Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 16 (20.4.1917)
- Date
- 1917-04-20
- Page
- Seite 180 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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180 Das Jüdische Echo Nr. 16 einem dieser Volksstämme angehören, sich in Register eintragen lassen und Steuern für ihre eigenen Schulen zu bezahlen haben. Nachdem Freiherr v. Rechenberg dieses Recht der Minoritäten näher ausgeführt hat, kann er nicht umhin, auch die J u d e n in Polen zu erwähnen. Und nun gelangt er zu einem nicht mehr ungewöhnlichen Schluß: was den übrigen Minoritäten im Lande recht ist, das soll den Juden — die im Weichselgouvernement über 12, im Gouvernement Kowno 14, im Gouvernement Wilna 13, im Gouvernement Grodno 19 Prozent der Bevölkerung ausmachen — keineswegs billig sein. Weshalb? Herrn v. Rechenbergs Gründe sind etwas erstaunlich: erstens, weil die Juden nicht nur eine nationale, sondern auch eine Religionsgemeinschaft sind und „alle übrigen Religionen, Christentum, Buddhismus, Zoroasterglaube ein nationales Moment nicht kennen“. Eine Motivierung, die man einem deutschen Freiherrn — trotz ihres Mangels an Logik — wohl hingehen lassen muß, nachdem sie selbst von einer größeren Anzahl von Juden verbreitet wird. Bedauerlicher ist es, daß der Verfasser des Aufsatzes den Juden deshalb das Recht auf eine jidische Schule aberkennen möchte, weil er — von den man ja, wenn er nicht die kulturellen Rechte der polnischen Juden zu beschränken vorschlüge, eine genaue Kenntnis der jidischen Sprache nicht verlangen könnte —, das Jidische als einen Dialekt bezeichnet, dem etwas Komisches und Entschuldigendes anhaftet, weil er angeblich die Grundlage für die Verbrechersprache bildet. Die Beeinträchtigung der jidischen Sprache soll angeblich im Interesse der Juden selbst liegen, denn: „mögen sie (die Juden) auch sonst gesetzlich den übrigen Staatsbürgern gleichstehen, so müssen sie durch eine Sprache, die von allen und auch von ihnen selbst als minderwertig betrachtet wird, in der allgemeinen Achtung zurückgehen; mindestens würde es ein erhebliches Hindernis für die soziale Gleichberechtigung sein.“ Dem Vorschläge des Verfassers nach sollen deshalb die Juden ihre Kinder in die polnische Schule schicken, doch soll es ihnen frei bleiben, sich evtl, auch in die litauischen, ukrainischen oder deutschen Matrikel einzutragen und ihre Kinder in Schulen mit einer dieser Sprachen unterrichten zu lassen. Nur eigene jüdische Matrikel sollen beileibe nicht geschaffen werden! Die merkwürdige Logik dieses Vorschlages ist zu alt, um hier nochmals darauf einzugehen. Nur einen einzigen Punkt aus dem betreffenden Aufsätze, der recht geeignet ist, verwirrend — auch auf jüdische Leser — zu wirken, möchten wir hier herausgreifen. Freiherr v. Rechenberg sagt nämlich: „Es ist hierbei zunächst übersehen worden, daß eine derartige Identifizierung der Religion mit einer Nationalität in Zukunft auch für alle nach Polen zuwandernden Juden wirksam sein würde. So müßte, falls dieser Vorschlag angenommen wird, ein Reichsangehöriger jüdischen Glaubens, der aus Geschäftgründen seinen Wohnsitz in dem Königreich Polen nimmt, seine Kinder dort in die jidische Schule schicken und in dem jidischen Jargon unterrichten lassen.“ Selbst wenn dieser Schluß kein Trugschluß wäre, könnte er schwerlich als Argument gegen die ' Gleichberechtigung der jidischen Sprache herangezogen werden. Freilich, wer sich immer einreden läßt, daß das Jidische ein komischer Dialekt und ein Verbrecherkauderwelsch ist. dem mag der Gedanke unerträglich sein, daß ein aus einem anderen Lande nach Polen ziehender Jude sich dieser Sprachgemeinschaft anschließen müsse. Wer aber die wertvolle jüdische Literatur kennt und von der Entwicklungsfähigkeit der jidischen Sprache überzeugt ist, dem mag die Aussicht, seine Kinder in jidische Schulen zu schicken, keineswegs so fürchterlich erscheinen wie Herrn v. Rechenberg. Ja, er mag sogar ahnen, daß sich ihnen dort manches Rätsel der Seele eines Volkes erschließen wird, das ihnen im Westen verborgen bleibt. Was aber diese Schlußfolgerung völlig entwertet, ist die Tatsache, daß sie ein Tru^chluß ist: Selbstverständlich wird man einen Juden ebensowenig wie den Angehörigen irgendeiner andren nationalen Minorität in Polen zwingen dürfen, sich in diese oder jene Matrikel einzutragen, sondern das muß selbstverständlich dem Willen des Einzelnen überlassen bleiben. Infolgedessen steht es auch dem aus andern Ländern Zuziehenden frei, sich die nationalen Gruppe auszuwählen, der er angehören will. Und wer es vorzieht, seine Kinder in die deutsche oder die litauische Schule zu schicken, dem wird keine Regierung dies verwehren dürfen. Der Verfasser des besprochenen Artikels wird aber erstaunt sein zu hören, daß es Hunderte und Tausende von Juden in ös^’-reich, England, Amerika, ja sogar Deutschland gibt, die es bei einigermaßen geregelten Verhältnissen im jüdischen Schulwesen vorziehen werden, ihre Kinder in jidische Schulen zu schicken, anstatt sie den Demütigungen auszusetzen, die ihnen z. B. in polnischen Schulen bereitet werden. Oder glaubt Herr v. Rechenberg wirklich, daß diese Demütigungen dadurch 'aufhören werden, daß die Juden nicht mehr ihre eigene Sprache reden? Uns scheint, daß die soziale Geringschätzung, unter der sie heute leiden, nur dadurch beseitigt werden kann, daß ihnen scharf umgrenzte Gesetze diejenige wirtschaftliche und kulturelle Entfaltung sichern, deren sie heute entbehren. H. H. C. Die polnischen Juden und die Landwirtschaft. Diesen Aufsatz entnehmen wir ebenso wie den in der vorletzten Nummer erschienenen „Zur Hebung des jüd. Handwerks in Polen“ einer Artikelserie über die zukünftige Erwerbstätigkeit der Juden in Polen, die M. F r i s c h 1 ä n d e r im Warschauer „Moment“ erscheinen läßt. Die landwirtschaftliche Betätigung wird voraussichtlich in der Zukunft Polens eine große Rolle spielen. Schon jetzt gilt Polen als ein vorwiegendes Agrarland; unter der russischen Herrschaft stand es aber noch auf einer niederen Stufe landwirtschaftlicher Entwicklung. Polens landwirtschaftliche Produkte reichten nicht einmal zur Deckung des eigenen Bedarfes des Landes, so daß Polen auf den Import aus Rußland angewiesen war, Polen kann aber bei entsprechender Verbesserung der technischen Produktionsmittel nicht allein seine eigenen Bedürfnisse decken, sondern auch landwirtschaftliche Produkte exportieren. Die mangelhafte Entwicklung der polnischen Landwirtschaft beruhte bisher vornehmlich auf dem beschränkten Eisenbahnverkehr, dem Mangel an gut angelegten Straßen und dem niederen Bildungsgrad des polnischen Bauern, die nur selten von den modernen landwirtschaftlichen Errungenschaften Gebrauch machten. Daß die Zukunft in dieser Beziehung eine Besserung bringen kann, ist schon daraus ersichtlich, daß in Galizien und