Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 12 (23.3.1917)
- Date
- 1917-03-23
- Page
- Seite 138 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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138 Das Jüdische Echo Nr. 12 besonders betonte. Er verweilte dann länger bei dem Fest, welches wir gerade begingen, vom geschichtlichen, moralischen und symbolischen Standpunkt. Zum Schluß entwickelte er die großen Grundsätze, deren Verwirklichung unsere Geschichte gewesen ist und deren Diener und Märtyrer wir waren. In zuversichtlichen Worten erklärte er, daß das kleine Licht des jüdischen Volkes niemals verlöschen werde, daß es stets fortfahren werde zu brennen, bescheiden aber hell, gespeist von der unerschöpflichen Ölkanne unserer geistigen Tradition, bis der Tag kommt, wenn es in dem von uns besessenen Palästina von neuem die Rolle eines mächtigen Scheinwerfers Spielen wird, der seine Strahlen über die ganze Welt ergießt. Mit warmen Gefühlen von Dankbarkeit und Achtung applaudierte die erlesene Zuhörerschaft und dankte dem Redner, dessen Lauterkeit das Gewissen erweckte und die Zuversicht des größten Pessimisten belebte. (Aus d. „Jew. Chr.“) iletttjgt «Mit ftritgsattlti&e;n jtifltmt! Welt-Echo Die Judenfrage im preußischen Abgeordnetenhause. Bei der Beratung des Kultusetats sagte der fortschrittliche Abgeordnete Eickhoff: „Antisemitische Velleitäten passen in die jetzige Zeit nicht hinein. (Sehr richtig! links.) Wir bedauern deshalb, uns gegen antisemitische Orgien an einzelnen höheren Anstalten wenden zu müssen. Die Juden haben dem Vaterlande in gleicher Opferwilligkeit gedient wie alle anderen Staatsbürger. Deshalb bedauern wir auch, daß ein so hervorragender Gelehrter wie Herr v. Schmoller sich von diesen antisemitischen Anwandlungen nicht völlig hat freimachen können. (Sehr richtig! links.) Wir bedauern das um so mehr, als sich Professor v. Schmoller von Professor Schwalbe öffentlich hat sagen lassen müssen, daß seine Behauptungen nicht einmal den Tatsachen entsprechen.“ Der Abg. Cassel (F, Vp.) richtete folgendes Ersuchen an den Kultusminister: „Die Bestellung der Feldrabbiner hat sich nach Ansicht der Heeresverwaltung bewährt, und ich wäre dem Minister dankbar, wenn er eine Erklärung über die Stellung der Feldrabbiner abgeben würde.“ Obwohl der Kultusminister von Trott zu Solz unmittelbar nach dem Abg. Cassel das Wort ergriff, hat er nach den vorliegenden Parlamentsberichten die gewünschte Erklärung nicht abgegeben. über einen Fall gesunder Selbsthilfe wird dem •„Im deutschen Reich“ aus einer sächsischen Stadt berichtet. Dort hatte eine Zeitung einen antisemitischen Artikel veröffentlicht. Die dortigen Juden haben darauf einhellig dem Blatte die Anzeigen entzogen, was zur Folge hatte, daß auch viele christliche Konkurrenten der Juden in dem Blatte nicht mehr anzeigten. Nach einigen Wochen erschien der kaufmännische Leiter jener Zeitung bei Herrn Dr. G,. einer führenden Persönlichkeit in der jüdischen Gemeinde. Er klagte, daß dem Blatte bereits ein Schaden von 25 000 Mark entstanden sei, und. bat um die Vermittlung für eine Verständigung mit den jüdischen Kaufleuten. Der Verlagsleiter verpflichtete sich schriftlich, daß das Blatt antisemitische Ausfälle nicht mehr bringen werde, woraufhin die jüdischen Kaufleute dem Blatte ihre Anzeigen wieder zuwandten. Das Beispiel sei zur Nachahmung empfohlen. Niemand kann verlangen, daß wir in einem persönlichen und geschäftlichen Verkehr mit denjenigen bleiben, die durch Beschimpfung unsere Ehre, durch Verleumdung unsere Rechte schmälern wollen, oder gar. daß wir diejenigen wirtschaftlich stärken, die uns moralisch schwächen wollen! Lehrreiche Gerichtsverhandlungen. In der Zeitschrift „Im deutschen Reich“ lesen wir: „Seit einiger Zeit habe ich oft Gelegenheit, kurzen Schöffengerichtsverhandlungen beizuwohnen, teils in Berlin, teils in Charlottenburg. Die meisten drehen sich um Verstöße gegen die Bestimmungen über den Verkehr mit Nahrungsmitteln. Angeklagt sind zumeist kleinere Geschäftsleute, die sich in ihrer neuen Wichtigkeit und Würde so groß Vorkommen, daß sie das Publikum auf alle mögliche Weise zu schikanieren versuchen. Und mich erinnern diese Verhandlungen an einen Vorgang, den ich einmal in einem Grünkramladen in Wilmersdorf erlebte. Ich befand mich in demselben, als die Inhaberin, eine richtige derbe Berliner Hökerin, zu den Kunden anläßlich der bei ihr vorübergehend eingetretenen Kartoffelknappheit sagte: „Daran ist bloß der verd . . . Jude schuld.“ Diese Worte merkte ich mir, und bei allen Schöffengerichtsverhandlungen obengenannter Art, denen ich beiwohnte, und es waren mindestens ihrer fünfzig, stand kein einziger Jude auf der Anklagebank, sondern nur Kollegen und Kolleginnen jener Grünkramfrau mit der etwas schiefen Auffassung über die Schuldfrage bei der Kartoffelknappheit. Und ich besuche daraufhin weiter diese Verhandlungen und werde getreulich Mitteilung machen von dem ersten Fall in dem ein Jude wegen Verstoßes gegen eine der zahlreichen Bestimmungen über die Handhabe der Verteilung von Lebensmitteln verurteilt werden wird. Wie gesagt bisher ist ein Jude in allen Prozessen nicht einmal angeklagt, geschweige denn verurteilt.“ Volk und Religion im Judentum. Vor kurzem hielt Konsistorialrat Dr. Richter in Königsberg einen Vortrag über Religion und Kirche. Uns interessiert hier seine Auffassung über das Judentum. Er führte aus: „Aus der heißen Liebe zum Volke wurden die alttestamentlichen Propheten geboren, und in dieser Verschmelzung hat sich das Judentum erhalten bis auf den heutigen Tag. Volk und Religion ist untrennbar auch in dem fürchterlichen Ringen dieser Tage.“ Zur polnischen Judenfrage. Unter dem Titel „Die zwei Grenadiere“ bespricht der „American Hebrew“ vom 9. Februar die „Leistungen“ der beiden polnischen Assimilantenführer, Dicksfcein und Natanson, zugunsten der Judenfrage in Polen. Er erinnert namentlich daran, daß Natanson einst, vor dem Kriege, bei der Besprechung der Erteilung von gleichen Bürgerrechten an die polnischen Juden, einer Anzahl von Dumaabgeordneten erklärt habe: Es sei gefährlich den polnischen Juden Munizipalrechte zu erteilen, denn sie seien nichts als eine Masse von ignorantem, fanatischem Pöbelvolk, unfähig sich mit städtischen und staatlichen Dingen überhaupt abzugeben. Dieser selbe Natanson nun wurde jetzt als Vertreter der Juden im polnischen Kronrat gewählt! Der zweite „jüdische“ Vertreter, Herr Kempner, der sich durch seine „Nova Gazeta“ als rein antisemitischer Schürer entpuppte, ist in vielen Hinsichten noch schlimmer als selbst Natanson. Diese sollen nun die Juden und ihre Interessen, im polnischen Staatsrat vertreten und dafür Sorge tragen, daß den 1 800 000 Juden Polens ihr Recht geschehe!