Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 16 (20.4.1917)
- Date
- 1917-04-20
- Page
- Seite 184 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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184 Das Jüdische Echo Nr. 16 So konnte ich denn ganz unbefangen und voraussetzungslos das Gebotene auf mich wirken lassen. Erste Überraschung: nach wenigen Minuten der Gewöhnung konnte man dem Dialog fast hemmungslos folgen. Das Jidisch, mindestens in der Form, in der es auf diesem Theater gesprochen wurde, ist ein schnurriges Gemisch aus deutschen, namentlich süddeutschen Dialektworten, östlichen Einsprengseln und in dieser Mischung seltsam prätentiös einherstelzenden hochdeutschen oder gar zeitungsdeutschen Wendungen. Den Zusammenhang erfaßt man indessen schon sehr bald. An der Front hatte ich während der Sommeroffensive 1915 häufig Gelegenheit gehabt, mit polnischen Juden zu sprechen, welche den Kosaken entronnen waren. Mit diesen war allerdings die Verständigung schwerer gewesen. Das Theaterjidisch der Nationalbühne scheint doch eine stark geläuterte Form. Zweite Überraschung: das Stück. Nach kurzer Zeit war ich mir darüber klar, daß ich es keineswegs mit einem Volksschauspiel, sondern mit einem durchaus „literarischen“ Werke zu tun haben müsse. Meine Verwunderung löste sich, als ich in der Pause endlich den Theaterzettel erblickte: es war Henri Natathansens Drama „Hinter Mauern“. Seine Mahnung, aus der Enge überkommenen Weltanschauungen diesseits und jenseits der Ghettomauern ins freie Menschentum sich hinauszuretten, weckte am Schluß einen wütenden Beifall des Publikums, das den jüdischen Mittelstand von Wilna zu umfassen schien, eine ausgesprochene Oberschicht gegenüber den Typen, die wir morgens bei flüchtiger Durchfahrt durch das eigentliche Ghetto an uns vorüberhuschen gesehen. Das Lodzer jüdische Gymnasium für Knaben (mit zwölf Abteilungen) zählt jetzt 431 Schüler; das Mädchengymnasium (mit 5 Abteilungen) 100 Schülerinnen. Als Lehrer der jüdischen Geschichte und Literatur und der talmudischen Wissenschaften ist Dr. phil. Simchowitz aus Berlin berufen worden. Eine Versammlung amerikanischer Juden fand in Philadelphia zu Gunsten der jüdischen Kriegsnot statt. Vor 2500 Personen hielten Dr. Magnes. Rabbiner Lewinthai, Rabbiner Klein. Scholem Asch und Rabbiner Dr. Berkowitz ergreifende und packende Ansprachen; annähernd 400 000 Fr. wurden gesammelt. Dr. Berkowitz sagte u. a.: Was andere nicht sagen dürfen, wir in unserem freien Lande dürfen es auszusprechen wagen. Amerika, so wird uns versichert, ist eine christliche Nation. Das Christentum, so wird es beansprucht, enthalte alle Tugenden. Gut, dann müssen wir alle, ob Christ oder Jude, darauf achten, daß Amerika danach lebe. Ist es zu viel, von einem christlichen Volke zu verlangen, daß es | (Kgf. ‘Bayer, m ‘Porzeffan* E 1 ‘Manufaktur ™ ‘Kympfenburg 1 (Hauptniederlage HTlüncßen: Qdeonsplat) 1 ß (Kunst ° u. ßuxusgegenstände, Cafel*, bessert», » M (Kaffee» u. Ceegescßirre, Figuren, Gruppen etc. £ Bnacü aften ‘Jlymphenburger Original. VKodefien. ff (Außerdem neue formen und clRode((e nacfi Gnt» ß W würfen erster Hlüncßner (Künstler. g eine christliche Tat vollbringe? Möge dieses Land damit aufhören, die Instrumente des Mordens und der Zerstörung auf seinen Schiffen hinauszusenden; mögen seine Männer aufhören, sich mit blutigem Gelde zu bereichern . . . Mögen die Juden die ersten sein, die gegen die Heuchelei protestieren, die sich mit einer Hand bereichert und mit der andern die Kriegsopfer bejammert. Das Protestieren ist unsere Aufgabe seit Abraham, der gegen die Heidenwelt protestierte . . . Nicht was den Tod bringt, sondern das, was Leben rettet, sollen wir hinübersenden. („Jewish Exponent“. 2. Febr. 1917.) Englische Hetze gegen die russischen Juden. Der Petersburger Vertreter ddr „Times“, dler den Kriegsminister Gutschkow nach Riga begleitete, macht in einer Depesche von dort einen merkwürdigen Angriff auf die russischen Juden. Er sagt: „Die Nachrichten aus Dorpat sind weniger befriedigend. Die jüdischen Studenten an der Universität errichteten ihre eigene Miliz und verwarfen die Autorität der lokalen Miliz und der provisorischen Regierung. Unter dem Einfluß der Anarchie, die dadurch entstand, kam es zu Blutvergießen und Plünderungen. Es tut mir leid, sagen zu müssen, daß die Juden sich nicht gut aufführen. Sie sind freie Bürger Rußlands geworden, verraten aber kein Gefühl der Verantwortlichkeit, das ihrer neuen Steilung angemessen wäre. Ähnliche Klagen gehen mir auch aus Petersburg zu. Heißblütige und hysterische junge Juden spielen leider die schlimmsten Demagogen und den äußeren Feinden Rußlands in die Hände.“ Sollen drohende Progroms im voraus für die englische Öffentlichkeit gerechtfertigt werden? Die Schilderung der Verhältnisse in Dorpat ist eine handgreifliche Lüge, da die dortige Universität nur 40 jüdische Studenten aufweist. („M. N. N.“) Die Juden im russischen Heere. Der „Russkij Invalid“ teilt mit, daß bis zum 1. Januar d. J. 8681 jüdische Soldaten in Rußland mit dem Georgskreuz ausgezeichnet worden sind, darunter 635 I. Klasse, 982 II. Klasse, 1296 III. Klasse und 5768 IV. Klasse. Medaillen haben bekommen bis 1. Januar: 11 374 Juden I. Klasse, 14 100 II. Klasse. 26 636 Juden wurden zu Gefreiten, Unteroffizieren, Feldwebeln usw. befördert. Eine Synagoge in Brasilien. Nach einer Meldung des „J. Chr.“ wurde kürzlich in Sao Paulo der Grundstein zu einer Synagoge, der ersten in Brasilien gelegt. Literarisches Echo Jüdisches Archiv. Lieferung 8/9. Sonderheft. R. Löwit, Wien. 1 Mark. Vorliegendes Sonderheft behandelt die Lage der Lemberger Juden unter der Russenherrschaft und hat Professor S. Bomberg-Witkowsky, der die russische Invasion miterlebt hat, zum Verfasser. Die Überschriften der einzelnen Kapitel lauten: Die politische und ökonomische Lage der Juden; Die russische Methode; Der blutige Sonntag; Preistreiberei und Brotwucher; Der Rubelkurs; Die Juden küssen Kosakenpferde; Die Ochrana; Die Cafeklubs; Die Befreiung und Versorgung der Gefangenen; Die Notstandsaktion und das jüdische Hilfskomitee. Die Schilderung ist streng sachlich und eben darum packend. Das Heft bietet reiches Material zur Leidensgeschichte der galizischen Juden in diesem Kriege sowie auch zur russischen Kriegs-Kulturgeschichte.