Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 15 (13.4.1917)
- Date
- 1917-04-13
- Page
- Seite 168 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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168 Nr. 15 Das Jüdische Echo den, um die Feier des Pessachfestes zu ermöglichen? Weiß er, daß die Nachkommen der zwangsweise Getauften in Spanien sich noch nach Jahrhunderten in verborgene Keller und Gewölbe versteckten, um acht Tage lang das Fest der Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft zu feiern? Weiß er, daß noch heute der Jude im Osten sich jedes Jahr um das Pessachfest der Gefahr aussetzt, von der wahnsinnigen Beschuldigung des Ritualmordes verfolgt zu werden? Und machte er sich klar, daß trotzdem diese Stammesbrüder eher ihre Rechte verdorren ließen, ehe sie darauf verzichten würden, der heiligen Pflicht bis ins Kleinste nachzukommen? Und gegenüber dieser heroischen Treue der klägliche Vorschlag, sich den Unbequemlichkeiten zu entziehen und — als „Kriegsmaßnahme“ — das Pessachfest auf zwei Tage zu beschränken! Ein Vorschlag, der besser als alles andere beweist, welcher Seelenlosigkeit die Auswüchse des Reformertums entspringen und bis zu welcher Farce unsere Riten entwürdigt würden, wenn man diesen Modernisten freie Bahn gäbe. Wann werden alle Juden verstehen lernen, daß das Judentum im Golus nur erhalten werden kann, wenn jeder einzelne Jude die ganze Bürde seiner religiösen Verantwortung als ein Held trägt: mutig, stolz und froh? H. H. C. JNttt frif008Hlfi|e bri jeiet f t*h, 1 telitgiMifts* iebenswpftpnmgsgtfeaMftft, lliftatftilt Stimmen aus Rußland. Wer viele Enttäuschungen erlebt hat, dem geziemt es, sich gegen bittere Erfahrungen mit einem tüchtigen Maß von Pessimismus zu wappnen. Die Juden haben während dieses Krieges so viel Bitteres erlebt, daß es nur selbstverständlich ist, wenn sie nicht in jedem Hoffnungsschimmer sofort die Sonne eines neuen Tages erblicken. Glaubten nicht die Juden fast aller kriegführenden Länder, daß die ungeheuren Opfer an Gut und Blut, die ihre Brüder im Heere und daheim dem Staate brachten, ihnen endlich die berufliche und gesellschaftliche Gleichberechtigung bringen müßten? Statt dessen aber wuchs allenthalben der Wunsch, den Juden zum Sündenbock für das namenlose Unheil zu machen, das der Krieg über die Weit gebracht hat, und der Antisemitismus erhob überall sein Haupt kecker als je zuvor. Hatte man nicht gehofft, der Umsturz der in Polen bestehenden Staatsverhältnisse würde endlich auch für die Juden eine Zeit der Selbständigkeit, der kulturellen und Kvlrtschaftlichen Befreiung einleiten? Statt dessen aber sieht es aus, als wollten sich die Dinge nach dem Willen der Polen schlimmer als je zuvor gestalten. Unter diesen Umständen war es wohl zu verstehen, daß die russischen Juden und mit ihnen die Juden anderer Länder der neuen Ordnung in Rußland nicht sofort entgegenjubeiten, sondern zuerst einmal abwarteten, wie die Stimmung des Volkes sich gestalten würde. Wußte man doch weder, bis zu welcher Stärke die Gegenrevolution sich entwickeln und dem alten reaktionären Zug wieder zur Herrschafft verhelfen, noch ob es den neuen Männern gelingen würde, sich im Sattel zu halten. Die Person dieser Neuen schien freilich eine Gewähr dafür zu bieten, daß man in Rußland gewillt sei, die unwürdigen Ausnahmebestimmungen für Juden endlich abzuschaffen. Sind doch sowohl der neue Minister des Auswärtigen M i 1 j u k o w wie auch der neue Justizminister K e r e n s k i wiederholt in unerschrockener Weise gegen die Verleumdung und für die Gleichberechtigung der Juden eingetreten, und selbst Fürst Lwow, der jetzige Präsident des Ministeriums, hat trotz seinen Beziehungen zur judenfeindlichen „Nowoje Wremja“ jenen Beschluß des Dumablocks unterschrieben, in dessen fünften Absatz dieAbschaffungallerRechts- und WohnbeSchränkungen der Juden gefordert wurde. Dennoch war es notwendig, an die neuen Verhältnisse nicht gleich mit allzuhoch gespannten Erwartungen heranzugehen. Nunmehr läßt sich die Sachlage schon ein wenig besser überschauen, und da scheint es denn — nach Stimmen zu urteilen, die aus Rußland zu uns gelangt sind — daß man in den dortigen jüdischen Kreisen der Hoffnung Raum gibt, daß d i e n e u e n Männer wirklich den ernsten Willen haben, die Gleichberechtigung der Juden durchzuführen, und daß auch die öffentliche Meinung dieser Absicht günstig ist. Freilich ist man sich in Rußland darüber klar, daß dieser Entschluß sich vielleicht nicht von heute auf morgen wird verwirklichen lassen, ja daß noch immer Dinge eintreten können, die mit der gesamten politischen Konstellation auch die Lage der Juden wieder ändern würden. Die Grundstimmung aber ist, wie aus den aus russisch-jüdischen Kreisen herübergelangenden Nachrichten hervorgeht, ein erfreulicher Optimismus. Man erwartet, daß die neue Regierung sich bewußt sein wird, daß sie nur dadurch Rußland zum Standpunkt eines fortschrittlichen Rechtsstaates erheben kann, daß sie allen ihren Untertanen volle Bürgerrechte gibt. Daß sie an den Juden umso treuere Bürger finden wird, je menschenwürdiger die Stellung ist, die sie ihnen anweist, muß sie sich ja selbst sagen. Denn daß man dem Juden nicht dadurch Treue und Liebe zu dem Staate dem 'er angehört, einimpft, daß man ihn unterdrückt, sondern an ihm einen umso anhänglicheren und für das Staatswohl nützlicheren Bürger erzieht je weniger Schranken man vor ihm aufrichtet, das lehrt das Beispiel anderer europäischer Staaten. H. H. C. Die „J ü d. Rundschau" meldet, daß der Zionist Dubossarski zum Gehilfen des Leiters des Post- und Telegraphenwesens ernannt wurde, daß der Kriegsminister Gutschkow alle konfessionellen Beschränkungen in der Armee aufgehoben habe und daß die russischen Zionisten jetzt ihre Tätigkeit ungehindert entfalten dürfen. Im Berner „B u n d“ lesen wir, daß das Unterrichtsministerium die Prozentnorm für Juden an den Mittel¬ und Hochschulen abgeschafft hätte. Die „Mitteilungen des jüdischen Korresp. Bureaus“ im Haag meinen, daß durch die Neugestaltung der Dinge in Rußland die ganze Frage des „Grenzschlusses“ (nach Westen) für die polnischen Juden gegenstandslos geworden sei. Die Stockholmer „Jidische Volk st im me“ untersucht bereits die Frage, ob durch die Abschaffung der Tscherta nicht der nationale Zusammenschluß der russischen Juden gefährdet sei und ob nicht eine Assimilationsepidemie drohe. Daß die Männer der neuen Regierung, die das Streikrecht für die Soldaten und das Frauenstimmrecht versprochen haben, auch die Abschaffung aller nationaler und konfessioneller Schranken versprechen mußten, ist eine logische Notwendig-