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Das jüdische Echo · 1917-04-20 · 16 (20.4.1917) · p. Seite 178

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
16 (20.4.1917)
Date
1917-04-20
Page
Seite 178 (sequence 2)
Language
German
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178 Das Jüdische Echo Nr. 16 intuitiv, vielleicht sogar unbewußt in die architektonische Sprache übertragen zu haben. Die angewandten Mittel — Eisenbeton, ausgiebige Benützung elektr. Lichteffekte, durchaus moderne Farbenwirkungen — sind vollkommen neu, doch der im neuen Kleide lebende Geist ist echter, alter, jüdischer Geist. Die Tradition des jüdischen Tempelbaues ist im Wesentlichen gewahrt: selbstverständlich ist der ganze Bau nach Osten — zum Misrach — orientiert; selbstverständlich ist für die Frauen eine eigene Galerie bestimmt; auch daß nach der Straße zu nur die schlichten Dienstwohnungen liegen und der ganze Prunk und Aufwand architektonischer Mittel im Innern konzentriert ist, beruht auf Tradition. Selbst der traditionelle „Schulhof“ fehlt nicht; nur daß er eben anders aussieht, als der Schulhof in Krakau oder Prag. Gegen die Tradition ist dagegen die Davidstatue im Vorraum und das elektrische Ner Tomid. Das Antitraditionelle nimmt aber dem Bauwerke nichts von seinem jüdischen Geiste, und andererseits hat man auch nicht den Eindruck, daß dieser Geist ausschließlich von den anderen, ausgesprochen traditionellen Details abhinge. Es ist eben etwas anderes, was das Bauwerk jüdisch macht, etwas beinahe Unfaßbares, ein Duft, ein Geist, ein Sinn und ein Wille. Vielleicht ist es die eigenartige Paarung großen Prunkes mit strenger Sachlichkeit, der Kostbarkeit des Materials mit der Einfachheit der Form, der Freudigkeit der Farbe mit einer gewissen asketischen Strenge. Wir wollen hier aber keine Untersuchungen über das Wesen des jüdischen Kunstwerkes anstellen, sondern den Bau beschreiben. Wie gesagt, liegen nach der Straße zu nur die Dienstwohnungen, deren Fassaden im schlichten und vornehmen Stil moderner Wohnhäuser gehalten sind. Von den drei anderen Seiten stößt der Tempel an Nachbarhäuser, und nur die sich über der Fassade erhebende, von vier gleichen Giebeln eingefaßte Kuppel verrät, daß dahinter ein Tempel steht. Erst wenn man durch das schwere Gitterportal den „Schulhof“ betritt, sieht man gerade vor sich eine Mauer des eigentlichen Tempels, und drei mit zierlich durchbrochenem Mauerwerk gefüllte schlanke Fenster weisen darauf hin, daß dahinter keine Menschenwohnung liegt. Vor dieser Mauer steht ein schön geformter Brunnen, den ein eigentümlich stilisierter mit einem Nest und einem Vogel bekrönter Baum aus Bronze schmückt. An den Mauern winden sich Reben; einige Eschen werden dereinst den jetzt noch sonnendurchfluteten Hof beschatten. Nun treten wir nach links in eine gedeckte Halle, an deren Südwand die schon erwähnte Davidstatue steht; unter ihr ist übrigens das rituelle Handwaschbecken angebracht. Von der Halle führt eine breite Treppe zur Frauenabteilung hinauf, während man durch eine Türe in die geräumige und ungemein zweckmäßig eingerichtete, Garderobe der Männerabteilung gelangt. Aus der Garderobe führen drei Flügeltüren in den eigentlichen Tempel. Der erste Eindruck ist überwältigend. Starke berauschende Farben dringen auf den Eintretenden ein, monumentale hebräische Quadratbuchstaben rufen ihm Sätze ewiger Geltung zu, seltsame symbolische Darstellungen nehmen seine Sinne gefangen. Aber bald orientiert sich der Besucher und wird von der mit äußerstem Aufwande aller architektonischen Mittel betonten Ostwand angezogen. Aus grauem und grauvioletten Marmor sind die zum Podium emporführenden Stufen, die Brüstung, der Almemor und die zu beiden Seiten der Estrade aufgestellten, von geflügelten Greifen gehaltenen monumentalen siebenarmigen Feiertagsleuchter. In einer mosaikgeschmückten Nische ist der Heilige Schrein untergebracht. Er ist von einem goldgestickten dunklen Samtvorhang und einer lautlos gleitenden Schiebetür abgeschlossen. Im Innern ist er elektrisch erleuchtet und mit einem neuartig konstruierten Gerüst zur Aufanhme der Thorarollen ausgestattet. Vor dem Schrein erhebt sich der marmorne Almemor, von zwei silbernen Leuchtern flankiert und mit einer metallenen Brüstung von wundervoll einfacher Form versehen. Darüber hängt von der Decke eine durchbrochene kostbare Lampe, das Ner Tomid herab. Eine halbkreisförmige Nische oberhalb des Heiligen Schreines ist reich mit Mosaik in satten Farben geschmückt. Rechts und links von ihr ist in großen hebräischen Metallbuchstaben der Spruch angebracht: „Wisse, vor wem du stehst.“ An der gleichen Wand ist in einer zweiten halbkreisförmigen Nische, die sich über der ersten erhebt und einen größeren Radius als diese hat, die Orgel mit schön ziselierten silbernen Pfeifen untergebracht. Um diesen größeren Halbkreis herum sind fünf kreisrunde plastische Verzierungen angeordnet, die die fünf größten jüdischen Feste: Pessach, Sukkos, Jom-Kippur, Rosch-Haschono und Schwuos durch ganz einfache Darstellungen wie Gerste, Traube, Scholar usw. symbolisieren. Nun wenden wir den Blick nach oben und erblicken über uns die mächtige Kuppel. Sie ist in einem dunklen Grün gehalten und mit Goldmosaik durchwirkt. Elektrische Lampen, zu zweien und zu dreien angeordnet und in einfach geformte goldene Blätterrosetten gefaßt, hängen von ihr herab. Die kleinen Fenster unterhalb der Kuppel sind mit fein durchbrochenem Netzwerk gefüllt, und die Fensterscheiben zeigen Darstellungen aus dem Leben des jüdischen Mannes: Lebensbaum, Geburt und Beschneidung, Barmizwah, Hochzeit, Kindersegen, Alltag und Feiertag usw. Durch die bemalten Scheiben und die mit reichem steinernen Netzwerk ausgefüllten größeren Fenster dringt das Tageslicht nur gebrochen herein, und zwar gerade in dem Masse, wie es für die angestrebte, starke und doch zurückhaltende Farbenwirkung des Gesamtbildes notwendig ist. Der untere Ring der Kuppel enthält eine monumentale im Kreise herumlaufende hebräische Inschrift, wie überhaupt von der seltenen dekorativen Schönheit der hebräischen Ouadratschrift — wohl zum ersten Male an einem Bauwerk — ausgiebiger Gebrauch gemacht worden ist. Die den Raum von drei Seiten abschließende Brüstung der Frauenabteilung ist mit zwölf schildartigen Reliefs geschmückt, die die zwölf Stämme Israels im Sinne der Segenssprüche Jakobs und Mosis aus der Bibel symbolisieren. Dan ist die „Schlange“, Juda — „der junge Löwe“ usw. Vier weitere sehr große Reliefs sind oberhalb der Frauengalerie angebracht. Es sind seltsame, von echt jüdicher Feierlichkeit erfüllte Symbole, deren Sinn sich aus den hebräischen Monumentalinschriften ergibt. So stellt das eine Relief eine Quelle, eine Palme und eine Taube mit dem Friedenszweig dar. Die Inschrift lautet: „Der Gerechte blüht gleich einer Palme. Gottesfurcht ist die Quelle des Lebens. Wenn du auf meine Gebote hörtest, so wäre wie ein Strom dein Frieden, und dein Heil wie die Wellen des Meeres“. Diese vier Reliefs, die wohl vom gesamten plastischen Schmuck des Tempels am besten gelungen sind, ziehen den

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