russisch-politischen Fragen. c) In der Vorbereitung und Besprechung des Programmes der jüdisch-nationalen Forderung in Rußland. d) In der Herstellung eines regelmäßigen und dauernden Kontaktes mit dem Jüdisch- Politischen Kollegium in Petersburg. e) In der Reorganisierung der Jüdischen Gemeinden als der Grundlage für die zukünftige national-politische Autonomie des russischen Judentums. In allen ihren politischen Arbeiten haben die Komitees vorläufig das Helsingforser Programm der russischen Zionisten als Grundlage zu nehmen. Das Helsingforser Programm soll beim nächsten Delegiertentage einer Revision unterzogen werden. 3. Palästina. Nächst den erwähnten Arbeiten haben alle Zionisten die unerläßliche Pflicht, eine großzügige Propaganda zu entfalten zwecks Anerkennung unserer Forderungen auf Palästina bei der bevorstehenden Friedenskonferenz. Sowohl in den obenerwähnten, politischen Komitees, wie auch in allen anderen Gemeinde-Institutionen, an denen Zionisten sich beteiligen, muß die Palästina-Frage in ihrer ganzen Ausdehnung gestellt und positive Willenskundgebungen seitens dieser Institutionen und der hinter ihnen stehenden Gesellschaftskreise erzielt werden. Das Zirkular schließt mit der dringenden Mahnung, sofort an die Arbeit heranzutreten und sich unverzüglich mit dem Zentral-Komitee (Adresse: Petersburg, Torgowaja 17, Wostok) in Verbindung zu setzen. Welt-Echo Die Judenfrage im Reichstagsausschuß. In der Sitzung, über die wir schon in der vorigen Nummer eine kurze Notiz brachten, kam auch die Behandlung der jüdischen Soldaten im Heere zur Sprache. Uber den Verlauf der Debatte berichtet das Hamburger „Isr. Familienblatt“: Die Debatte wurde von einem Vertreter der sozialdemokratischen Fraktion eingeleitet. Er führte aus, daß trotz der feierlichen Erklärungen vom Regierungstische aus sog. Judenzählungen stattgefunden hätten, auch über eine differenzielle Behandlung der Juden im Heere lägen Mitteilungen vor. Der Redner führte ferner Beschwerde über Beleidigungen gegen einzelne Juden sowie gegen die ganze Religionsgemeinschaft derselben. Der sozialistische Beschwerdeführer fand energische Unterstützung seitens eines Vertreters der Fortschrittlichen Volkspartei, welcher erklärte, das Kapitel des Antisemitismus in der Armee sei sehr unerfreulich. Das Kriegsministerium antworte nicht in der richtigen Weise auf Beschwerden von Abgeordneten. Der Redner führte einzelne Fälle von Nichtbeförderung tüchtiger und sogar dekorierter jüdischer Soldaten zu Offizieren an. Der Kriegsminister habe als Staatsminister die Pflicht, der Verfassung zur Durchführung zu verhelfen. Diese mit umfangreichem authentischen Beweismaterial unterstützten Angriffe mußten eine Erwiderung des anwesenden preußischen Kriegsministers hervorrufen. Es seien sehr viele jüdische Offiziere ernannt worden, sagte er, so daß von einer grundsätzlichen Versagung solcher Beförderungen nicht die Rede sein könne. Nicht jeder Offiziersaspirant eigne sich aber schließlich zum Offizier. Das hat auch niemand behauptet, sondern nur, daß auch viele durchaus geeignete jüdische Krieger wegen ihres Glaubensbekenntnisses noch immer nicht befördert würden. Wenn der Kriegsminister schließlich zusagte, daß den vorgekommenen Einzelfällen nachgegangen werden würde, so wird man das Ergebnis dieser Untersuchungen, abwarten müssen, um beurteilen zu können, ob die in Rede stehenden Nichtbeförderungen von Juden ausreichend begründet waren. Namentlich wird der Herr Kriegsminister dann den empörenden Beleidigungen gegen Juden als Einzelpersonen und als religiöse Gesamtheit und der solchen Ausschreitungen zugrunde liegenden niedrigen Gesinnung entgegentreten können. Ein nationalliberaler und ein Zentrumsredner gaben dem Kriegsminister denn auch beachtenswerte Winke, in welcher Richtung sich namentlich die von ihm versprochenen Untersuchungen bewegen müßten. Der erstere Redner sagte, der Überschreitung der Dienstgewalt gegenüber jüdischen Soldaten müsse vorgebeugt werden, und der letztere wandte sich gegen die politische Gesinnungsschnüffelei, die namentlich gegen Juden geübt werde. Der Vertreter der Antisemiten, der bekannte Bruhn bedauerte, daß Juden zu Offizieren befördert werden. Er bestritt die Angaben des Fortschrittlers über die ungleiche Behandlung jüdischer Soldaten und Militärdienstpflichtigen, vielmehr hätten jüdische Heeresangehörige es in vielen Fällen verstanden, auf ruhige Posten zu kommen. Der Abg. Bruhn hielt es aber, im Gegensatz zu dem von ihm bekämpften Kommissionsmitgliede, für entbehrlich, seine allgemeinen antisemitischen Beschuldigungen durch bestimmte Tatsachen zu beweisen. Der konservative Redner beschränkte sich auf die Behauptung, gegen die Ernennung jüdischer Offiziere sei nichts einzuwenden, aber die Selbständigkeit der Kommandeure in der Auswahl geeigneter Persönlichkeiten müsse unter allen Umständen bestehen bleiben. Die „geeignete“, die „achtunggebietende“ Persönlichkeit — das war ja immer, schon vor dem Kriege, das Steckenpferd der Reaktionäre, mit dem sie in der Praxis das Prinzip der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der Juden auch im Heere, das sie nicht aus der Welt schaffen konnten, illusorisch zu machen nie müde wurden. Ein Redner der sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft beschloß die Debatte mit der Erklärung, daß es sich bei den jüdischen Mannschaften um die ungerechte Behandlung und um die ungerechte Nichtbeförderung handle. Einer solchen werden doch auch die Konservativen nicht das Wort zu reden wagen. Die Verhältnisse in den besetzten Gebieten kamen am 4. Mai im Hauptausschusse des Reichstags zur Sprache. Ein Vertreter der Deutschen Fraktion sagte u. a., die Lage der Juden, besonders in Lodz, sei entsetzlich und ihre Besserung eine unserer ersten Pflichten. Ein Sozialdemokrat beschwert sich über die Verwaltung in Litauen. Bei der Judenbevölkerung in Wilna ist gewiß manches schlimm, aber sie stellt ein wirtschaftlich unentbehrliches Element dar. Die Sterblichkeit hat dort sehr zugenommen, ohne