Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 17 (27.4.1917)
- Date
- 1917-04-27
- Page
- Seite 193 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 Das Jüdische Echo 193 an der gleichen Hand verschiedene Finger gibt, so müssen in Rußland russische Juden und russische Russen neben einander leben. Keines der beiden Völker darf die bestehenden Unterschiede übersehen; ein jedes muß seine Eigenart zu festigen suchen; es muß zugleich auch bemüht sein, im anderen Volke das seinem Verständnis Zugängliche zu erfassen und das ihm Unverständliche nicht zu fürchten. Darin besteht das Wachstum eines jeden Volkes, und das ist der wahre Nationalismus. Eine fremde Frau wird niemals meine Mutter sein; der Jude wird mir niemals so nahe sein, wie es ein Russe zuweilen sein kann. Doch ich verehre auch die fremde Frau, weil ich weiß, daß sie jemandes Mutter ist. Die Verschmelzung der Völker gehört der Zukunft an, und gewiß gibt es keine Grenzen für ihre Annäherung. Damit aber dieser Prozeß wirklich von statten geht, müssen wir ehrlich und menschlich den bestehenden Zustand erkennen und stets daran denken, daß wir verschieden und dabei gleich sind, daß es keine besseren und schlechteren Völker gibt, und daß jedenfalls nicht wir es sind, die darüber zu entscheiden haben, ebenso wie es nicht unsere Sache ist, die Schicksale der Völker zu bestimmen. Es steht uns frei, entweder unsere Würde zu wahren, oder sie in den Schmutz zu treten. In der Judenfrage hat der herrschende Teil des russischen Volkes seine eigene Würde in den Schmutz getreten.“ Mitgeteilt von Die russische Revolution und die Judenfrage in Polen. Von S. Hirchihorn. Warschau. Wir entnehmen diese Ausführungen dem Warschauer „Moment“. Während die russische Revolution noch nicht zum Abschluß gelangt ist, erblicken in ihr die polnischen Journalisten bereits die zukünftige Lösung der Judenfrage in Polen. Die Gleichberechtigung der Juden in Rußland — behaupten sie — wird den größten Teil der polnischen Juden zur Auswanderung bewegen, der kleine Rest wird sich dann in Polen assimilieren, und die Judenfrage ist somit gelöst. In Wirklichkeit haben diese Hoffnungen der polnische^ Antisemiten sehr wenig Aussicht auf Verwifklichung. Zunächst muß man bedenken, daß die Juden nur in solche Länder emigrieren, die in kapitalistischer Hinsicht gut entwickelt sind, was in Rußland in absehbarer Zeit noch nicht der Fall sein kann. Des weiteren ist nicht zu übersehen, daß außer den von den Zentralmächten okkupierten Gebieten von Polen und Litauen in Rußland selbst noch 3 Millionen Juden im engen Ansiedelungsrayon zusammengepfercht in Not und Elend leben, so daß man zunächst mit der Auswanderung eines großen Teiles dieser Juden nach dem Innern Rußlands rechnen muß; dann kommen erst die l'itauschen Juden in Betracht und ganz zuletzt die polnischen. Wenn wir die Zahl dieser Auswanderer mit 100 000 jährlich veranschlagen, so ersehen wir, daß die polnischen Juden noch mehrere Jahrzehnte zu warten haben, bis die Reihe an sie kommt; ganz abgesehen von dem natürlichen Zuwachs der Juden in dieser Zeit und der noch nicht vorauszusehenden politischen Verschiebungen, die inzwischen eintreten können. Die russischen Juden, die mit der Sprache und den Sitten des Landes gut vertraut sind und sich den russischen Verhältnissen leicht anpassen können, werden sicherlich bei der Auswanderung ins innere Rußland vor allem berücksichtigt werden. Außerdem wird auch die liberalste russische Regierung zunächst an die Besserung der Lage ihrer eigenen Juden als an die der Juden Polens denken, die doch für Rußland Ausländer sind und wahrscheinlich auch bleiben werden. Noch weniger kann die Hoffnung der Polen auf eine Schwächung der nationalen Bewegung bei den Juden in Erfüllung gehen; gerade das Gegenteil davon ist sehr wahrscheinlich. Rußland hat keinen Mangel an Arbeiterkräften, wohl aber an kapitalkräftigen und unternehmungsfähigen Elementen, die Fabriken, Banken und Handelsunternehmungen gründen könnten. Wenn also die russische Freiheit eine Anzahl Juden nach Rußland locken wird, so werden es vornehmlich kapitalistische Elemente sein, die schon auch jetzt in Polen der Assimilation sehr nahe stehen. Diese Wahrscheinlichkeit wird noch durch den Umstand bekräftigt, daß die Tätigkeit der jüdisch-kapitalistischen Kreise in Polen nach dem Kriege noch beschränkter als vorher sich gestalten wird; jedenfalls muß mit dem Sinken der Rentabilität des Kapitals in Polen gerechnet werden. Zweifellos wird nach Rußland auch ein Teil der jüdisch-polnischen Intelligenz auswandern, die im Besitze russischer Hochschuldiplome ist unö daher dort auch leicht Beschäftigung finden kann. Die polnischen Antisemiten bilden sich ein, daß es die litauischen Juden sind, die die jüdisch-nationale Bewegung in Polen hervorgerufen haben und daß mit der Abwanderung dieser jüdischen Elemente die jüdisch-nationale Bewegung in Polen aufhören wird. Allerdings haben die litauischen Juden seinerzeit einen Einfluß auf die nationale Bewegung der polnischen Juden gehabt; diese letzteren sind aber in nationaler Hinsicht schon längst ihren Kinderschuhen entwachsen und können sich auch ohne die litauischen Juden national gut weiter entwickeln. Im Übrigen ist gar nicht einzusehen, warum gerade die litauischen Juden zuerst aus Polen auswandern sollen; wenn die Abstammung weniger ausschlaggebend ist als die Vermögensverhältnisse und die Beschäftigung. Schließlich wird die Schaffung neuer jüdischer Zentren in Rußland die national-jüdische Bewegung in Polen noch mehr fördern; denn es ist doch nicht anzunehmen, wie manche polnische Publizisten glauben machen wollen, daß die russischen Juden jetzt auf ihre nationalen Rechte verzichten werden. Das nationale Selbstbestimmungsrecht der Juden ist von allen fortschrittlichen Parteien anerkannt. Die polnischen Diplomaten würden besser tun, der kommenden Wirklichkeit offen ins Gesicht zu schauen, anstatt Märchen über die zukünftige Vernichtung der jüdischen Nationalität zu verbreiten. Englische Hetze gegen die russischen Juden. Unter dieser Überschrift zitierten wir in der vorigen Nummer des „J. E.“ folgende Betrachtung der „Times“: „Es tut mir leid, sagen zu müssen, daß die Juden sich nicht gut aufführen. Sie sind freie Bürger Rußlands geworden, verraten aber kein Gefühl der Verantwortlichkeit, das ihrer neuen Stellung angemessen wäre. Ähnliche Klagen gehen