Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 13 (30.3.1917)
- Date
- 1917-03-30
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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146 Das Jüdische Echo Nr. 13 Die Einheit Israels. Von Hillel Zeitlin (Warschau). Dieser Aufsatz, den wir dem „Moment“ entnehmen, richtet sich zwar speziell gegen die „Agudas hoortodoxim“, ist aber unseres Erachtens auch von großer allgemeiner Bedeutung. Wenn wir die Buchstaben unserer alten heiligen Schriften mit einem tiefen, inneren Blick lesen, wenn wir der Stimme, die aus der jüdischen Geschichte klingt, lauschen, wenn wir die ersten und wichtigsten Geschehnisse im Leben unseres Volkes Schritt für Schritt verfolgen, müssen wir zur Überzeugung gelangen, daß niemand so sehr gegen den Gott Israels sündigt, wie diejenigen, die Israel zerspalten und zerteilen wollen, wenn sie dabei auch die besten Absichten haben. Israel ist ein Organismus. Und wer Israel spaltet, der zerschneidet einen lebendigen Körper in Stücke. Israel ist ein Leib, und wehe dem Menschen, der diesen Leib zerlegt und Gehirn, Herz und die übrigen Organe von einander trennt. Als das Volk Israel über den Jordan gezogen war, blieben die Stämme Rüben, Gad und der halbe Stamm Manasse diesseits des Jordans, im Lande, das Moses ihnen zugewiesen, zurück und stellten dort einen eigenen Altar auf. War denn das ein Verbrechen? Und doch lesen wir im Buche Josua, daß die übrigen Israeliten zu diesen Stämmen, die sich losgetrennt hatten, Boten mit dem Priester Pinchas ben Elieser an der Spitze schickten, um ihnen folgendes zu sagen: „Wie versündigt ihr euch so an dem Gott Israels, daß ihr euch abkehrt von dem Herrn, damit, daß ihr euch einen Altar bauet, daß ihr abfallet von dem Herrn?“ Und erst als die genannten-Stämme den feierlichen Schwur leisteten, daß sie gar nicht beabsichtigten, von den Kindern Israels abzufallen, beruhigte sich das Volk. Wenn sie diese Erklärung nicht abgegeben hätten, wäre ihre Handlung eine „Sünde gegen den Herrn“ gewesen, wenn sie auch ihren Altar dem Herrn geweiht hatten. Weshalb? Weil derjenige, der sich vom ganzen Volke Israels absondert, die Einigkeit Israels zerstört; und wer die Einigkeit zerstört, versündigt sich am „einigen Volke“; und wer sich am einigen Volke versündigt, sündigt auch gegen den einigen Gott. „So sprach der Ewige, gepriesen sei er, zu Israel: Ihr habt ein Bild von mir in der Welt geschaffen, denn es steht geschrieben: Höre Israel, der Herr unser Gott ist ein einziger Gott. So werde auch ich ein Bild von euch in der Welt schaffen, denn es steht geschrieben: Wo gibt es denn noch ein Volk wie dein Volk Israel, das einige Volk auf Erden?“ (Trakt. Berachoth.) Israel ist ein einziges heiliges Gebilde auf Erden. Und wer sich von den übrigen Kindern Israels absondert, wenn er auch der Schönste und der Beste ist, zerstört dieses heilige Gebilde. Kann denn solch ein Vergehen entschuldigt werden? Wir lesen auch im Liede Deborahs: „Rüben hielt viel von sich und sonderte sich von uns ab.“ Und weiter sagt die Prophetin: „Fluchet der Stadt Meros, sprach der Engel des Herrn! Fluchet ihren Bürgern, daß sie nicht kamen dem Herrn zur Hilfe, zur Hilfe dem Herrn zu den Helden.“ Deborah verfluchte also die Stadt Meros nur dafür, weil sie sich mit den anderen Städten Israels nicht vereinigt hatte. Wenn man sämtliche Stämme Israels zu irgend einer gemeinsamen Sache zusammenrufen wollte, schickte man jedem Stamm, wie wir es im Buche der Richter lesen, ein Stück von einem geschlachteten Rinde. Das sollte, nach Ansicht der besten Kommentatoren, besagen, daß Israel ein Körper ist und jeder Stamm — ein Glied dieses Körpers. Was taugt aber ein Glied, wenn es vom ganzen Körper losgelöst ist? Die Sünde Jeroboams, des Sohnes Nebats, bestand darin, daß er die zehn Stämme von den Stämmen Jehuda und Benjamin losriß und absonderte. Der Prophet Hosea sagt ganz unzweideutig: „Wenn Ephraim auch den Götzen dient, laß ihn nur“, denn er wird früher oder später zur Wahrheit zurückkehren. „Ihr Herz ist zertrennt, nun werden sie die Schuld auf sich laden“; d. h. sie werden für wirklich schuldig befunden, wenn ihre Herzen zertrennt und von einander abgesondert sind. Darum heißt es auch im Talmud, daß, solange in Israel der Frieden herrscht, d h. solange Israel zu einem Volke vereinigt ist, der Herr dem Volke alle Sünden vergibt, selbst wenn es Abgötterei treibt. Was tun aber heute die. die sich sozusagen für „fromme Juden“ ausgeben? Sie reden viel vom Frieden und gründen dabei „Agudes“, deren Zweck es ist, diejenigen, die mit dem Stempel der Orthodoxie versehen sind, von allen übrigen Juden abzusondern. Wenn ihre Bestrebungen gelingen, wird das Volk Israel in zwei Teile geteilt sein: in Orthodoxen und Nicht-Orthodoxen. Haben uns unsere Lehrer und Propheten das gelehrt? Ich habe schon gezeigt, daß aus jedem Blatte der jüdischen Geschichte die Stimme klingt: „Teilt nicht und zerspaltet nicht meine Kinder!“ Die Leute behaupten einerseits tagtäglich, daß die Orthodoxie der wie an Bedeutung so an Zahl mächtigste Teil der Judenheit sei. Und andererseits wollen sie diesen „wie an Bedeutung so an Zahl mächtigsten Teil“ in einen engen in sich geschlossenen Kreis, in eine „Agudo“ sperren, die von bestimmten Personen, und zwar in einer ausgesprochen assimilatorischen Richtung geleitet wird. Sehen denn diese Prediger nicht den krassen Widerspruch zwischen den beiden Behauptungen? Wenn die Orthodoxen tatsächlich fast das ganze Volk Israel sind, so brauchen sie sich nicht in eine Agudo einzuschließen. Was braucht „der wie an Bedeutung so an Zahl mächtigste Teil“ des Volkes sich von den übrigen abzusondern? Wir wollen aber weder solche Fragen aufstellen, noch den Widersprüchen in ihren Behauptungen nachgehen. Wir wollen etwas ganz anderes feststellen: Heißt das Jüdischkeit, wenn sich ein Kreis, mit einigen Politikern an der Spitze, von den übrigen absondert und sagt: Nur wir allein sind echte Juden; die übrigen sind keine echten Juden? Mit welchem Recht dürfen diese Leute so etwas behaupten? Wer hat ihnen erlaubt, das Volk Israel in Stücke zu teilen? Wenn sich einige fromme Juden zusammentun, um Psalmen zu lesen, um den Talmud zu studieren und gottgefällige Werke zu verrichten, so möge auf ihnen Gottes Segen ruhen. Wenn sich viele fromme Juden vereinigen, um Synagogen, Bethäuser, Jeschiwes oder Chedarim zu gründen, so möge auf ihnen Gottes Segen ruhen. Wenn sich viele fromme Juden vereinigen, um das Gesetz zu stärken und diese „Stärkung“ nicht in Bekämpfung andersdenkender Juden, sondern in