Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 18 (4.5.1917)
- Date
- 1917-05-04
- Page
- Seite 207 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 Das Jüdische Echo 207 Am Sabbath sind alle jüdischen Geschäfte geschlossen. In die Synagoge geht man schon um 7 Uhr früh. Die jüdischen Frauen — sie scheinen schnell zu altern —■ tragen Sonnabends pelzverbrämte Jacken, bunte, türkische Tücher mit gelben Blechplättchen oder Schaumünzen als Borte auf dem Kopfe und große goldene Ohrringe. In den Geschäften sieht man sie selten. Ich wurde sie nur gewahr, wenn sie um die Mittagszeit ihren Männern Essen ins Geschäft brachten, oder wenn sie am Freitag Kuchen oder Speisen zum Bäcker trugen. Sonnabend Nachmittag saßen sie, wie es noch jetzt in östlichen kleinen Gemeinden üblich ist, vor ihren Wohnungen auf Steinen und knabberten gern geröstete Kürbiskerne. Die Männer tragen den Fez als Kopfbedeckung. In Prilep lernte ich zwei jüdisch-bulgarische Soldaten kennen. Es waren prächtige große Reckengestalten. Auch sie bekannten sich stolz als Juden und nannten zuerst ihre jüdischen Namen, die, wie stets in Monastir, altbiblische waren. Nun bin ich seit ca. 14 Tagen heraus aus diesem wildromantischen Lande mit seinen farbigen Bergen und Felsen, seinem Völkertrubel, seinen reichen Schafherden und seinen Moscheen .... Jüdische Väter und Söhne in Polen. Der Warschauer „Moment“ bespricht den Zwiespalt zwischen der älteren und jüngeren Generation der polnischen Juden: Für unsere Assimilation ist bisher charakteristisch gewesen, daß die assimilatorischen Väter ihre eigenen Kinder zur Taufe führten. Aber die Zeit steht nicht still. Jetzt haben wir eine neue Erscheinung zu verzeichnen, die noch schlimmer ist. Wir >eirleben, wiie Kinder von Assimilatoren offene Antisemiten werden, ohne sich dabei formell vom Judentum loszusagen. Eigentlich sollte man sich darüber nicht wundern; denn nach der Logik des Lebens muß es so sein. Die Jugend ist temperamentvoll und offen. Wenn der Vater in nationaler Hinsicht keine Beziehung zum Judentum hat und in religiösem Sinne völlig gleichgültig ist, handelt der Sohn nur logisch, wenn er ein offener Gegner des Judentums wird. Wenn die Eltern ihre jüdischen Interessen unter heuchlerischer Maske verraten, wollen die Kinder offen handeln und gehen gegen das Judentum vor. So haben wir denn einen Verein junger Assimilatoren, die sich frank und frei mit „Judenfresserei“ beschäftigen. Er führt eine Agitation unter den Schülern der mittleren und höheren Schulen und gibt von Zeit zu Zeit eine kleine Zeitung heraus. Mit größter Energie greifen diese jungen Kämpfer natürlich die nationalistischen Juden an in dem Gefühl, daß deren Idee starke Fortschritte unter der Jugend macht. Dieser Kampf ist nicht gefährlich, aber interessant, weil er beweist, welche Ansichten über das Judentum die Assimilatoren ihren Kindern beibringen. „Der jüdische Nationalismus“, so schreiben diese jungen Leute, „beginnt mit frecher Dreistigkeit einen Kampf der jüdischen Gesellschaft im Schoße der polnischen Gesellschaft. Mit welchem Recht?“ Weiter werden „Beispiele und Beweise“ gebracht, z. B. daß die Juden „einen Staat im Staate“, ein „Juda-Polen“ schaffen wollen usw. Aber nicht nur die Nationalisten ärgern sie. Sie sind auch wütend, daß überhaupt Juden Menschen sein wollen, bürgerliche Rechte genießen und Ratsmänner wählen wollen, die ihr Vertrauen besitzen. Wie bekannt, haben die Stadtratwahlen in der Provinz an einigen Orten ermöglicht, einen gewissen Prozentsatz jüdischer Ratsmänner durchzubringen. Aus verschiedenen Gründen haben die Juden ihre Rechte nicht voll ausnützen können. Sehr oft haben sie sich sogar mit den Polen verständigt, aber das Organ der jungen Assimilationshelden lärmt und schreit darüber, daß „die Juden die Führung in der Provinz an sich gerissen haben“.der böse Geist von Juda-Polen erstickt das Land“, sie drohen auch ganz offen mit dem Ausbruch antisemitischer Verfolgungen, „wenn die Ereignisse die vorübergehende Herrschaft der „Zydowstwa“ (der „Judenschaft“) verurteilen werden.“ Solche Worte und Drohungen hören wir jetzt nicht mehr nur von der „Dwa Grosze“ (dem Warschauer Antisemitenblatt. D. Red.). Außer den Nationalisten und Juden überhaupt attackieren die jungen Herren auch die alte Assimilation, weil sie den Nationalismus zu wenig bekämpft habe und nicht genügend patriotisch gewesen sei. Mit einem Wort, es zeigt sich, daß unsere alten Assimilatoren noch zu schwache „Patrioten“ sind, und um sie zu vollkommenen „Polen“ zu machen, geben ihre Kinder ihnen einen Rat, den sie bei geschworenen Antisemiten gestohlen haben. Das ist zugleich traurig und lächerlich; denn diese jungen Helden, die schon Patrioten von Kopf bis zum Fuß sind und mit allen Kräften gegen den jüdischen „Separatismus“ kämpfen, sind selbst verurteilt zum — Separatismus. Wenn sie Turn¬ oder andere Vereine gründen, so wird das immer wieder eine rein jüdische Institution sein. Pessach in Wilna. (Ein Feldpostbrief.) Liebe Eltern und Schwestern! Nun sind die schönen Osterfeiertage auch wieder vorbei. Ich bin seit gestern Mittag aus Wilna zurück. Unvergeßlich wird mir diese Osterfeier sein. Denkt Euch einen großen Saal und in diesem ca. 1000 jüdische Kameraden zum Sedermahl versammelt. An der Spitze der Armeerabbiner, der den Seder abhält um ihn herum die jüdischen Offiziere, FREY & Co. Bankgeschäft München, Residenzstraße 3 (Eingang Hofgraben) Tel. 27946 Erledigung aller ins Bankfach einschlägigen Geschäfte