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Das jüdische Echo · 1917-05-11 · 19 (11.5.1917) · p. Seite 214

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
19 (11.5.1917)
Date
1917-05-11
Page
Seite 214 (sequence 2)
Language
German
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214 Das JGdische Echo Nr. 19 die sämtlichen Richtungen im Deutschtum — vom Konservatismus bis zum Sozialismus — vertreten und die zweifellos auch gute Patrioten sind, in der Berücksichtigung der nationalen Rechte der Ostjuden das Interesse der Zentralmächte erblicken, kommt der „jüdische Deutsche“ und beteuert das Gegenteil. Sodann führt Dr. Nathan noch einen Beweisgrund an. Die Rechte der Ostjuden könnten nicht geschützt werden, denn „solch ein verfassungsmäßiger zunächst papierener Schutz ist nur dann eine reale Garantie, wenn die Geschützten entweder stark genug sind, um ihre Rechte selbst zu verteidigen, oder wenn ihre Rechte durch außenstehende Dritte geschützt werden, oder wenn endlich vorausgesetzt werden kann, daß ihre Rechte eine Anfechtung nicht erleiden werden. Nichts von alledem trifft auf die polnischen Verhältnisse zu.“ Mit anderen Worten, Dr. Nathan hält sämtliche Minoritäten in Polen, die doch hier und da, und zudem in den für die Kultur und Wirtschaft maßgebenden Städten, oftmals die Mehrheit besitzen, für schutzlos. Dabei hält Dr. Nathan internationale Verträge für „einen Fetzen Papier“, eben zu einer Zeit, wo die übrige — allerdings weniger „liberale“ Menschheit — das Verhältnis zwischen viel stärkeren Völkern gerade auf Verträge stützen will. Es ist dies eine ziemlich originelle Auffassung, Dr. Nathan dürfte aber dabei schon vollauf aufrichtig sein und auf die bürgerlichen Rechte der Juden verzichten, wenn die polnische Mehrheit sie ihnen nicht gutwillig gewährt. Er muß sich, mit anderen Worten, auch ein v e r f a s - sungsmäßiges polnisches Rumänien gefallen lassen. Wir Ostjuden sind darüber nicht erstaunt. Es ist dies die unerläßliche Konsequenz eines unentwegten Assimilanten. Eines dürfen wir aber von einer Persönlichkeit, wie Dr. Nathan verlangen: Objektivität. Dr. Nathan mag den edlen Wunsch haben, uns zu polonisieren und zu entrechten, er hat aber kein Recht, die Sache so hinzustellen, a 1 s ob wir es selbst verlangten. Daß die Ostjuden jüdisch-national fühlen und daß sich alle maßgebenden politischen Parteien für die nationalkulturelle Autonomie ausgesprochen h^ben. wurde in der deutschen Öffentlichkeit mehrfach nachgewiesen. Sogar die Assimilajnten in Polen naben sich gegen Zwangsassimilation und für Berücksichtigung des Jidischen in der Schule ausgesprochen.*) Es mutet uns deshalb — milde gesagt — sehr merkwürdig an, wenn uns Dr. Nathan etwas so Sonderbares mitteilt: „Organisiert ist vor allem die jüdische Orthodoxie in Polen und sie ist ein starker Faktor der zukünftigen politischen Entwickelung. Organisation, die den Namen „Agudas Hoortoxim“ trägt, ist erst unter Beihilfe jüdischorthodoxer Kreise Deutschlands ins Leben getreten; sie ist über das ganze Land verbreitet und zählt heute bereits mehr als 22 000 eingeschriebene Mitglieder.“ Schon abgesehen von dieser Statistik, die noch einer Nachprüfung bedarf, erfahren die Leser des „Berliner Tageblatts“ nicht, daß die neuen Führer der Orthodoxie dem jüdischen Publikum gegenüber nicht behaupten, sie wollten die Juden polonisieren; im Gegendteil, sie beteuern ganz feierlich, daß sie noch zweckmäßiger als die Nationaljuden gegen die Assimilation kämpfen. Die Leser des „Berliner Tageblatts“ erfahren ferner nicht, daß man die Orthodoxie zu Zwecken orga- *) Näheres darüber s. meinen Artikel in Nr. 3 des „Frankfurter Isr. Familienblattes“. t nisiert, die mit der Politik nichts gemein haben (etwa zur Wohltätigkeit, Studium des Talmuds u. dgl.). Wenn also die Führer im Namen der so organisierten Massen Erklärungen ausgesprochen politischen Charakters abgeben, tun sie es auf eigene Verantwortung. Es ist auch sonderbar, daß Dr. Nathan, der in Deutschland „liberaler“ Jude ist, und die dortige Orthodoxie bekämpft, in Polen eine Richtung verherrlicht. deren Ziel darin besteht, daß man die Unwissenheit der Massen ausnützt, um in ihrem Namen die Entrechtung der Juden gutzuheißen, wie es in Galizien seit langem der Fall ist, wozu sich aber kein deutscher Jude hergeben wird. Schließlich wird Herr Dr. Nathan aus einem düsteren Pessimisten ein rosiger Optimist. Derselbe Mann, der nicht einmal zu internationalen Verträgen Vertrauen hat, traut blind Dokumenten, die von wenig maßgebenden Personen ausgehen und in der unverbindlichsten Form abgefaßt sind. Er ist von der bekannten Erklärung des polnischen zeitweiligen Staatsrates begeistert, welche den Juden bürgerliche Gleichberechtigung in der Zukunft verheißt, ein Versprechen, das — abgesehen von vielen anderen Gründen — schon deshalb wertlos ist, weil der Staatsrat durch seine Bildung selbst die Gleichberechtigung der Juden kraß verletzt hat. Geradezu komisch kommen uns die leeren Zusagen des Grafen Roniker vor. der ein entschiedener Antisemit ist, als Leiter des „Hauptfürsorge- Rats“ usw. aktiven Antisemitismus treibt, der aber zugleich im Auslande den Juden ein Paradies in Aussicht stellt — natürlich alles für die Zukunft. Wenn Dr. Nathan, anstatt die Rolle eines „brauchbaren Mittlers“ zu spielen, sich für verpflichtet hielte, die unerträgliche Lage seiner — sagen wir „Glaubensgenossen im Osten“ zu lindern, würde er den polnischen Machthabern etwa falgendes sagen: „Meine lieben Herren, vielleicht können Sie wenigstens etwas von all den schönen Sachen schon jetzt verwirklichen? Sie machen sich doch selbst, und mit Recht, über den russischen Großfürsten lustig, der den Polen ebenfalls so viel Herrliches für die Zukunft versprochen und nichts gegeben hat.“ Erst wenn eine der Versprechungen in Erfüllung gegangen wäre, hätte Dr. Nathan Recht zu sagen: Die Kluft zwischen Juden und Polen ist überbrückt; das war ein Akt der staatsmännischen Klugheit, den Polen und Juden begrüßen können.“ Jetzt sind es Worte, Worte, Worte, leere und schädliche Redensarten. Die innerpolitische Neuorientierung Oesterreichs und die Juden. (Aus dem „Lemberger Tageblatt“.) Eine neue Völkerpolitik beginnt in Österreich zu dämmern. Selbst die konservativsten Elemente haben endlich eingesehen, daß das innerpolitische Problem, die bisherige Politik des Ausspielens eines Volkes gegen das andere, die Bevorzungung eines Volksstammes vor dem anderen eine drohende Gefahr in sich birgt, nicht allein für das Prestige der Monarchie im Auslande, sondern auch für ihre Integrität und* Entwicklung auf allen Gebieten der menschlichen Kultur. Die Erfahrungen der letzten drei Jahre waren für Österreich so lehrreich, daß sogar das Herrenhaus, das mächtigste politische Zentrum des kon-

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