Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 17 (27.4.1917)
- Date
- 1917-04-27
- Page
- Seite 192 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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192 Das Jüdische Echo Nr. 17 künden, die Konstituante betreten. Und dann, wenn die Zeit der Festlegung der Gesetze für ein friedliches Zusammenleben der Völker Rußlands gekommen sein wird, wird das jüdische Volk seine nationalen Forderungen vorlegen, Forderungen der Anerkennung seines Rechtes auf ein freies Volksleben. Das neue freie Rußland kann nicht auf dem Druck der Völker und auf der nationalen Knechtung der Judenheit gebaut werden. Vor zehn Jahren formulierten wir klar auf unserer Tagung zu Helsingfors unsere Stellung zu den nationalen Aufgaben des Judentums in der Diaspora. Damals wurde ein Programm unserer national-politischen Forderungen in Rußland festgelegt. In den Unglückstagen der Reaktion konnte dieses Programm nicht vollständig dufchgeführt und verwirklicht werden. Wir blieben ihm aber treu. Heute erhalten die Grundlagen des Helsingforser Programmes eine reale Bedeutung, als Richtschnur für unser ganzes politisches Auftreten in Rußland. Treu den Prinzipien des Helsingforser Programms werden wir unter den freien Bedingungen des neuen Rußlands das Werk der jüdischen Regeneration schaffen, dieser Regeneration, die für unser exterritoriales Volk in der Schaffung eines freien nationalen Zentrums in Palästina ihre Vollendung hat. Wir werden dies Werk der jüdischen Regeneration schaffen, indem wir die Freiheit der Organisierung der russischen Judenheit erstreben werden, die Freiheit der Entfaltung ihres nationalen Lebens und ihrer produktiven Kräfte. Wir werden das Werk der Regeneration des jüdischen Volkes schaffen, indem wir diese produktiven Kräfte konzentrieren und auf den historischen Weg des Zionismus richten werden. In den Tagen des Weltkrieges — dieses Wendepunktes im Leben der Menschheit — kann und dar! kein Volk, das die Gefahr des Todes bannen will, die Gebote seiner Geschichte, sein altes Streben nach Erde und Freiheit vergessen. Zionisten, seid durchdrungen von der Erhabenheit des Momentes, von der Verantwortung vor dem Volke! Schließt euch in festen Reihen zusammen und, indem ihr das neue Rußland in seiner Befreiungsarbeit unterstützt, ruft das Judentum zur Festigung und Vereinigung seiner nationalen Kräfte, zur Organisierung der Nation! Entfaltet eure schöpferische Arbeit im neuen freien Rußland! Petersburg, den 3. März 1917 (a. S.) Das Zentralkomitee der Zionistischen Organisation in Rußland. Die Konferenz aller zionistischen Organisationen in Rußland, die unter dem Vorsitz von Dr. E. W. Tschlenow, Mitglied des engeren Aktions- Komitees, am 3. April in Moskau stattfand, beschloß, herzliche Begrüßungstelegramme an das LUDWIG MURR Damenfriseur SPEZIAL-DAMEN - SALON NÜR FÜR DAMEN Residenzstrasse 17/1 SALON FÜR DAMEN ÜND HERREN Parkhotel Maximiliansplatz 21 S P E Z I R L 11 ft T: Künstlerisch ausgeführte E R S R T Z- FRISURErt, dem natürlichen Haaransatz voll u. ganz angepaßt engere Aktions-Komitee, an Herrn Dr. Jacobson, als Leiter des Kopenhagener Bureaus der Zionistischen Organisation, an die Herren Dr. Max Nordau und Louis D. Brandeis sowie an alle zionistischen Föderationen zu senden. Durch die politische Amnestie der neuen russischen Regierung sind eine Anzahl von Zionisten, die wegen ihrer Zugehörigkeit zur Zionistischen Organisation von der alten Regierung nach verschiedenen Orten Sibiriens verschickt worden waren, nach ihren Wohnorten zurückgekehrt. Es sind darunter Zionisten aus Witebsk und Odessa. Unter andern wurde auch der bekannte hebräische Schriftsteller und Zionist M. Kleinmann befreit, der nach Saratow verbannt war. Am 6. März hat die zionistische Organisation in Minsk einen großen Umzug in den Straßen veranstaltet Unter Vorantragung der jüdisch-natia* nalen Fahne zog eine tausendköpfige jüdische Menge unter Absingung zionistischer Lieder durch die Stadt. Die Demonstration wurde von der Bevölkerung warm begrüßt. Die Stadtverwaltung hat die Minsker Zionisten aufgefordert, zwei Delegierte in das provisorische Stadtkomitee zu wählen. Russen und Juden. Heute, wo in Rußland die Emanzipation der Juden proklamiert ist ist es nicht uninteressant, das Urteil einer bedeutenden Russin, nämlich der bekannten Dichterin und Kritikerin Sinaida Hippius, der Gattin Mereschkowkijs zum Problem „Russen und Juden“ zu hören, das schon vor sechs Jahren (in der Monatsschrift „Russkaja Mysl“, 1911) zu lesen war: „Ich meine, daß die Judenfrage in Rußland so zugespitzt ist, die Art und Weise, wie sie gewöhnlich behandelt wird, so gemein und niederträchtig, und unsere daraus resultierende Schuld gegen die Juden so groß ist daß wir nicht länger schweigen dürfen. Wir müssen uns ein für allemal gewöhnen, diese Frage aus einem andern Standpunkte zu betrachten, als es gewöhnlich geschieht Wir dürfen nicht länger so tun, als ob der Jude und der Russe dasselbe wären. Der Russe, der den Unterschied nicht sehen will, erniedrigt sich damit selbst und den Juden. Warum übersieht er den Unterschied? Doch nur weil tief in seiner Seele der rohe Gedanke sitzt: „Wenn ich anerkenne, daß wir verschieden sind, so anerkenne ich damit auch, daß der Jude minderwertiger ist als ich.“ Die bloße Möglichkeit eines solchen Gedankenganges zeigt die ganze Tiefe unserer seelischen und intellektuellen Kulturlosigkeit. Gewiß sind wir verschiedene Menschen. Die Romanen sind uns ja auch fremd und von uns verschieden; doch der Jude unterscheidet sich von uns noch weit mehr: die jüdische Rasse, das jüdische Blut, das jüdische Volk sind dermaßen eigenartig und in ihrer eigenen Vollkommenheit so wunderbar, daß es zwecklos und gewissenlos ist, die Juden willkürlich mit einem anderen Volke in einen Haufen zu werfen und die bestehenden Unterschiede zu verwischen. Der Jude und ich — wir sind beide Menschen; der Zeigefinger und der Ringfinger an der gleichen Hand sind beide Finger; doch ich werde niemals sagen, daß sie ganz gleich sind, oder daß der eine besser ist, als der andere; jeder Finger hat seinen Platz an meiner Hand und seine Bestimmung. Ebenso wie es