Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1917-03-30 · 13 (30.3.1917) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
13 (30.3.1917)
Date
1917-03-30
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9072829-9102967-9138092--01377-9074201
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Das Jüdische Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Viertel). M. 1.—,Halbj. M. 2.—,Ganzj. M. 4.—, Einzelnummer 10 Pf.—V e r 1 a g des „Jüdischen Echo“: München, Herzog Maxstr 4 — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, wm/immm Anzeigen: Die viergespaltene ' onpareille - Zeile oder deren Raum 40 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 13 München / 4. Jahrgang 30. März 1917 Rufiland. Zum Umsturz in Rußland, dessen Formen uud Folgen sich noch gar nicht überblicken lassen, brachten alle deutsch-jüdischen Blätter überaus optimistisch gehaltene Artikel. Wir können diesen Optimismus, insofern er sich auf die künftige Gestaltung der Lage der Juden in Rußland bezieht, noch nicht teilen. Die Oktobristen, die in der neuen Regierung eine große Rolle spielen, waren niemals ffür die Aufhebung der Judengesetze zu haben, und selbst die Kadetten fanden die Diskussion darüber in der Duma — noch vor einem Jahre — „nicht zeitgemäß“. Wir glauben nicht, daß die in der russischen Gesellschaft vorhandenen judenfeindlichen Tendenzen von heute auf morgen verschwinden können. Alle in Rußland bestehenden Beschränkungen für die Juden beruhen bekanntlich auf „provisorischen“ Gesetzen des Jahres 1881. Und von diesen hat einmal jemand gesagt: „Himmel und Erde werden vergehen, aber die provisorischen Judengesetze sind ewig“. Obwohl die neue Regierung der Bevölkerung, neben anderen schönen Dingen, die Abschaffung aller religiösen und nationalen Beschränkungen versprochen hat, gehen unsere Hoffnungen und Wünsche für den Augenblick nicht weiter, als daß im Zusammenhänge mit der Revolution keine Pogrome ausbrechen möchten, zumal die Osterzeit vor der Türe steht und aus den südrussischen Städten, die seither der Schauplatz der großen Pogrome gewesen sind, Anzeichen einer Gegenrevolution gemeldet werden. Vorstehende Zeilen waren bereits geschrieben, als die „Vossische Zeitung“ folgendes Telegramm ihres ausgezeichnet informierten Stockholmer Vertreters, Max Th. Behrmann, vom 23. März brachte: „Obwohl seit dem Bestehen der neuen russischen Regierung die Briefzensur an der russischschwedischen Grenze mit so drakonischer Strenge waltet, daß seit Wochenfrist überhaupt keine russische Briefpost in Schweden angelangt ist, gelang es meinem Petersburger Vertrauensmann, mir eine Zuschrift zu übermitteln, die folgende merkwürdige Aufschlüsse über das Verhalten der neuen russischen Regierung zur Judenfrage liefert: Man hat Grund zu der Befürchtung, daß auch die neue russische Regierung nur höchst unwillig und unvollkommen an die Lösung der jüdischen Frage in Rußland herantreten dürfte. Die russischen Juden haben nicht übersehen, daß an der Spitze des neuen russischen Ministeriums der Semstwopräsident Lwow steht, der sich immer gegen die Heranziehung von Juden zur Semstwoarbeit gewehrt hat. Mit Furcht, wenn nicht gar mit Unwillen wurde festgestellt, daß zu den hervorragendsten Mitgliedern der neuen Regierung der Kriegsminiter Gutschkow zählt, der, was weiteren Kreisen gänzlich unbekannt zu sein scheint, Mitbesitzer und Verwaltungsrat der judenhetzerischen „Nowoje Wremja“ ist. Aber auch einzelne Tatsachen aus der allerjüngsten Zeit beweisen, daß die russischen Juden allen Grund zu den ernstesten Befürchtungen haben. Als Miljukow neulich von dem Petersburger Vertreter der „Central. News“ über seine Stellungnahme zur Judenfrage befragt wurde, wich er einer genauen Antwort aus und begnügte sich mit der allgemeinen Redensart, die russischen Juden würden „in Zukunft“ alle Rechte der russischen Untertanen erhalten. Als ferner Gutschkow bald nach seiner Ernennung zum Minister von jüdischer Seite befragt wurde, ob er für die Eröffnung der Offizierslaufbahn für die im Felde stehenden jüdischen Krieger eintreten werde, erwiderte er ausweichend, die Offiziers- Ernennungen hingen nicht von ihm ab. Des weiteren sei festgestellt, daß die russischen Konsulate im neutralen Auslande nach wie vor die Paßvisierung nach Rußland für neutrale ausländische Juden verweigern, und daß dahingehende drahtliche Anfragen an die Petersburger Zentralinstanz unbeantwortet blieben. Anfragen der Petersburger, Moskauer und Kiewer Juden an den neuen Unterrichtsminister Manuilow. ob die jüdischen Abiturienten nunmehr auf die Aufhebung des bisherigen Einschränkungsgesetzes wegen der Immatrikulation jüdischer Studenten rechnen dürfen, wurde mit der gleichfalls ausweichenden Antwort bedacht: Die Regierung werde diese Frage im Auge behalten. Höchst bemerkenswert ist es, daß die neue russische Regierung in ihren bisherigen unzähligen Manifesten es sorgsam vermieden hat, über die gerade in Rußland so außerordentlich wichtige Judenfrage eine deutliche und bündige Erklärung abzugeben.“ Auch in der „Frankf. Ztg.“ finden wir eine wenig erfreuliche Nachricht aus Stockholm vom 21. März : „Unter der jüdischen Bevölkerung, die an zahlreichen Orten Südrußlands nach Bekanntwerden der Petersburger Revolutionsvorgänge Freudenkundgebungen veranstaltete, herrscht plötzlich Besorgnis vor der mißtrauischen und drohenden Haltung der Bauern.“

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.