Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 15 (13.4.1917)
- Date
- 1917-04-13
- Page
- Seite 173 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 Das Jüdische Echo 173 buch wieder, das ihn in so vielen Gefahren begleitet hat. Judenboykott in England. Das jüdische Korrer spondenzbbureau im Haag, dem neulich von der „Deutschen Zeitung für die Niederlande“ der Vorwurf gemacht wurde, daß es im Dienste der Entente stehe, meldet: Viele Lebensmittelgeschäfte im East End und Umgebung tragen seit einiger Zeit die Aufschrift „Juden wird nichts verkauft!“ Jüdische Frauen werden immer häufiger aus den Reihen der Personen gestoßen, die sich vor den Geschäften aufstellen; dringen sie doch bis zum Verkäufer durch, dann erhalten sie statt der erbetenen Waren oft nur Beschimpfungen. Der „Board of Deputies“ macht keine Miene, eine kräftige Aktion gegen diese Hetze einzuleiten. Da die Behörden nicht eingreifen und die Lebensmittelnot steigt, wird die Lage der East-End-Juden immer trauriger. Der Herzog von Connaught, der Bruder des verstorbenen Königs Edward, erklärte in einer Rede, die er nach; einer Preicverteilung in der Londoner Handelskammer hielt: „Wir brauchen hier keine Fremden. Sie haben in ihren eigenen Ländern genug zu tun. England für Engländer — das soll unsere Devise sein!“ Über die Lage der jüdischen Flüchtlinge aus Rumänien in Rußland berichtet ein Mitglied der Israelitischen Allianz, das im Aufträge eines holländischen Unterstützungskomitees verschiedene russische und sibirische Sammellager besuchte. Ungefähr 150 000 Juden wurden mit Gewalt aus den von den deutschen und österreichisch-ungarischen Heeren überfluteten rumänischen Gebieten vertrieben und unter den kläglichsten Umständen auf russsiches Gebiet gebracht. Die britische Regierung erhielt flehentliche Aufforderungen seitens der israelitischen Kultusgemeinden, diese Austreibungen zu verhindern; nach Frankrech gingen Hunderte von Depeschen, in denen die Rabbiner um Schonung ihrer Glaubensgenossen baten. Allein die Bitten blieben vergebens. Aus London erhielten israelitische Gemeinden die Mitteilung, daß man für sie, sobald sie nach Rußland gekommen wären, Sorge tragen werde; aus Lyon kamen ähnliche Versicherungen. Aber ruhig ließ es die französisch-englische Militärmission geschehen, daß Tausende von Israeliten auf Eisenbahnzügen befördert wurden, die unter wütendem deutschen Feuer lagen. Viele Hunderte Juden kamen auf der Fahrt nach Galatz—Odessa um. Sie wurden in Viehwagen zusammengepfercht, ohne Nahrung gelassen. Die flüchtenden Einwohner bewarfen die Unglücklichen mit Steinen; denn es wurde von den russischen Soldaten und Agenten das Gerücht verbreitet, die jüdischen Späher seien an dem Unglück Rumäniens schuld. Es sind haarsträubende Dinge geschehen. Krankenhäuser blieben den gemarterten Kranken ausnahmslos verschlossen, da es hieß, sie hätten die Cholera aus Rumänien mitgebracht. Nach Odessa ließ man sie nicht herein. Vor der Stadt, in einem sumpfigen Gelände, lagerten 40000 Juden unter großen Entbehrungen. Sie bekamen hartes Brot und verfaulten Kohl oder Mohrrüben. Nach zehntägigem Aufenthalt, wo wiederum viele der Geplagten infolge Hunger und Erschöpfung den Tod fanden, ging es weiter. Ein Teil wurde nach Azow gebrächt, ein anderer nach Rostow. Mitte Dezember begannen dann die Abtransporte in die Regierungsbezirke Omsk und Tobolsk. Große Strecken mußten unter berittener Kosakeneskorte zurückgelegt werden. In London und Paris kennt man die Geschehnisse schon heute. Daß nicht eine Hand gerührt wurde, um diese Scheußlichkeiten zu verhindern, wird den Regierungen der verbündeten Westmälchte zur unauslöschlichen Schmach gereichen. Den Armen in Sibirien Hilfe zu bringen, diesem Zwecke diente meine Reise. Ich habe nichts erreicht. Die mir erteilte Antwort lautete etwa: Das kümmert Sie nichts. Ob Sendungen die hungernden Juden erreichen, ob die Medikamente u. a. eintreffen. entzieht sich unserer Kontrolle. Nur von London aus ließe sich etwas tun; doch drüben stopft man sich die Ohren zu, wenn dieses Thema angeschlagen wird. In Paris ist es ebenso. An der Abneigung der westlchen Alliierten, sieb in eine sogenannte „rein russische Frage“ einzumengen, scheitern unsere Anstrengungen. Ein Vermächtnis. Die Erben des vor kurzem in Petersburg verstorbenen Chajim Kahan haben beschlossen, dem Willen des Dahingeschiedenen gemäß 750 000 Rubel für jüdische Zwecke zu spenden. Die Hälfte dieser Summe wurde zur Wiederherstellung der jüdischen Wirtschaft in Palästina nach Beendigung des Krieges bestimmt. Von der anderen Hälfte werden 100 000 Rubel zugunsten der jüdischen W'ohltätigkeitsinstitute in Petersburg verwendet. Feuilleton Die beiden Aerzte. Von Nachum Sokolow. Sie waren die ältesten Ärzte in Warschau. Wir wollen den einen Kilicki und den anderen Lilienfeld nennen. Kilicki zählte neunzig und Lilienfeld achtzig Jahre. Sie waren beide Assimilanten. und zu jener Zeit war es anders kaum denkbar. Kein jüdischer Arzt sprach zu einem kranken Juden anders als polnisch. Redete aber der Kranke zum Arzt jüdisch, so tat jener, als wenn er ihn nicht verstünde, oder vom Mitleid übermannt ließ er sich herab, höchstens das Jüdische zu verstehen. Alle beide — Kilicki und Lilienfeld — waren stolz auf ihre Universitätsbildung, die sie über viele Juden erhob. Der neunzigjährige Kilicki übte immer noch seine Praxis aus. Er hatte schöne interessante Erinnerungen — diente er doch im napoleonischen Heere, wo er sich einen Verdienstorden erwoben hatte. Er war geehrt und geachet nicht nur von Juden, sondern auch von Christen, die ihn wegen seines polnisch klingenden Namen nicht für einen Juden hielten. Auch sein Haus wurde nicht im jüdischen Geiste geführt. Noch bei seinen Lebzeiten sind seine Kinder dem Judentum abtrünnig geworden, und je älter er wurde, umso mehr Getaufte gab es um ihn herum. Und niemand vermochte zu sagen, ob er darüber froh war oder nicht. Auch Lilienfeld erfreute sich eines guten Namens in der Stadt. Wie Kilicki gehörte er zu den ersten jüdischen Ärzten in Polen. Beide hatten im Auslande studiert, denn zu jener Zeit war den Juden das Universitätsstudium in Polen verwehrt. Erst nach vollendetem Studium im Auslande durften sie ihre Staatsprüfung in Polen ablegen und ihrem Berufe nachgehen. Ihr Verhältnis zum Judentum war im Wesentlichen das Gleiche, nur daß Lilienfeld manche von den heiligsten religiösen Bräuchen beobachtete, und Kilicki nicht. Lilienfeld tat es vielleicht aus Pietät für die Erinnerungen seiner Kinderjahre,