Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 18 (4.5.1917)
- Date
- 1917-05-04
- Page
- Seite 208 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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208 Das Jüdische Echo Nr, 18 Ärzte, Veterinäre usw. Was der Rabbiner für eine Arbeit gehabt haben muß, um etwas derartiges zu ermöglichen, kann man sich unmöglich vorstellen. Das Essen gut, zwar knapp, doch so rituell, daß selbst die frömmsten Menschen ohne irgend welche Bedenken teilnehmen konnten. Allem war Rechnung getragen. Selbst der Wein fehlte nicht. Brot gab es zwar nicht. Zum Essen gab es erst Brühe mit Mazzebrocken (statt der Knödel), dann entweder Kartoffel und Fleisch (Rindfleisch oder falscher Hase), oder Fleisch mit Erbsen bezw. Reis und Soße. Nach jedem Essen das gemeinsame Tischgebet, alles wie zu alten Zeiten bei den sei. Großeltern. Wo sind die schönen Zeiten geblieben? Der Gottesdienst in der Synagoge war sehr schön. Auch ein Chor war vorhanden. Die Wilnaer jüdische Gemeinde hat einen Oberkantor Herschmann. Einen solchen kann ganz Deutschland nicht aufweisen. Von weit und breit stömt alles zusammen, um ihn zu hören. In der Synagoge waren ca. 8000 Menschen, unter ihnen eine sehr große Anzahl christlicher Offiziere. Die Wilnaer jüdische Gemeinde bezahlte seiner Zeit für den Kantor 60 000 Rubel, um ihn vom Militär frei zu bekommen. Er betet im Monat nur einmal vor und dann nur noch zu den Feiertagen. Ein solcher Gottesdienst ist ein Genuß. Am zweiten Feiertag abends war ich in einem ihm zu Ehren gegebenen Konzert, bei dem auch er sang. Es war geradezu lebensgefährlich voll. Solche Ehrungen, wie die Wilnaer Juden für den Mann hatten, habe ich bis heute noch nicht gesehen. Es war ein wunderbarer Abend. Das waren die Lichtseiten meines dortigen Aufenthalts. Nun will ich Euch auch die Schattenseiten nicht verschweigen. Ein solches Elend wie in Wilna, gibt es, glaube ich, auf der ganzen Welt nicht mehr. Täglich sterben dort 50—60 Menschen Hungers. Die Lebensmittel sind unerschwinglich teuer. Ein Pfund Butter kostet 8 Mk., ein Pfund Zucker 4 Mk., Fleisch ist für die ärmere Bevölkerung ein Märchen. Es sind ganz furchtbare Zustände. Bekanntlich gibt es in Rußland keinen Mittelstand, sondern nur arme und reiche Leute. Die Reichen leben ganz gut. Für viel Geld kann man in Wilna sehr gut leben. Abgesehen vom Ghetto ist Wilna eine sehr schöne Stadt, (ca. 200 000 Einwohner, davon ca. 120 000 Juden.) ' Es gibt in Wilna 104 Synagogen und einige 60 Kirchen. In der weltberühmten Ostra- Bramakirche war ich drin. Ein krasserer Gegensatz ist kaum denkbar. Die Pracht und der Reichtum der Kirche und die Armut und Zerlumptheit der kath. Bevölkerung, die den letzten Kopeken in die Opferbüchsen werfen und dann lieber hungern. Jetzt liebe Eltern habe ich Euch über meinen Wilnaer Aufenthalt berichtet. Lieber wäre ich zwar bei Euch gewesen, doch man soll nie zu viel verlangen. Leider war es mir nun nicht möglich, für Euch dort etwas zu besorgen, weil es eben so gut wie nichts gab. Dagegen erwarten wir hier in den nächsten Tagen die Kantine, die verschiedenes mitbringen wird, und werde ich so das wohl schon abgesandte Geld für Euch nutzbringend anlegen. Weit-Echo Die Judenfrage im Reichstagsausschuß. In der Sitzung vom 27. April sprach sich ein Fortschrittler erneut für die volle Gleichberechtigung d e r J u d e n bei der Beförderung zu Reserveoffizieren aus; der die Juden von den Kadettenanstalten ausschließende Bescheid des früheren preußischen Kriegsministers sollte aufgehaben werden. In Bayern habe man längst mit den Vorurteilen gegen die Juden gebrochen. Kriegsminister v. Stein erwiderte, daß er hinsichtlich der Zulassung von Juden zu Kadettenanstalten auf dem Standpunkte seiifer Vorgänger stehe. Die Generalversammlung des Hilfsvereins deutscher Juden fand am 25. April in Berlin statt. Dr. James Simon eröffnete die Verhandlungen. Dr. Paul Nathan erstattete Bericht über die Hilfstätigkeit für die besetzten Gebiete, in dem er unter anderem folgendes ausführte: Die Hilfstätigkeit für die besetzten Gebiete wurde in der Hauptsache von dem selbständigen „Jüdischen Hilfskomitee für Polen und Litauen zur Verwaltung amerikanischer Unterstützungsgelder“ ausgeübt. Aus den amerikanischen Unterstützungsgeldern sind seit Anfang des Krieges insgesamt 11 422 580 Mk. verausgabt worden. Die monatlichen Aufwendungen für die besetzten Gebiete betragen jetzt rund 1 Million Mark. Zur Zeit werden mit diesen Mitteln in den besetzten Gebieten etwa 600 Volksküchen, Teehallen und Schulspeiseanstalten mit mehr als 4Q0 000 Besuchern unterhalten. In Warschau allein sind 90 000 Besucher oder Benutzer der Volksküchen vorhanden, und außerdem werden noch 10 000 bis 15 000 Kinder in den Schulen gespeist. Neben der Tätigkeit des Hilfsvereins für Polen und Litauen hat der Hilfsverein auch eine selbständige Tätigkeit in Verbindung mit der Großloge für Deutschland und dem Komitee für die osteuropäischen Juden in Frankfurt a. M. ausgeübt. Vor allen Dingen durch unentgeltliche Verteilung von Nahrungsmitteln in den am meisten notleidenden Bezirken und Orten, sowie durch Sammlungen von Kleidungsstücken, von denen etwa 7000 Zentner bisher nach den besetzten Gebieten gebracht werden konnten. Ferner ist die ausschließliche Tätigkeit des Hilfsvereins gewesen die Brief- und Geldvermittlung zwischen den besetzten Gebieten und dem Auslande, in erster Linie Amerika, solange dies neutral war. Bisher sind ca. 5 Millionen Mark auf diesem Wege zur Versendung gelangt, die sich in der Mehrzahl aus kleinen Beträgen zusammensetzen. Das Bureau besorgt auch im Rahmen der behördlichen Bestimmungen den Brief- und Nachrichtenverkehr zwischen dem neutralen Auslande, Polen und Litauen, eine sehr umfangreiche und teilweise sehr komplizierte Arbeit. Die Briefe sind in verschiedenen Sprachen abgefaßt und können nach den bestehenden behördlichen Bestimmungen ausnahmslos nur im Auszug weitergegeben werden. Es wurden bisher ca, 2V2 Millionen Briefe vermittelt, an manchen Tagen liefen 1800 bis 2000 ein. Besondere Aufmerksamkeit wandte der Verein denjenigen zu. deren Ernährer in Amerika sind, und die infolge des Krieges ihnen nicht haben folgen können. Vor der Verschärfung des U-Boot-Krieges fand eine ziemlich rege Auswanderung aus den besetzten Gebieten statt, die von uns in Verbindung mit den Behörden und den Schiffahrtsgesellschaften geleitet wurde. Der Hilfsverein der deutschen Juden in Verbindung mit der Großloge für Deutschland und dem Frankfurter Hilfskomitee für die notleidenden europäischen Juden wandten im Jahre 1916/17 für das Konstantinopeler Hilfswerk bis jetzt rund 180 000 Mark auf. Insgesamt wurden für die Hilfsaktion im Orient 1916/17 rund 500 000 Mark verausgabt. Dr. Paul Nathan teilte dann noch mit, daß durch die Hände des Hilfsverins in den fünfzehn Jahren seines Bestehens rund 15 Millionen Mark an arme, unglückliche Juden verausgabt worden sind.