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Das jüdische Echo · 1917-05-04 · 18 (4.5.1917) · p. Seite 204

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
18 (4.5.1917)
Date
1917-05-04
Page
Seite 204 (sequence 4)
Language
German
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204 Das Jüdische Echo Nr, 18 grobe Tatsachenfälschungen enthalte. So behauptete Herr Wilton, daß er seine Meldungen über die Dorpater Ereignisse auf Qrund von Mitteilungen der Rigaer Behörden abgefaßt habe. Die „Börsenzeitung“ wandte sich daraufhin an den Gouverneur von Riga um Auskunft und erhielt den Bescheid, daß keine Behörde in Riga dem Korrespondenten der „Times“ irgendwelche Auskunft erteilt habe, und daß alle Mitteilungen der „Times“ über jüdische Studentenmiliz, Anarchie und Blutvergießen in Dorpat vollständig erfunden seien.“ Die Massen und ihre Führer. Von Dr. Schmarja L e v i n. Wer die jüdischen Massen in Amerika genau beobachtet, wird folgende interessante Erscheinung gewahr werden. Die Massen werden sich ihrer nationalen Einheit immer mehr bewußt, verlassen den engen Kreis in dem sie sich während der Periode der Anpassung an die neue Heimat bewegt haben und erhalten allmählich eine bessere Auffassung des großen jüdischen Problems. Es geht ihnen allmählich ein Licht auf: sie verstehen in Amerika, daß wie weit entfernt sie auch in geographischer Beziehung von ihren Brüdern in Europa sein mögen, wie verschieden ihre gesellschaftliche und politische Lage auch in diesem Lande sein mag, — daß sie bei alle dem einen Teil des zerstreuten Volkes ausmachen, und daß sein Schicksal sie angeht. Ich denke hier nicht an die rein menschlichen Gefühle des Mitleides mit den unglücklichen Brüdern jenseits des Meeres, die in materieller Unterstützung ihren Ausdruck finden. Ich denke an die Gefühle, die über rein menschliche Sympathie hinausgehen und nur durch die Bande der nationalen Verwandtschaft Zustandekommen. Keine komplizierten Erklärungen sind nötig, um diese Erscheinung verständlich zu machen. Die getrennten Teile des jüdischen Volkes haben nie die gegenseitige nationale Zusammengehörigkeit aufgegeben, auch nicht wenn sie die Hand des Schicksals in den verschiedensten Richtungen zerstreute, so daß keine Verbindung mehr möglich war. Als Beweis dafür brauchen nur die Juden in Westasien und in Südwestafrika genannt zu werden. Aber wir können weiter gehen. Nehmen wir z. B. die Felaschas in Abessinien, deren Herkunft zweifelhaft ist, indem wir nicht genau wissen, ob sie Semiten oder Äthiopen sind. Sogar sie riefen, sobald die Mitteilung von ihrer unerträglichen Lage die Juden des Westens erreicht hatte, mehr als bloße Gefühle des Mitleides hervor. Sie weckten unser Interesse. Wir fingen an sie als einen verloren gegangenen Zweig zu betrachten, der von dem Stamm getrennt worden war. Nicht umsonst haben wir die Legende von den zehn Stämmen geschaffen. Wir brauchen sie als Schutz gegen das Fremdwerden abgetrennter Teile unseres Volkes. Das wandernde Volk fand in dieser Legende ein Gegengift gegen die Kräfte, die seine nationale Einheit zerreißen wollen. Es ist also nicht ein Verhältnis zwischen Glücklichen und Unglücklichen, das sich in der Haltung der amerikanischen Juden, d. h. der jüdischen Massen, den von der Katastrophe betroffenen europäischen Brüdern gegenüber einen Ausdruck gibt. Die jüdischen Massen in Amerika haben also eine Bereitwilligkeit zum Geben an den Tag gelegt, die weit über ein Almosengeben oder ein oberflächliches Erfüllen von Pflichten des Augenblickes hinausgeht. Sie haben einen starken Wunsch an den Tag gelegt, organisiert zu werden, um als Einheit der nationalen Sache dienen zu können. Sie haben verstanden, daß der gegenwärtige Augenblick mehr als persönliche Beiträge verlangt, daß er auch gemeinsame moralische Stütze erfordert. Und gleich vom Anfang an proklamierten die Massen ihren Willen sich zu organisieren, um diese Stütze zu fördern. Man brauchte nur mit diesen Massen in Berührung zu kommen, als der Gedanke des Kongresses zuerst erörtert wurde, um dieses Aufwachen des gesunden nationalen Instinktes deutlich zu merken. Für die Massen gab es keine Detailfragen. Sie verstanden, daß der Kongreß eine Notwendigkeit sei, bestimmt durch die ganze Lage ihres Volkes, und sie waren von diesem Gedanken, von dessen Verwirklichung sie viel hofften und erwarteten, ganz durchdrungen. Sie hofften, daß so wie der kritische Augenblick den Kongreßgedanken geschaffen hatte, würde er auch die richtigen Führer schaffen, die sie auf dem rechten Wege zur Rettung von Vernichtung und Zerstörung führen würden. Es gab viele Symptome, die solche verborgene Mächte ahnen ließen, — Kräfte eines um sein Leben ringenden Volkes, Kräfte, die Wunder schaffen können, wenn sie richtig verwendet werden. Aber die Massen mußten sich auf ihre alten, konservativen Führer verlassen, die sich als nicht der Situation gewachsen erwiesen. Das American Jewish Committee war sehr konservativ; die jüdischen Arbeiterführer zeigten sich noch konservativer und bewiesen, daß Konservatismus weder mit Sozialismus noch mit Radikalismus unvereinbar blieb. Beide Gruppen der Führer, die bis vor einigen Jahren das jüdische Leben in Amerika uneingeschränkt beherrschten, waren unversöhnliche Gegner einer Reorganisierung der jüdischen Kräfte. Zwei entgegengesetzte Instinkte traten hervor: das der Massen, das neue Wege suchte, und das der Führer, das sich sträubte, die alten ausgetretenen Pfade zu verlassen. Die konservativen Führer fürchteten, daß eine Neuerung die Tendenz haben würde, ihre Position und ihren Einfluß zu schwächen, so daß sie, im besten Falle, gezwungen werden würden, die Macht mit anderen zu teilen. Das wünschten sie nicht. Niemand ist bereit, die politischen Zügel fallen zu lassen, gleichgültig ob man sie als gewählter Führer oder bloß als Selbsterkorener inne hat. Die Massen hätten revoltiert, aber sie konnten nicht. Die Situation war gespannt, aber die Massen waren nicht auf eigenem Boden und konnten keinen Widerstand leisten. In einem fremden Lande werden Proteste erstickt weil fremde Umgebungen keinen Wiederhall geben können. In einem fremden Lande kann man nicht Revolution machen, höchstens an den Revolutionen der anderen Anteil nehmen. In dieser Lage befanden sich die Juden Amerikas. Vielleicht wäre der B. Müllers Musikinstitut München Fraunhoferstr. 29 :: Telephon 24540 Inhaber: Bruno Müller, Konzertmeister a. D. Schüler von: Prof. Or. Joseph Joachim, Prof. Dr. Carl Reineoke Prof. Dr. Heinrich Bellermann und Hofoperndirektor Gustav Mahler Unterricht in allen praktischen (Klavier, Violine, Orgel, Cello usw.) u. theoretischen Fächern (Harmonie, Kompositions- und Instrumentationslehre, Kontrapunkt, Fuge usw. einschließlich Musikwissenschaft) von den ersten Anfängen an bis zur künstlerischen Reife für Kinder und Erwachsene (Kinder werden vom 6. Lebensjahre an aufgenommen) Prüfung, Auskunft und Einschreibung kostenlos.

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