Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 17 (27.4.1917)
- Date
- 1917-04-27
- Page
- Seite 198 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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198 Das Jüdische Echo Nr. 17 Deutsche übertragen sind, vermag man die hohen Gedanken und demokratischen Prinzipien, die dem Chassidismus zu Grunde liegen, zu erkennen. Im Folgenden will ich versuchen, Kostproben aus den zerstreuten chassidischen Büchern, der sogenannten „Rebbischen Tora“ zu geben. Aus allen diesen gedankendurchsetzten, von Gottessehnsucht und Menschenliebe bewegten Geschichten, Sprüchen, Gleichnissen und Satzdeutungen sprüht der alte sittlich-religiöse Geist, dem der Chassidismus entsprungen ist, und so wird es auch denen, die dem Chassidismus fernstehen, möglich, in die Psychologie der großen chassidischen Rab¬ bis, dieser Priester im Tempel wahrer Gottesliebe hineinzuschauen und den Adel ihrer Persönlichkeit, ihre Reinheit und Keuschheit zu bewundern. Güdemann schrieb einmal über unsere Thora: „Wer kennt sie nicht und wer wagt zu sagen, daß er sie kennt?“ Diese Frage paßt auch auf den Chassidismus. — Jeder, der jüdische Geschichte kennt, glaubt auch den Chassidismus zu kennen. Dies ist aber nicht so. Um die Gründe des Entstehens des Chassidismus zu verstehen und ihn in seiner Originalität kennen lernen, muß man ein Stück jüdischer Geschichte zurückblättern. Wir müssen uns in die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts zurückversetzen. Damals wurden von Kosakenhorden unter Anführung des Hetmanns Bogdan Chmielnicky wilde Judenpogrome veranstaltet, in deren Verlauf mehr als 700 jüdische Gemeinden zerstört und über 200 000 Juden getötet, verjagt oder verschleppt wurden. Die folgenden Haidamakenaufstände bewirkten eine noch größere Verarmung der jüdischen Massen und die Brachlegung des Gemeindelebens, was naturgemäß eine schreckliche Rückwirkung auf das geistige Leben der Ostjuden zur Folge hatte. Diese Wunden waren noch offen, als die Che remepoche mit ihren furchtbaren Stürmen anbrach, die das ganze europäische und asiatische Judentum aus den Fugen rissen und bis zum Grunde erschütterten. Diesmal waren es Feinde von unserem eigenen Schoße, Schlangen, die sich von unserem Geiste, sättigten um uns dann den Rücken zu kehren: Das Judentum war in Stücke zerrissen und blutete aus tausend Wunden. Besonders erschütternd wirkte das Fiasko der Bewegung des Sabatai Zewi. Das Herz des jüdischen Volkes war durch die enttäuschten Hoffnungen auf eine Erlösung tief verletzt und schien jeder Lebenshoffnung beraubt. Es war ein Glück für das Judentum — jedenfalls für das Ostjudentum, daß gerade um diese Zeit Israel Baalschemtow auftrat. In der Brust des Rabbi Israel Baalschem glühte eine wundertätige Liebe zu seinem Volke, und er, der seit seiner Jugend ein Freund der PfLnzen und der Wurzeln gewesen war, ging aus, Wurzeln und Kräuter zu sammeln, um im Herzen seines Volkes ein neues geistiges Leben anzupflanzen. Der Lehrergehilfe, der „Behelfer“ von Okup grub nach Quellen, um die verdurstende Seele des Volkes zu erquicken. Und mit der verblüffenden Sicherheit, die das Genie kennzeichnet, fand er ohne langes Tasten seinen Weg zu seinen Brüdern. Er war mit einem Herzen voller königlicher Güte und einer ungewöhnlichen Kraft des Gemütes begabt, und so war es ihm ein leichtes, die Seelen der Massen zu erobern. Eine Frömmigkeit, welche die Gesundheit und Heiterkeit der Seele, das Geheimnis der Lebenskraft bedeutet, bildeten den Grundzug seines ganzen Wesens. Durch seine immerwährende Fröhlichkeit war er ein Verkünder von neuen Wegen zu Gott. Der Mensch soll immer freudig sein und soll dem Ewigen in Frohsinn dienen: „Kommt, laßt uns dem Herrn frohlocken“ (Psalm 95.1). „Dient dem Herrn mit Freude, naht ihm mit Gesängen“. Ein Tröster seines Volkes wurde er, und seine aus dem Herzen kommenden Trostworte konnten ungehemmt bis zu dem tiefsten Grund der Seelen seiner Brüder gelangen. Er gehörte nicht zu denjenigen, die ihre Brüder vom Wege, der ihnen von Gott bestimmt und von der Geschichte vorgeschrieben ist, ablenken; er brachte kein fremdes Feuer auf den Altar auf dem er opferte. Sein Handeln war der Ausdruck seiner tiefsten Gläubigkeit und Überzeugungsglut. Die von Baalschem eingeführte Pflicht, das Gebet mit heißer leidenschaftlicher Hingabe und Begierde zu verrichten, erschien vielen als grotesk und anstößig. Grätz berichtet darüber: „Beim Beten machte er rasende Bewegungen mit dem ganzen Körper. Die Bewegung trieb ihm das Blut in den Kopf, machte seine Augen flimmern und versetzte Leib und Seele in einen solchen Zustand der Überreizung, daß er eine Todesschwäche empfand.“ Es ist nun höchst interessant, daß etwa 160 Jahre nach Baalschem, Professor Geheimrat Hermann Cohen folgende Worte in einer Studenten-Monatsschrift niederschrieb: „Wer mit der ganzen Glut seines Herzens, mit Zittern und Beben sein Schema Isroel betet, der und er allein befestigt sein jüdisches Ich unerschütterlich in Geist und Seele“ (K. C.-Blätter, Mai-Juni 1916, S. 645/11). Es ist ferner eine unrichtige Annahme, daß Baalschem oder seine Jünger das Thora- und Talmudstudium als nicht erstrebenswert erklärt hätten. Wer die chassidische Literatur — worunter selbstredend die von den verschiedenen Zaddikim verfaßten Thorabücher zu verstehen sind — unbefangen studiert, dem braucht man nicht noch versichern, daß die Thora, Talmud und Schulchanaruch im MAL-SCHULE F. Potocki u. L. H. Ba llabene, München Unterricht im Zeichnen, Malen und Modellieren, Kopf, Kostüm, Akt und Stilleben. Abend-Akt mit und ohne Korrektur. Vorbereitung zur Akademieprüfung. Anmeldung Dienstag und Donnerstag von 10—12 Uhr. BltitenstraBe 3/11, Gartenhaus. FREY & Co. Bankgeschäft München, Residenzstraße 3 (Eingang Hofgraben) Tel. 27946 Erledigung aller ins Bankfach einschlägigen Geschäfte