Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 14 (6.4.1917)
- Date
- 1917-04-06
- Page
- Seite 158 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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158 Das Jüdische Echo Nr. 14 der ganzen polnischen Bevölkerung die Juden durch den Krieg am schwersten gelitten haben, sind sie an der Hebung der materiellen Lage des Handwerks mehr als die anderen interessiert Es ist dabei nicht zu vergessen, daß dem jüdischen Handwerker außer dem Kampf mit der Großindustrie, ein weiterer nicht minder heftiger Kampf mit dem nichtjüdischen Konkurrenten bevorsteht. Die antisemitische Hetze in Polen ist bereits auch in die Handwerkerkreise gedrungen, die neue Gesetze und Beschränkungen für die jüdischen Gewerbetreibende ins Leben zu rufen bemüht sind. Dieser Bedrohung der ostjüdschen Handwerker durch Schaffung von Gewerbeorganisationen, Kreditanstalten und guter Fachbildung entgegenzutreten, ist eine der vornehmsten und dankbarsten Aufgaben der jüdischen Gemeinden in Polen selbst, wie auch der wohltätigen jüdischen Kreise im Westen. Die russische Umwälzung. Das „Israel. Wochenblatt f. d. Schweiz" schreibt in einem längeren Leitartikel über dieses Thema: „Wissen wir denn, wie es jetzt im Innern Rußlands aussieht, ob nicht die verschiedenen Mächte bereits im Kampf gegeneinander stehen und ob nicht ein blutiger Bürgerkrieg das Land mit dem Blute der eigenen Genossen düngen wird? Dazu der Kampf von außen, der vom Heere geführt wird, das zum größten Teile aus Bauern besteht, die zu ihrem Zaren halten. Und wer wird die Kosten zahlen? Werden es nicht wieder die Juden sein, wie es 1906 war? Das sind bange Fragen, die unsere Seele beschweren und die auch diejenigen zum Nachdenken anregen sollten, die jetzt über den Ausgang der Revolution jubeln und das, was ihnen aufgetischt wird, bereits als eßbare Speise genießen wollen. Die Ententefreunde drehen jetzt den Spieß um und erzählen, daß jetzt erst Frankreich und England das Bündnis mit Rußland begrüßen, nachdem es in die Reihen der demokratischen Staaten getreten ist; aber sie haben keine Hand gerührt, um gegen die Metzeleien aufzutreten, die in Rußland an den Juden in den ersten Stadien des Krieges verübt wurden, und ebensowenig werden sie etwas nützen, wenn die aufgestacheite Volkswut, nachdem sie einmal Blut geleckt hat, wieder — was Gott verhüte! — auf die Juden abgelenkt werden sollte. Erst kürzlich hat der französische Unterstaatsekretär Thomas gesagt, in die inneren Angelegenheiten des russischen Reiches dürfe man sich nicht mischen. Auel, von englischer autoritativer Seite ist, wie bekannt, wiederholt dasselbe erklärt worden. Dabei gehen viele, besonders russische und polnische Juden von der Ansicht aus, Deutschland hätte im Jahre 1905 verhindern können, daß die Revolution einen so jämmerlichen Ausgang genommen habe. Wie denken sie sich das eigentlich? Sollte Deutschland damals mit einem Heer in Rußland einfallen, um die Revolution zu beschützen? Rußland war damals im Innern und nach außen so geschwächt, daß es aus den Reihen der Großmächte hätte verschwinden können. Aber Deutschland wollte sich in die inneren Angelegenheiten nicht mischen; Deutschland hat Rußland geschont, und zum Dank dafür kam das Weltgemetzel, das in dem Bürgerkriege jetzt in Rußland seine Fortsetzung hat." Im Wilnaer „Letzte Najs" lesen wir Interessante Äußerungen des dortigen Rechtsanwalt S. Rosenbaum, der Mitglied der ersten Duma war und kurz vor Ausbruch der Revolution Kopenhagen und Stockholm besucht hatte. Herr Rosenbaum nimmt an, daß die ganze Revolution von den Großfürsten (?) gemacht worden sei. unter starker Beteiligung der englischen Regierung. Herr Rosenbaum glaubt ferner, daß die russischen Juden Gleichberechtigung erhalten werden, im gleichen Ausmaße, wie sie in den westeuropäischen Staaten besteht. Diese Gleichberechtigung werde aber in vielen Punkten nur auf dem Papier bestehen. Wie es sich mit den national-kulturellen Rechten der Juden verhalten werde, könne er noch gar nicht sagen. Das „Jüdische Korr.-Bureau" im Haag erhielt vom Duma-Abgeorneten N. Friedmann folgendes Telegramm vom 23. III.: „In den Freudetagen des Triumphes des Rechtes und der Gerechtigkeit hat das neue Regime die Prinzipien der bürgerlichen, nationalen und religiösen Freiheit proklamiert. Gemeinsam mit der russischen Nation erwartet das jüdische Volk mit völliger Sicherheit die unmittelbare Verwirklichung des Grundsatzes der Gleichheit.“ Welt-Echo Zur Frage des österreich-iiidischen Kongresses. Zu diesem hochwichtigen Problem (vergl. auch „J. E.“ Nr. 11) veranstaltet die Prager „Selbstwehr“ eine Rundfrage bei den führenden Persönlichkeiten des österreichischen Judentums. Zur Beantwortung stehen folgende Fragen: „1. Erfordert Ihrer Ansicht nach die gegenwärtige und die künftige Lage der österreichischen Juden nach Friedensschluß, inbesondere mit Rücksicht auf das Anwachsen des Antisemitismus, einen engeren Zusammenschluß der österreichischen Judenschaft? 2. Halten Sie einen österreichisch-jüdischen Kongreß für ein geeignetes Mittel, das diesen engeren Zusammenschluß herbeiführen könnte? 3. Welches Programm halten Sie für einen solchen Kongreß für wünschenswert? Glauben Sie insbesondere, daß neben der Frage der Organisierung der israelitischen Religionsgesellschaft in Österreich und einer dauernden Repräsentanz der österreichischen Juden die Frage der jüdischen Erziehung und der wirtschaftlichen Hilfeleistung für die durch die antisemitische Bewegung bedrohten jüdischen Existenzen notwendige Verhandlungsgegenstände eines solchen Kongresses wären? Wären ferner nach dem Beispiel des amerikanisch - jüdischen Kongresses auch die Frage der Unterstützung der jüdischen Kriegsopfer, des Wiederaufbaues in den Kriegszonen (insbesondere in Galizien), die Erziehung der jüdischen Kriegswaisen, sowie die übrigen Probleme der jüdischen Kriegsfürsorge und schließlich auch Beratungen über die Fragen der Emigration, der Palästina-Kolonisation und der politischen Gleichstellung der Juden in allen Ländern, wo sie ihnen noch vorenthalten wird. Programmspunkte eines österreichisch-jüdischen Kongresses? Oder soll sich der Kongreß nur mit der Frage der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der österreichischen Juden und der Abwehr aller gegen diese gerichteten Angriffe befassen? 4. Welcher Zeitpunkt zur Abhaltung des Kongresses erscheint Ihnen als richtig? 5. Haben Sie Anregungen und Vorschläge für die Vorarbeiten zu einem solchen Kongresse?"