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Das jüdische Echo · 1917-04-06 · 14 (6.4.1917) · p. Seite 160

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
14 (6.4.1917)
Date
1917-04-06
Page
Seite 160 (sequence 8)
Language
German
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160 Das Jüdische Echo Nr. 14 Judentaufen in Rußland. Das „Lodzer Volksblatt bringt folgende Meldung seines Kopenhagener Korrespondenten: Wenn die Zahl der erwachsenen russischen Juden, die sich im Laufe der letzten drei Jahre mehr oder weniger bewußt taufen heßen, in die Tausende geht, geht die Zahl der kleinen Kinder, die während des gleichen Zeitraums dem Jud(entum entrissen wurden, in die Zehntausende. Kleine Kinder assimilieren sich so schnell mit der Umgebung, in die sie direkt oder indirekt geraten, daß sie sich schon nach wenigen Monaten von ihren nichtjüdischen Altersgenossen durch nichts unterscheiden. In den Asylen und Anstalten wird den jüdischen Kindern von russischen Popen und Nonnen so schnell und gründlich die Liebe zum Christentum und der Haß gegen alle Ungläubige eingeimpft, daß sie tin kürzester Zeit nicht nur gute Christen sondern auch überzeugte Antisemiten werden. Wir haben vor uns wohl das traurigste Kapitel der jüdischen Leidensgeschichte der letzten 70—80 Jahre, seit der Zeit, als unter der Herrschaft Nikolais I. kleine Kinder (Kantonisten) ihren Eltern entrissen und gewaltsam getauft wurden. Nach dem Bericht des „Alexander-Komitees“, dem die Asyle und Waisenhäuser unterstellt sind, befanden sich am 1. Jan. 1917 in diesen Anstalten 6321 jüdische Kinder, deren Eltern entweder dem Kriege zum Opfer gefallen sind, oder ihre Kinder auf der Flucht verloren haben. Diese 6321 Kinder werden im Geiste der orthodoxen Kirche erzogen und niemals dem Judentume wiedergegeben werden. In dieser Zahl sind aber nur die offiziell registrierten Kinder inbegriffen. Wie groß ist aber die Zahl der jüdischen Kinder, die sich, von ihren Eltern losgerissen, in Zentralrußland befinden, wo sie in einer ausgesprochen russisch-christlichen Umgebung aufwachsen und dem Judentume unrettbar verloren gehen? literarisches Echo Kämpfe: Sechs Erzählungen von Bertha Pappenheim. Verlag von J. Kauffmann, Frankfurt a. M. Preis 2.— Mark brosch., 3.— Mark gebunden. Was mag wohl eine im öffentlichen Leben stehende Frau, die einen guten Namen zu verlieren hat, bewogen haben, diese Erzählungen zu schreiben und herauszugeben? Das Vertrauen auf ihre stilistischen Fähigkeiten kann es nicht gewesen sein, denn sonst fände man in dem Novellenbande nicht so zahlreiche Sätze, die an Formschönheiten folgenden gleichen: „Rum, Branntwein und Sodawasser undNaphta, das alles durchdringende; Möbel, Bilder, Lederwaren in einer seltsamen Mischung von städtischem und bäuerlichem, altmodischem und „Jugendstil“-Geschmack, findet man die armseligen Vorräte ausgebreitet.“ Auch der Wunsch, Gedanken, Gefühle, Gespräche, die sie dem Leben ablauschte, zu malen, kann es nicht gewesen sein, sonst würde sie nicht ein Mädchen dem Verlobten versprechen lassen, es wolle ihm „treu sein, wie die Mutter dem Vater“. (Welches jüdische Kind, dessen Eltern einander wirklich treu sind, hätte sich jemals über diese Tatsache Rechenschaft gegeben?) Und zum allerwenigsten kann es das Verlangen gewesen sein, in einer Reihe von kleinen Ausschnitten das typische Wesen des heutigen Judentums festzuhalten. Oder meint Bertha Pappenheim tatsächlich, sie hätte „jüdische“ Geschichten geschrieben, wenn sie folgende Stoffe wählt: Nr. 1: Ein junger Jude, der ein von Missionaren getauftes Mädchen, das sich zur Dirne entwickelt hat, als Modell für „Das erwachende Israel“ benützt und dann aus sittlicher Entrüstung ersticht. Nr. 2: Ein Wunderrabbi (wenn Juden diese Bezeichnung doch endgültig den antisemitischen Witzblättern überlassen wollten!), der, nachdem ihn der Geist verlassen hat, aus ..Nahrungssorgen weiter weissagt. Nr. 3: Eine Jüdin, die einen Bauernburschen liebt, der wie ein Methodistenprediger spricht, aber nichtsdestweniger aus Ärger ihren Vater totschlägt. Nr. 4: Ein alter Erefjude, der aus Sehnsucht nach einer Geige den Thoraschmuck stiehlt und dabei die Synagoge anzündet und plötzlich, nachdem er sich mit dieser Geige niemals befreundet hat, sterbend „die furchtbar schöne Kolnidreweise“ spielen kann. Nr. 5: Eine Kontoristin, die jeden Freitag abend in der Volksvorlesung schläft und am Weihnachtsabend aus antisemitischer Bosheit exmittiert wird. Nr. 6: Ein zum Christentum „bekehrter“ Maler mit seiner christlichen Frau, der seiner Lebenslage durch Selbstmord entrinnt. Man sieht: nicht allein die Behandlung ist unwahr, sondern auch die Stoffe an sich sind es. Und deshalb ist das Buch schädlich. Der von Juden handelnden Erzählungen christlicher und jüdischer Schriftsteller, die besonders im vorigen Jahrhundert so viel Unklarheit und Unheil schufen, sind wirklich genug. Heute, da es schon eine einigermaßen klassische, aus dem wirklichen jüdischen Volkstum erstandene jüdische Literatur gibt, an der jeder seine literararischen Erzeugnisse messen kann, sollten nur die an die Öffentlichkeit treten, die alle Kräfte des Geistes und der Seele daran gesetzt haben, den jüdischen Menschen in der Tiefe seines Wesens zu erfassen. Helene Hanna Cohn. D. Dr. Heramann L. Strack. Jüdisch-deutsche Texte. Lesebuch zur Einführung in Denken, Leben und Sprache der osteuropäischen Juden. Leipzig, J. C. Hinrich, 1917. Mk. 1.50. Dieses „Lesebuch“ ist als Ergänzung zum „Jüdischen Wörterbuch“ des gleichen Verfassers gedacht und als Hilfsmittel für diejenigen bestimmt, die sich mit dem Geiste der jidischen Sprache vertraut machen wollen, ohne erst das hebräische Alphabeth zu erlernen. Die Texte sind daher mit lateinischen Lettern und zwar nach der litauischen Aussprache transskribiert. Jedes Wort, zu dessen Verständnis die Kenntnis der deutschen Sprache allein nicht ausreicht, ist kurz aber treffend erläutert. Die Wahl der Lesestücke muß als außerordentlich gelungen bezeichnet werden. Neben Beispielen aus der jidischen Tagespresse finden wir Stücke aus Werken von Perez, Asch und Jehojosch. Etwas komisch wirkt in den durchweg nach der litauischen Aussprache transskribierten Texten die Transskription hebräischer Worte in sephardischer Aussprache: z. B. „Hot kein Mora (statt: Mejre oder Mojre) nischt“. Sagt doch der Verfasser in seiner Einleitung selbst, daß das hebräische Wort „Mora“ (Angst) im Jidischen „Mojre“ ausgesprochen werden muß. Aber abgesehen von diesem kleinen Mangel ist das Buch doch hervorragend gut zusammengestellt; wir empf'eWen es insbesonderie (jedem westeuropäischen Juden, der ein wenig Jidisch lernen will. Aus dem Buch der Bücher. Feldbibel, herausgegeben vom Verband der Deutschen Juden. Dieses kleine, leichte, doch beinahe 450 Seiten starke Bändchen enthält Stücke aus dem Penta-

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