Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 14 (6.4.1917)
- Date
- 1917-04-06
- Page
- Seite 154 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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154 Das Jüdische Echo Nr. 14 Jetzt eilt er durch den heißen Wüstensand, Er rast daher wie tosendes Gewitter; Jetzt hält er wohl beim Haus, klopft an die Wand — Schon winkt er grüßend mir durchs Gartengitter. Er winkt und lacht und spricht; „Wäch auf, du Holde, Der rauhe Winter ist dahingegangen. In Lenzeslüften blüht die blaue Dolde, Die Reben knospen und die Myrten prangen. Die Turteltauben bauen ihre Nester, Am Feigenbäume grünen neue Knoten. Die Purpurrose grüßt die traute Schwester, Zu neuem Leben sind erwacht die Toten.“ Salomo: Mein Täubchen flieg’ aus deiner Felsenhöhle Und zeig’ dich wieder, denn du bist so schön. Süß ist das Lachen deiner Silberkehle Und du bist wunderherrlich anzusehn. i Die bösen Füchse müßt ihr mir verjagen, Damit sie unsern Weinberg nicht durchwühlen. Denn unser Weinberg keimt. In wen’gen Tagen Wird uns sein reiches Blätterdach schon kühlen. Sulamith: Mein Freund ist mein und ich bin ewig sein. Eh’ dieser Tag in Purpurgluten scheidet. Mein Freund ist mein und ich bin ewig sein, Der unter Sarons Zauberrosen weidet. III. Sulamith: Im Traume sah ich liebend mich umfangen. Da schrak ich auf, ich sucht’ und fand ihn nicht Wild pocht mein Herz. Im glühenden Verlangen Hallt laut mein Ruf. Doch er verstand ihn nicht. Ich sprang empor und sucht’ in allen Gassen Der stillen Stadt, ich sucht’ im Sternenlicht Den Liebsten meiner Sehnsucht zu umfassen. Ich sucht’ ihn überall und fand ihn nicht. Die Wächter fragt’ ich, die das Tor behüten: „Saht ihr den Liebsten nicht vorübergehn? Stolz ist sein Wuchs. Wie Purpurmandelblüten Glühn seine Lippen. Habt ihr ihn gesehn?“ Und weiter ging’s. Die Sehnsucht lieh mir Schwingen. Triumph! Beim Rebenhügel fand ich ihn. Ich hielt ihn fest. Wer will ihn mir entringen? Mit tausend süßen Fäden band ich ihn. Salomo: Wie leiser Rauch der Wüstenhirtenfeuer Schwebst du daher, wie süße Myrtendüfte Wie aus den Wassern weiße Nebelschleier Empor sich schlängeln in die lauen Lüfte. Sulamith (singt): An des Liebsten Lager wachen Schwertgegürtet sechzig Recken. Wenn’s wie glühend Höllenrachen Lodert aus dem Kohlenbecken, Schlummerst du auf seidenweichen Pfülen, Herr, und lächelst heiter. Denn die Spukgestalten scheuchen Schwertgerüstet sechzig Streiter. IV. Salomo: Schön bist du, Sulamith. Ja, du bist schön. Denn deine Augen blicken sanft wie Tauben. Wie Ziegenherden, die zur Weide gehn, Sind deiner Flechten schwarze Lockentrauben. Wie weiße Lämmer, die der Flut entsteigen. So blitzen lachend deine Perlenzähne. Die Lippen sind Rosinen. Balsamfeigen Sind deine Küsse, o du Tausendschöne! Die Wangen glühen purpurn wie Granaten. An deinem Halse wie an Davids Zinnen Da sprüht’s von tausend funkelnden Zieraten, Die Brüste schimmern schneeiger denn Linnen. i Des Libanon zerklüftet Felsenritzen Verlasse und des Hermon rauhe Höhn. Mich hat bezwungen deiner Augen Blitzen. Schön bist du, Sulamith, ja du bist schön. Wie ein versperrter Garten lockst du prangend. Wie’s Brünnlein, das der Felssturz hat verschlossen. Ein Apfelbaum, an dem der Safran rankend. Erglüht von würz’gem Nardenduft umflossen. Blas’, Nordwind, blas’ durch meinen Zaubergarten Und weh’ vom Baum den Kirschenblütenregen; Auf meine Allerliebste will ich warten. Drum streue Blumen auf den grünen Wegen! Sulamith: Die Lotosblumen atmen duftesschwer. Der Mondnachtzauber auillt aus den Violen — O Liebster, warum kommst du nimmermehr. Die süße Frucht des Gartens dir zu holen? V. Salomo: Ich komme. Holde! Ach ich weilt’ zu lange. Den Myrtenstrauß im Jordanstal zu pflücken. Den Honig bring’ ich dir. Auf grünem Hange Fand ich ein Bienennest am Bergesrücken. Hier Wein! Hier Met! Stoßt an mit vollen Krügen. Denn wahre Lieb’ und echter Karmelwein. Die wollen nur in nimmersatten Zügen Aus nimmerleerem Krug genossen sein. Sulamith: Längst schlummert’ ich. Mein Herz alleine wacht’! Den Liebsten hört’s ans niedere Fenster klopfen. Ich bin’s! Gebebtes Weib! Flugs aufgemacht! Mich friert, es nässen mich des Taues Tropfen. Mich friert. Ich hab’ mich heimlich fortgestohlen. Zog aus das Königskleid, das dunkelblaue. Ich schlich zur Liebsten auf entblößten Sohlen, Mach auf! Mich friert im feuchten Abendtaue. Er streckt die Hände flehend durch die Hecken, Er bat so süß (ich wollt’, ich wäre taub). Er bat so süß, ich zürnt’ dem allzu Kecken Und zittere wie windgepeitschtes Laub. Da stand ich auf und schob zurück den Riegel — Wer könnte solchen Bitten widerstehn? — Ich sah die mondbeglänzten Rebenhügel Doch, ach, der Liebste war nicht mehr zu sehn.