Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 18 (4.5.1917)
- Date
- 1917-05-04
- Page
- Seite 205 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 Das Jüdische Echo 205 Bruch gekommen, wenn die konservativen Führer an ihrler negativen Politik festgehalten hätten. Unter dem Drucke der Massen fingen sie indessen an nachzugeben und wehrten den inneren Konflikt ab. Sie gingen auf einen jüdischen Kongreß ein, aber schalteten einige der nach ihrer Ansicht gefährlichen Elemente aus. Zunächst töteten sie die Permanenz des Kongresses, die gefährlichste der Neuerungen, die den Zweck hatte, die neue Organisation der jüdischen Kräfte zu befestigen. Dann trübten sie die Äußerung wegen nationaler Rechte, schwächten die wegen Palästina ab und amputierten völlig das Glied der wiederaufbauenden Hilfstätigkeit. Kurz: sie taten das mögliche, um den Kongreß unschädlich zu machen. Sie vereinten die beiden Extreme der herrschenden Gruppen: das kapitalistische American Jewish Committee und das proletarische National Workingmen’s Committeee. Die beiden feindlichen Lager schlossen einen Frieden, um einen dritten gemeinsamen Feind zu bekämpfen. Der offene Feind war der nationale Jude, besonders der Zionist, gegen den der ganze Angriff gerichtet war. Der verborgene Feind aber lauerte unter den jüdischen Massen, und es ist unglaublich, daß die Führer nichts darüber wissen sollten. Die Taktik des Nachgebens war selbstverständlich nicht auf den offenen Feind abgesehen, sondern auf den verborgenen und bezweckte eine Beschwichtigung der Unruhe unter den Geistern der Masse. Dieser Zweck wurde anscheinend erreicht. Die Kongreßfrage verlor ihr Feuer in der Presse und in der Straße. Die Frage ist nun: Ist der Plan der Kongreßgegner gelungen? Wenn wir auf Grundlage der Resultate der letzten Versammlung des National Workingmen’s Committees urteilen sollen, müssen wir mit Befriedigung feststellen, daß die Aktion wenigstens der einen Gruppe nicht gelungen ist. Sie ist nicht gelungen, weil ein gewisser Teil der Arbeiterführer (die richtigen Arbeiterführer bestreiten das Recht dieses Teils, sich Arbeiterführer zu nennen) Vorgriffen und die Karten auf den Tisch legten, indem sie glaubten, daß der Sieg sicher sei. Einer der Redner entdeckte, daß Palästina nicht auf dem Kongreß diskutiert werden sollte, weil er von zuverlässiger Seite erfahren habe, daß in Palästina die Juden Gleichberechtigung genießen und daher keinen Grund haben sich zu beklagen. Was wiederaufbauende Hilfstätigkeit betrifft, gab es jemanden, der fragte, was denn das sei. Nach ihnen war es eine gescheite Erfindung der Nationalisten. Ein dritter Staatsmann machte sich über eine jüdische nationale Anleihe lustig und behauptete, daß die reichen Juden den Armen nichts ohne Sicherheit borgen würden, welche die letzteren nicht hatten. In dieser Art gaben die „Arbeiterführer“ der Öffentlichkeit Auskunft über den jüdischen Kon-» greß und seine Aufgaben. Sie beschlossen etwas Geld für Hilfswerk einzusammeln und den Präsidenten aufzufordern, Amerika außerhalb des Krieges zu halten. Herzl sagte einmal zu einem Zionisten, der philanthropische Pläne zur Verwirklichung des Zionismus empfahl: „Sie sind ein Baron Hirsch ohne Geld. Wenn ich Wohltätigkeit nötig haben werde, werde ich zu einem Manne, der Geld hat, gehen.“ Das National Workingmen’s Committee ähnelte auf der letzten Versammlung ein American Jewish Committee ohne dessen Finanzen; es gab sich selbst ein testimonium paupertatis. Die Führer begingen einen zweiten Irrtum: sie wünschten die Permanenz des Kongresses zu erben und verursachten einen Bruch, indem sie den Zorn der wirklichen Arbeiterführer erregten. Jetzt werden Proteste gegen die vernehmbar, welche das jüdische Unglück zur Erweiterung des eigenen Einflusses ausnützen wollen. Diese Proteste sind symptomatisch. Sie zeigen deutlich den tiefen Abgrund zwischen den Massen und den Führern, und ferner, daß die Brücke, die die letzteren versucht haben hinüberzuschlagen, zu zittern anfängt. Die jüdischen sozialistischen Organisationen, die die wirklichen Absichten des National Workingmen’s Committee verstehen, haben beschlossen eine eigene Versammlung einzuberufen und eine neue Aufklärungskampagne unter den Massen zu veranstalten, um denselben die Gefahren der von gewissen Gruppen geführten Politik einleuchtend zu machen. Man muß erwarten, daß es ihnen zuletzt gelingen wird, das amerikanische Judentum auf einer gesunden Basis zu organisieren, — und ohne weitere Motive. Die national bewußten Elemente, die sich nicht enttäuschen und nicht irreführen lassen wollen, sind viele. Man muß sie bloß organisieren. Die Juden in Flandern. Anläßlich der von der deutschen Regierung angebahnten nationalen Emanzipation der Flamen bringt das Hamburger „Isr. Familienblatt“ einen interessanten Aufsatz über die Geschichte der Juden in Flandern, die an der zukünftigen Entwicklung des von ihnen bewohnten Landes natürlich nicht weniger interessiert sind, als die Flamen selbst. Zum flämischen Sprachgebiet gehören bekanntlich die Provinzen Antwerpen, Brabant, Westflandern, Ostflandern und Limburg. An den frühen Aufenthalt der Juden in diesen Gegenden erinnern manche Ortsbezeichnungen, die sich bis auf den heutigen Tag erhalten haben, wie Jodentrappen in Brüssel, Jodenstraet in Antwerpen und Löwen, Jodencastel in Tirlemont, Jodenstraetje in Gent, Joden-Straet in der alten Grafschaft Looz und Jöschstroot in Eupen (Limburg). In Urkunden finden sich die jetzt nicht mehr üblichen Bezeichnungen Jodenpoel, Judenteich, Joedepoelstrate, JudenteicJistraße, in Brüssel, Jodenberch oder Joedenborch, Judenschloß, Bezeichnung der Synagoge in Löwen, Joedeborne, Judenbrunnen und Jodenbeempde, Judenwiese in Cumplich. Die Frage der ersten Einwanderung der Juden in Flandern läßt sich nicht mit Sicherheit beantworten. Die frühesten Erwähnungen stammen aus dem 13. Jahrhundert. Im Hospital zu Tirlemont wird ein Grabstein aufbewahrt, der zum Andenken an eine gewisse Rebekka, Tochter von R. Moscheh, errichtet war und das Datum 5016 d. i. 1255/6 der bürgerlichen Zeitrechnung trägt. Doch unterliegt es keinem Zweifel, daß ihre Ansiedlung auf eine frühere Zeit zurückgeht, da sich schon in dem Testamente des Herzogs Heinrich III. von Brabant um 1250 die Bestimmung findet, die Juden sollten aus seinem Herrschaftsgebiete vertrieben werden, wenn sie die Darlehensgeschäfte nicht auf gäben; falls sie jedoch wie die anderen Kaufleute vom Handel leben wollten, solle ihnen der Aufenthalt in seinem Lande gestattet bleiben. In den 60er bis 90er Jahren des 13. Jahrhunderts treffen wir flandrische Juden als Käufer von Häusern in Köln, so z. B. einen Godescalcus und seine Frau Jutte aus Brüssel, einen Suskind aus