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Das jüdische Echo · 1917-04-20 · 16 (20.4.1917) · p. Seite 181

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
16 (20.4.1917)
Date
1917-04-20
Page
Seite 181 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 16 Das Jüdische Echo 181 Posen die Landwirtschaft auf viel höherer Stufe steht, als in Kongreßpolen. Die landwirtschaftliche Betätigung der Juden in Polen war bisher fast ein Ding der Unmöglichkeit. Wohl konnte der Jude nach dem Gesetz in Polen Boden erwerben und bearbeiten, aber verschiedene administrative Vorschriften und die allgemeine Rechtlosigkeit der Juden machten es ihnen in der Praxis fast unmöglich, sich der Landwirtschaft zu widmen. Heutzutage zweifelt niemand mehr an der Befähigung der Juden zur Landarbeit und Landwirtschaft. Nicht allein die blühenden Kolonien in Palästina und Argentinien, sondern u. a. die vielen selbständigen lanwirtschaftlichen Siedelungen der Juden in Südrußland, die unter den stärksten Hemmnissen der russischen Regierung zu leiden haben, lassen keinen Zweifel mehr an der agrarischen Befähigung der Juden auf kommen. Auch in der jetzigen Kriegszeit wurden Versuche mit der Beschäftigung der Juden in der Landwirtschaft gemacht, die gute Resultate ergaben. Eine besondere Befähigung zeigen die Juden für den Obst¬ und Gemüsebau, sowie auch für die Aufzucht und Pflege von Kleinvieh und Geflügel. Im Zusammenhang mit dem Besuch Dr. Auhagens in Polen, wird das Gerücht verbreitet, daß man die polnischen Juden in großen Massen der Landwirtschaft zuzuführen beabsichtigt. Die Verwirklichung dieser Pläne kann in vielfacher Hinsicht nutzbringend sein. Zunächst wird eine Anzahl Juden dadurch eine gute landwirtschaftliche Vorbildung bekommen, um nötigenfalls nach dem Kriege in Palästina oder anderen Ländern sich ansiedeln zu können. Für diejenigen aber, die im Lande verbleiben werden, kann die Landwirtschaft eine gesunde und zugleich einträgliche Beschäftigung abgeben. Den Antisemiten, die den Juden eine Scheu vor schweren Arbeiten vorwerfen, wird damit der Boden unter den Füßen entzogen. Von besonderem Wert ist die Bildung einer Agrarklasse bei den Juden in ökonomischer und nationaler Hinsicht: die jüdischen Landwirte werden leicht jüdische Abnehmer für ihre Produkte finden, so daß viele Juden von den polnischen Bauern weniger abhängig sein werden, als sie es bisher waren. Nicht zuletzt kann eine ausgedehnte Beschäftigung der Juden in der Landwirtschaft zu ihrem körperlichen Aufleben beitragen. Haben die städtischen Berufe im allgemeinen eine körperliche Schwächung der Arbeiter-Bevölkerung mit sich gebracht, so haben die Juden in Polen, die durchweg in den Städten leben und ohnehin eine besondere Neigung für geistige Beschäftigung aufweisen, durch den Mangel an gesunder Betäti- B. Müllers Musikinstitut München Fraunhoferstr. 29 :: Telephon 24540 Inhaber: Bruno Müller, Konzertmeister a. D. Schüler von: Prof. Dr. Joseph Joachim, Prof. Dr. Carl Reineoke, Prof. Dr Heinrich Bellermann und Hofoperndirektor Gustav Mahler Unterricht in allen praktischen (Klavier, Violine, Orgel. Cello usw.) u theoretischen Fächern (Harmonie, Kompositions- und Instrumentationsiehre, Kontrapunkt, Fuge usw. einschließlich Musikwissenschaft) von den ersten Anfängen an bis zur künstlerischen Reife für Kinder und Erwachsene (Kinder werden vom 6. Lebensjahre an aufgenommen) Prüfung, Auskunft und Einschreibung kostenlos. gung in gesundheitlicher Beziehung noch mehr zu leiden. Die Schaffung einer ansehnlichen landwirtschaftlichen Klasse könnte also den Juden in nationaler, ökonomischer und physischer Beziehung sehr viel nützen. Die jüdische Kulturkonferenz in Warschau. In der soeben stattgefundenen Konferenz, an der die Vertreter von etwa 100 jüdischen Kulturinstitutionen und Vereinen teilnahmen. wurde besonders ausführlich die jüdische Volksschulfrage behandelt; über dieses Thema wurden mehrere gediegene Vorträge gehalten und wichtige Entschlüsse gefaßt. Der einstimmig angenommene Antrag Sußmann zur jüdischen Schulfrage lautet: Von dem Standpunkt ausgehend, daß die jüdische Volksschule einen nationalen Charakter haben muß, d. h. daß der Unterricht in der Muttersprache der Schüler erteilt und das Lehrprogramm wie Unterrichtsmethoden den Bedingungen der nationalen Umgebung angepaßt werden müssen; daß das Volk selbst über alle einschlägigen Schulfragen zu entscheiden hat; daß die jüdische Bevölkerung in Polen eine besondere nationale Gruppe bildet und daß die Kulturinteressen des weitaus größten Teiles dieser Gruppe nur durch eine jüdische Schule mit jüdischer Unterrichtssprache befriedigt werden können; ferner daß die Schule eine unentgeltliche, obligatorische und weltliche sein muß, — verlangt die jüdische Schulkonferenz die Schaffung eines jüdischen Schulrates, dessen Mitglieder von der gesamten jüdischen Bevölkerung auf Grund des allgemeinen, direkten, geheimen und Proportionellen Wahlrechtes zu wählen sind, und der die Mittel für die Errichtung der jüdischen Volksschulen aufzubringen und diese zu verwalten hat. Ein weiterer angenommener Antrag besagt, daß der jüdische Schulrat in gegenseitigem Einvernehmen aller Parteien und Richtungen im jüdischen Volke gebildet werden muß. Einstimmig wurde auch der Antrag Schatan angenommen, der die Gründung von Fröbelkursen zur Heranbildung jüdischer Kindergärtnerinnen fordert. Weitere zwei Beschlüsse fordern die Gründung eines jüdischen Lehrerseminars, sowie eines jüdischen Schulverbands für ganz Polen. Bezüglich des Handwerks in den jüdischen Volksschulen wurde der Antrag Schwalbe in folgender Fassung angenommen: Zur Entwicklung produktiver Kräfte in der jüdischen Volksmasse ist es erforderlich, daß in allen jüdischen Schulen jeglicher Art das Prinzip des Handfertigkeitsunterrichts eingeführt werde. Ferner sollen die jüdischen Gemeinden bestrebt sein, nach Möglichkeit jüdische professionelle Handwerkerschulen ins Leben zu rufen. Der gleichfalls angenommene Antrag der Frau Hochberg verlangt die Einführung des Instituts von Wanderlehrern, die den kleinen jüdischen Gemeinden in der Einrichtung von Volksschulen und Abendkursen behilflich sein sollen. Eine besonders lebhafte Debatte entwickelte sich vor der Abstimmung über die Anträge bezüglich des hebräischen Unterrichts in der Volksschule. Der Vorsitzende schlägt vor, alle diesbezüglichen Anträge einer besonderen Kommission zu übergeben. Gegen diesen Vorschlag wenden sich viele Redner, darunter auch der bekannte Schriftsteller Hillel Zeitlin, der die Frage der hebräischen Sprache in der Volksschule für ebenso wichtig hält wie die der jüdischen; sie müsse daher nicht

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