Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 14 (6.4.1917)
- Date
- 1917-04-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Viertel). M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Ganij. Ml, 4.—,Einzelnummer 10 Pl.—V erlag des ״Jüdischen Echo“: München, HerzogMaxstr4 — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Rapnji 40 PI. — Bei Wiederholungen Rabatt— Anzeigenannahme: Verlag deü ״Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 55099, Postscheckkonto: München 3987. Nummer 14 München / 4. Jahrgang 6. April 1917 שיר השירים Das Hohe Lied Salomonis zählt bekanntlich zur Bibel, d. h. zu den heiligen Büchern. Dies allein beweist, welch hohe Auffassung das Judentum diesem Liede entgegenbrachte. Pessach ist die Zeit, welche an den Auszug an Ägypten erinnern soll, und in diesem Auszug erblickt das Judentum die Offenbarung der Liebe Gottes zum jüdischen Volke; dies ist wohl der Grund, daß an diesem Feste das Lied in den Gotteshäusern zum Vortrag kommt. Das ״Hohe Lied“ wird als der poetische Ausdruck der innigen gegenseitigen Liebe zwisehen Gott und dem jüdischen Volke aufgefaßt. Selbst die Kirche faßt es als Liebeslied zwischen Gott und Kirche auf; allein abgesehen davon, scheint uns, auch vom rein poetisch-literarischen Standpunkt aus das ״Hohe Lied“ (wie Grätz ausführt) ein Kind sorgenentfesselter Tage und Lebensfreudigkeit, in dem die hebräische Sprache gezeigt hat, daß sie auch Weichheit und Tiefe der Empfindungen, den Schmelz feinfühliger Rede und Gegenrede und malerische Naturpoesie wiederzugeben im Stande ist. Im Gegensätze zur unsauberen, unkeuschen Liebe der griechischen Welt ist hier in der Hirtin Sulamith ein Idealwesen dargestellt, welches eine tiefe, innige und unverlöschliehe Liebe zu einem Hirten im Herzen trägt, aber dennoch und eben dadurch keusch und züchtig bleibt. J. F. Schir Haschirim. Nachdichtung von Hugo Zuckermann.*) I. Sulamith: Komm’ an mein Herz und küsse mich, Geliebter! Denn Lieb’ ist süßer als der Karmelwein, Ist süßer als der Weihrauch der Ägypter, Als Nardenduft und Indiens Spezereien. Zwar bin ich schwarz, doch lieblich anzuschauen — Mich hat versengt der Sonnenbrand der Wüste— 0 spottet nicht, ihr Mädchen und ihr Frauen! Wie Kedars Hütten schimmern meine Brüste. Die Mutter zürnt mir und die Brüder fluchen, Weil ich vergaß den Weinberg zu behüten. Den Liebsten meiner Seele ging ich suchen. Wo rastet er im Mittagssonnenbrüten? *) Mit Genehmigung des Verlags R, Löwit, Wien-Berlin, Hugo Zuckermanns ״Gedichten“ entnommen. Salomo: Mit wem soll ich die Lieblichste vergleichen? Wie Pharos Wagen prunken deine Wangen. An deinem schlanken Hals, dem sammetweichen. Erglänzen Perlen und Rubinenspangen. Sulamith: Wie Myrrhenbüschel, die die Brust mir schmücken, Bist du an meinem Busen oft gehangen. Dein Wort gleicht Hymnen, die beim Traubenpflücken Die Winzer zu Engedi trunken sangen. Salomo: In meinem Busen tobt ein wilder Föhn. Den Honig deiner Lippen will ich saugen. Schön bist du, Sulamith, ja du bist schön. Denn deine Augen sind wie Taubenaugen. Zur Ruhe laden schwellend Rasendämme Dort laß uns kosen, küssen und — vergessen! Als Säulen ragen stolze Zedernstämme, Und des Palastes Wände sind Zypressen. II. Salomo: Wie Sarons Zauberblume prangst du blühend. Wie eine Rose unter Dorngestrüppen. Kein Weib, kein Mädchen hat so liebeglühend’. So heiße, ewig küssesdurst’ge Lippen. Sulamith: Du ragst, wie herrlich über alle Bäume Der wilde Apfelbaum gen Himmel starret; In seinem Schatten such’ ich süße Träume, Indes mein Herze des Geliebten harret. Die Linke mußt du um das Haupt mir schlingen. An deinen starken Arm will ich mich lehnen. Du mußt mir Blumen, rote Blumen, bringen. Denn ich bin krank, Geliebter, krank vor Sehnen. Salomo: Ihr Töchter Zions! Bei den jungen Rehen Beschwör’ ich euch, die Holde nicht zu wecken. Behutsam schleicht herbei auf leisen Zehen Und scheucht die Fliegen fort, die allzu kecken. Sulamith: Triumph! Ich höre meines Liebsten Stimme, Er kommt vom Berge, hüpfet über Hügel; So scheucht das Reh vor wildem Jägersgrimme. Er sprengt zur Liebsten, mit verhängtem Zügel.